Full text: Hessenland (16.1902)

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welchem er den in der Erde verborgenen Reichtum 
hat, Krone und Szepter in der Linken; 6. Göttin 
des Friedens (Eirene), mit Kind auf dem linken 
Arme, den Reichtum (jtaovrog) bedeutend, und 
Frucht in der rechten Hand, ähnlich einer Statue 
in der Glyptothek zu München, Gruppe des Kephi- 
sodotns, Vaters des Praxiteles. 
An den beiden Eckpunkten des Mittel-Fahrwegs: 
7. und 8. die zwei Rossebändiger von Rahl. 
Zwischen dem Mittel-Fahrwege und dem Hirsch- 
graben: 9. Göttin Vesta mit dem Feuer zur Rechten; 
10. römischer Liktvr mit Rutenbündel und Beil. 
Auf dem Bowlinggreen bis zum zweiten bewohnten 
Pavillon an der östlichen Seite der Orangerie: 
11. Apollo mit Leier in der Linken; 12. Raub 
der Proserpina durch Pluto mit dem dreiköpfigen 
Höllenhunde Cerberus zur Seite; 13. Mann und 
Frau, welche ersteren tränkt. Diese Gruppe wird ans 
die Haft des Atheners Cimon, des Sohnes von 
Miltiades, wegen Nichtzahlung der ihm auferlegten 
Geldbuße bezogen, der im Gefängnisse dem Hunger 
tode preisgegeben und von seiner Halbschwester 
gerettet wurde, deren späterer Ehemann die Schuld 
zahlte. 14. Vulkan mit Hammer und Ambos. 
Möchte Vorstehendes zur besseren Würdigung 
der beschriebenen Kunstwerke beitragen, welche so 
recht in die paradiesische Schöpfung der Karlsaue 
hineinpassen, und sich der herrlichen Naturschönheit 
derselben zur Seite stellen. <5. Neuvcr. 
Die Kanzel in Ät. Katharinas zu Eschwege?) 
Seit Kaiser Ottos Tage», „der Rote" zubenannt. 
Ist auch im Werrathäle eia alter Ort bekannt. 
9iarf) „Wegen unter Eschen", die dort man früher sah. 
Erhielt er seine» Namen, so sagt die Chrvuika. 
In diesem Städtchen ragt noch aus längstvergaugner Zeit 
Ein altersgrauer Tempel. St. Katharin' geweiht, 
Ter manchen Erdenpilger lind manches Menschenglück 
Sah kommen, blüh'n und sinken zum Erdenschoß zurück. 
Fast dreinndsiebzig Jahre die Werra floß ins Land, 
Seitdem er ward begonnen und nach und nach erstand. 
Als fertig Bauwerk steht er. gefügct nur ans Stein — 
Zur Ehre unsres Gottes feit Fünfzehnhundertnenn. 
Es stützen mächt'ge Pfeiler und Säulen voller Kraft 
Die kühngewölbten Bogen in gvt'schcr Meisterschaft; 
*) Hofphotograph O. Tellgmann in Eschwege hat die 
Kanzel von verschiedenen Seiten photographiert, so das; jede 
Aufnahme ein vollständiges Bild bietet. Auf dem Erce 
bonio - Bild erscheint das am Pfeiler eingelassene und in 
Stein gehauene Wappen des Stifters klar und deutlich. 
Ta sämtliche Rclicfbilder Kunstwerke sind. haben die 
wvhlgclnngcnen Aufnahmen besonderes Interesse. 
Ein steinern' Kunstgebilde vor allem ist der Chor, 
Wie hebt er uns're Seele so andachtsvoll empor. 
Ane Schafte eines Pfeilers siehst Tn die Kanzel dort. 
Wo seit vierhundert Jahren ertönt schon Gottes Wort. 
Sic gelte als ein heilig', besond'res Denkmal Dir. 
Alan sieht an ihren Seiten verfchied'ne Bilderzier: 
Das Ecce Home vorne, mit Szepter. Dorneukron', 
Tic Gottesmutter seitlich mit ihrem Gottessohn. 
Tic bilderreiche Kanzel auch unsern Sinn bewegt. 
Weit sie des edlen Stifters berühmten Namen trägt. 
Herr Heinrich von Eschewc, der kurz auch Heinz genannt. 
Ist uns aus der Geschichte als Kriegsheld wohlbekannt. 
Auch heute noch erglänzet des Urahns Wappenschild, 
Bei seines Stammes Sprossen die deutsche Treue gilt. 
Des Ritters Enkel standen dem Fürstenhansc nah, 
Mit Glanz und hohen Ehren man sie.umgeben sah. 
Noch heut' sind sie geachtet, in Würde und in Kraft, 
Im Heer, auf Ahnensihen als Zier der Ritterschaft. 
_ X 
In Nr. 199 der in Frankfurt a. M. erscheinenden 
Zeitung „Tie Sonne" vom 26. August d. I. sind 
unter der Überschrift „V o in letzten K tl r s ü r st e n 
von Hessen" von I. B. Müller-Hersurth Mit- 
teikungen über den genannten Regenten gemacht 
worden, die nicht völlig zutreffend sind. U. a. wird 
darin eine kleine Begebenheit wiedererzählt, in 
welcher der Oberstallmeister von Eschwege, der 
zugleich Oberst und Flügeladjutant des Kurfürsten 
war, eine Hauptrolle spielt. Herr von Eschwege 
wird hier als einfacher Stallmeister angeführt, der 
„sich öfter in finanziellen Kalamitäten befand", 
obwohl er zu den Hofchargen zählte und bekannt 
lich ein großes Vermögen besaß, sodaß er völlig 
unabhängig leben sonnte. Obwohl die Geschichte 
ebenso falsch als unappetitlich erzählt wird, wollen 
wir sie doch in der Fassung der „Sonne" wieder 
geben, um daran wieder einmal zu zeige», wie 
auch die kleinsten Thatsachen entstellt werden können. 
Ter in Rede stehende Passus in der „Sonne" lautet: 
„Zum Schlüsse meiner heutigen Plauderei will 
ich noch bemerken, daß der Stallmeister, ein Herr 
von Eschwege, den mau den schönen nannte, beim 
Kurfürsten in großer Gunst stand. Er durste sich 
viel erlauben. Eines Tages hatte ein Zirkusbesitzer 
begonnen, ohne des Kurfürsten spezielle Erlaubnis 
seine Bretterbude aufzuschlagen, weil ihm Herr 
von Eschwege gesagt hatte, er wolle ihm die Per 
mission besorgen, er möge nur einstweilen mit den 
Arbeiten anfangen. Herr von Eschwege vergaß 
aber die kurfürstliche Einwilligung zu holen, und 
als der Kurfürst von dem Zirkusbau vernahm, 
wurde er sehr wild."
	        

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