Full text: Hessenland (16.1902)

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Oberstleutnant Wurmb rückte in Eschwege ein 
und ließ in weitem Umkreise Frucht. Schlachtvieh 
und Pferde von den schon völlig erschöpften Ein 
wohnern beitreiben. Auf eine Ersatzforderung des 
Landgrafen Moritz erwiderte er, die geschädigten 
Bauern sollten ihm nach Braunschweig folgen. 
Nach kaum drei Monaten wurde Niederhessen 
von bayrischen Regimentern heimgesucht, auch 
Stadt und Amt Eschwege wurden von zwei 
Kompagnien des Herbersdorfer Regiments besetzt. 
Nahezu unmöglich war es den bedrängten Bürgern, 
die Verpflegungsvorschriften zu erfüllen. An barem 
Gelde mußten außer der Fourage wöchentlich 
330 Thaler für jede Kompagnie und 158 Thaler 
für den Stab des Regiments aufgebracht werden. 
Wie sehr das Land in jener Zeit ausgesogen 
war, das beweisen die Klagen der Landstände an 
den Landgrafen Wilhelm: „Im verwichenen 
Monat April haben die Kroaten und kaiserlichen 
Truppen auf seither unerhörte Weise das Land 
erbärmlich verderbt, fast alles, was in ihre Hand 
und Gewalt kommen, niedergehauen, den Leuten 
die Nasen, Zungen und Ohren abgeschnitten, die 
Augen ausgestochen, Nägel in die Köpfe und Füße 
geschlagen, heißes Pech, Zinn, Blei durch Mund, 
Nase und Ohren in den Leib gegossen, etliche 
durch allerhand Instrumente schmerzlich gemartert, 
viele durch Stricke aneinander gekoppelt, im offenen 
Felde in eine Reihe gestellet und teils mit Büchsen 
aus sie geschossen, teils mit Pferden geschleift k. 
Wie die wilden Thiere sind sie über die Kinder 
hergefallen, haben sie niedergehauen, gespießt und 
in Backöfen gebraten. Kirchen und Schulen haben 
sie zu Kloaken gemacht und viele adlige Wohnungen, 
Städte und Dörfer verbrannt." 
Wie sehr auch die Bewohner der Werrastädte 
zu geradezu unerschwinglichen Lasten herangezogen 
wurden, das lehrt ein Blick in die Allendorfer 
Stadtrechnung für 1627, aus welcher ein Auszug 
mitgeteilt sei: „Vom 17. Januar bis 23. Mürz 
1627 wurden dem kaiserlichen Oberstleutnant 
Quadt wöchentlich 400 Thaler ausgezahlt, was 
in zwanzig Zielen 8000 Thaler betrug. Bei 
seinem Abzug im Mai wurden noch verausgabt: 
9 Thaler zu Wein, 10 */2 Thaler für einen Becher 
dem ersten Quartiermeister wegen Verschonung 
mit starker Einquartierung rc. 33 Thaler sind 
der Pfaffe, Adjutant, Quartiermeister rc. beim 
Abzüge schuldig geblieben und haben solche dem 
Weinwirt nicht bezahlen wollen. 29 Thaler haben 
zwei Leutnants und die Vettern des Oberstleutnants 
beim Löwenwirt verzehrt und 9 Thaler an Wein 
damals vertrunken. 
Am 29. Februar verzehrte Tilly 61 Gulden 
7 Albus, der Kommissar Lerchenfeld 40 ©ulöcu 
23 Albus, der Stückhauptmanu Schneeweiß bei 
seinem Durchzuge 9 Thaler 13 Albus, für Ver 
pflegung von 200 Pferden 110 Thaler rc. 
Der Durchzug des Generals Pappenheim im 
August, der sich nach Göttingen wandte, kostete 
der Stadt 1431 Gulden 2 Albus 8 Heller. Es 
wurden ausgezahlt 202 Thaler für den General, 
100 Thaler für den Kommissarius, weil das 
Kriegsvolk zum Teil in die Dorsschaften gelegt 
wurde rc." 
Ähnliche Lasten brachte der Krieg auch der 
Stadt Eschwege. Nicht nur Wochen und Atonale, 
Jahre lang währten die Erpressungen. Noch im 
Mai 1629 lag der Oberst von Wahl mit seinem 
Regiment auf Kosten der Bürger in Eschwege. 
Da endlich erschien dem bedrängten Hessenlande 
von Norden her ein Strahl der Hoffnung. Gustav 
Adolf betrat den Kriegsschauplatz. Die feindlichen 
Besatzungen Hessens, auch Eschweges, wurden ver 
trieben. Zwar nahte Tilly, um Rache zu nehmen, 
schon waren in Eschwege die Quartiere bestellt, 
aber er mußte plötzlich seinen Zug abbrechen, um 
Pappenheim gegen Gustav Adolf beizustehen. 
In der Schlacht bei Leipzig wurde er geschlagen, 
und die Schlacht am Lech befreite die Stadt für 
immer von ihrem furchtbarsten Bedränger. 
Neue Hoffnungen erweckten die Erfolge des 
Schwedenköuigs in den Gemütern der erschöpften 
Bürger. Aber während noch die Hessen über die 
Siege der Schweden frohlockten, während der 
Landgraf entfernt von seiner Hauptstadt und der 
Werragegend weilte, fiel in diese Graf Pappen- 
heim ein. Anfangs Juni 1632 sandte er eine 
Schar Kroaten unter Gil de Hasst und Lambvi 
an'die Werra. Diese bemächtigten sich auch der 
Stadt Eschwege, nahmen die hessischen Besatzungen 
gefangen und beraubten die Bewohner, welche in 
die Gegend von Eisenach und Koburg flüchteten. 
Ter Stadt wurde eine Kontribution von 20000 
Thalern auferlegt, und die mit Brand und Mord 
bedrohten Einwohner, nicht imstande, diese Summe 
zu bezahlen, brachte!! Gold, Silber, Leder, Leinen, 
Tuch rc. aus das Rathaus. Als dies aber nicht 
langte, das Zahlungsziel ablief, Pappenheinis 
Reiter von neuem die Stadt heimsuchten und den 
Bürgermeister und Stadtschreiber als Geiseln mit 
schleppten, sandte die Landgräfin Juliane, Moritz' 
Witwe, deren Leibgedinge auf Eschwege stand, ihre 
Juwelen, Perlen und andere Kleinodien der Stadt 
zum Beitrag. Einige Monate nachher, als Pappen- 
j heim in Langensalza sich zum Zuge nach Lützen 
bereitete und Landgraf Wilhelm ihm einen Trom 
peter zur Auswechselung der Gefangenen zusandte, 
| entflohen jene Geiseln. Die Landgräfin Juliane
	        

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