Full text: Hessenland (16.1902)

Lschwege im öreitzigjährigen Kriege 
Von Wilhelm Kolbe. 
welcher Weise die hessische Haupt- und Residenz- 
3 stabt Kassel unter den kriegerischen Ereignissen 
des 17. Jahrhunderts, die drei Jahrzehnte hin 
durch ganz Deutschland erschütterten, zu leiden 
hatte, ist in dieser Zeitschrift bereits erörtert 
worden.*) Doch weit härter als die Hauptstadt 
wurden die übrigen Städte Hessens betroffen. 
Wieviel Elend und Armut der deutsche Völker 
krieg über Eschwege und seine Umgebung gebracht 
hat, verkünden mit herzbewegenden Klagen zu 
verlässige Männer, die in jener Zeit der Greuel 
und Verwüstungen durch wahrheitsgetreue Aus 
zeichnungen uns ein Bild von dem Elend ihrer 
Tage hinterlassen haben. — 
Glückliche Zeiten hatten den Wohlstand der 
Stadt gemehrt und ihr Ansehen unter den ersten 
Städten des Landes gefestigt. Da brach mit 
roher Gewalt der Krieg über unser Vaterland 
herein und bedrohte die Städte des Werrathales. 
Anfangs Juni 1623 ergab sich Wihenhausen, 
und noch in demselben Monat wurde Allendorf, 
das den ligistischen Truppen Widerstand geleistet 
hatte, genommen. Mitte Juni verlegte Tilly 
sein Hauptquartier von Hersfeld nach Eschwege 
und setzte am 24. Juni zwischen Allendorf und 
Witzenhausen über die Werra, ließ aber in Esch 
wege Truppen zurück. Tie Besetzung der Stadt 
war Tilly ohne Scharmützel gelungen. Auf güt 
lichem Wege hatte er sich in den Besitz des wichtigen 
Ortes gesetzt, einesteils durch Verhandlungen mit 
der Witwe des Prinzen Otto, die damals in 
Eschwege residierte, andernteils mit Hilfe des 
Adels, der durch allerlei Gefälligkeiten und gesell 
schaftliches Entgegenkommen die Gunst des ge 
fürchteten Feldherrn gewonnen hatte. Zum Lohne 
dafür stellte Tilly mehrere Schutzbriefe aus. 
Daß der Landesherr, Landgraf Moritz, mit 
dem Verhalten seiner Ritterschaft und der Werra 
städte nicht einverstanden war, beweist eine strenge 
Untersuchung, in die er auch die Stadtbehörde 
Eschweges und die beteiligten Adelsfamilien ver 
wickelte. Auch führte er Beschwerde beim Kaiser. 
Daß diese Maßnahmen des Landgrafen zu 
dem bald erfolgten Abzüge Tillys in irgend 
welcher Beziehung standen, ist kaum anzunehmen. 
Thatsache ist, daß Tilly Ende Juli 1623 seine 
Besatzungstruppen aus den Städten des Werra- 
thckls abrief. 
*) „Kassel im 30jährigen Kriege" von Dr. Schwarz- 
kopf. „Hessenland" 1900, Seite 226 ff. 
Zwar war die Umgegend Eschweges nun von 
den Truppen gesäubert, aber noch lange währte 
das Andenken an Tillys Soldateska; der Feind 
hatte eine ansteckende Krankheit zurückgelassen, der 
Hunderte zum Opfer sielen. 
Jedoch nur kurze Zeit blieb die Stadt von 
den Truppen verschollt. Anfangs Oktober brach 
Tilly abermals in Hessen ein, und seine Scharen 
sogen von neuem das Land an der Werra ans. 
„In und um Eschwege war bald kein Rind- und 
Zugvieh mehr aufzutreiben, und man erklärte sich 
außer stand, die noch rückständige Landrettungs 
steuer zu zahlen, welche die Regierung für die 
landgräflichen Truppen, die Kriegskommissare 
aber für Tillys Einquartierung verlangten. Ein 
kaiserlicher Oberbefehlshaber. Adolf von Holstein, 
drohte sogar den Kommissaren von Boynebnrg 
und Hundelshausen, sich an ihnen zu erholen, 
wenn sie seinen Leutnant in Waldkappel, Georg 
Dobschütz, nicht befriedigten. Derselbe verlangte 
u. a. wöchentlich für Gewürz und Konfekt sieben 
Thaler und statt eines Eimers Wein zehn Thaler." *) 
Das ganze Jahr 1624 hindurch hausten Tillys 
Truppen in Eschwege und der Werralandschaft. 
Im Februar 1625 berief der Feldherr sogar 
einen Landtag nach Hersfeld, der auch von einem 
Eschweger Vertreter besucht wurde. Zwar ver 
sprach Tilly der Stadt und der gesamten Ritter 
schaft Schutz und Beistand, verschaffte ihnen auch 
einen kaiserlichen Schutzbrief, konnte aber gleich 
wohl die Stadt nicht vor den Greueln des Krieges 
bewahren. 
Als eine Erlösung empfanden es die Bürger, 
als endlich beim Anzuge des Königs Christian 
von Dänemark Tilly nach fast zweijährigem 
Aufenthalte das Land verlassen mußte. 
Doch auch dieses Mal konnte sich die Stadt 
nur kurze Zeit der Ruhe freuen. Jin September 
zog das gefürchtete Heer Wallensteins durch 
Hessen. In Eschwege blieb dieser mehrere Wochen 
und richtete dort ein Feldzahlamt ein. 
Rach dem Abzüge des Friedlünders bemächtigte 
sich der Graf Merode mit 6000 Mann der 
Stadt und gründete dort, dem Befehle Wallen 
steins folgend, eine Sammelstelle für die zerstreuten 
Truppen. Im Frühjahr 1626 zog der größte 
Teil der ligistischen Heerhaufen ab. 
Die Kaiserlichen wurden von dem Korps des 
[ Herzogs Georg von Lüneburg abgelöst. Sein 
*) Schminke. Geschichte der Stadt Eschwege. S. 227.
	        

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