Full text: Hessenland (16.1902)

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unser Volksstamm seit 600 Jahren durchlebt hat", 
fährt er fort: 
Die Regierungszeit Kurfürst Friedrich Wilhelms ist 
zum großen Teil ausgefüllt durch den Streit um die 
Verfassung. Zwei Generationen, unsere Väter und unsere 
Großväter, haben darin ihre Kräfte erschöpft: das Bild, 
das man von Kurhessen draußen im Reiche hatte, ward 
einzig und allein von dieser Vorstellung beherrscht. aus 
der sich wohl gelegentlich auch ein Zerrbild despotischer 
Mißwirtschaft entwickeln konnte. In Wahrheit ließ es 
sich gar nicht so übel leben im Ländchen. Es erfreute sich 
einer zuverlässigen Rechtspflege, eines tüchtigen Beamten 
standes, in dem — und das war mit ein Verdienst des 
Landesherrn — kein Strebertum aufkommen konnte, wohl 
geordneter Finanzen, mäßiger Stenern; das Militär, von 
Alters her der Stolz unseres kriegstüchtigen Stammes, 
wurde wenig drückend empfunden. 
Aber — der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er will 
auch Licht und Luft und Sonnenschein zur Entfaltung 
freudigen Strebens! Daran aber hat es in Kurhessen 
durch mehr als ein Menschenalter nur allzusehr gemangelt. 
Es ging ein finsterer Geist dlirch das Land in den Tagen, 
da Hassenpflug, Vilmar und Scheffer am Ruder waren, 
und das reiche Kapital an Bürgertugend und patriotischem 
Streben, an Thatkraft und Intelligenz, das damals in 
unserem Vaterlande aufgespeichert lag, ist nicht zur Ent 
faltung gekommen. Wer hat den Schomburg und Gerland, 
den Pfeiffer und Baumbach, den Schotten und Schwedes 
die Freudigkeit ihrer Hingabe an das Vaterland gestört 
und gebrochen? Welche Unsumme von Bitterkeit und Harm 
ist in unzählige unserer besten Familien getragen worden 
unter dem Schutze des Feldgeschreies: Nieder mit der 
Revolution! 
Nun hat man uns freilich einen Ausweg eröffnen 
wollen: nicht die Menschen seien schuld an diesen traurigen 
Zuständen gewesen, sondern das unselige Ding, das sich 
knrhessische Verfassung nennt. Es ist wahr. das unschein 
bare Heftchen vom Jahre 1831, das ich hier in der Hand 
halte, ist ein furchtbarer Erisapfel gewesen. Tie Ver 
fassung vom Jahre 1831 ist längst von der Geschichte 
gerichtet: sie ist durch die eine Thatsache gerichtet, daß sie 
über unser Volk und insbesondere über den Offizierstand 
jene furchtbare Gewissensnot bringen konnte, die dieser ehren 
haft, aber tieftragisch-bestanden hat. 
Diese Verfassung, dem schwachen und schuldbeladenen 
Kurfürsten Wilhelm I I. in der Notlage abgerungen, miißte 
für jeden Fürsten, der den Begriff der Monarchie nicht 
zum Kinderspott werden lassen wollte, unerträglich sein. 
und die Geschichte würde Friedrich Wilhelm ans seinem 
Widerstrebe» keinen Vorwurf machen, wenn er die rechten 
Mittel und Wege gesucht und gefunden hätte, mit dem 
intelligenten Bürgertum zu einer Verständigung über den 
Ausbau der Verfassung im Sinne einer gründlichen Re 
vision zu gelangen. Es hat später nicht ganz an ehrlichen 
Ansätzen dazu gefehlt, aber das Mißtrauen war beiderseits 
zu tief eingefressen: man hatte unter dem Anshängeschilde 
Auslegung und Revision der Verfassung allzuviel Beugung 
und Bruch des guten Rechts erfahren, und so war man 
auch auf Seiten der Landstände immer hartnäckiger ge 
worden. 
Gewiß, die Verfassung war ein unhistorisches Produkt 
eines importierten Doktrinarismus, ihre Verteidiger haben 
den besten Teil ihrer Kraft und ihres Bürgersiuns in 
unfruchtbaren Streitigkeiten verbraucht, sie haben ihren 
Gegnern, die in ihnen die Revolution bekämpften, viele 
Blößen gegeben. Aber trotz allem dem trifft die schwerere 
Schuld den Kurfürsten und seine Ratgeber. 
Kurfürst Friedrich Wilhelm freilich war ein Mann, 
der wenn irgend einer von der Geschichte ein mildes Urteil 
fordern darf. Er hat eine freudlose Jugend, Mannesjahre 
voll Sorgen und Kümpfe, ein Alter in Kummer und 
herzbrechendem Heimweh gehabt. Er ist ein unglücklicher 
Fürst gewesen. Seine ersten Erinnerungen fallen zusammen 
mit dem Exil. von den erhebenden Eindrücken der Be 
freiungszeit ist ihm wenig zu gute gekommen, und der 
wach gewordene Blick des Jünglings sah die Maitresscn- 
und Günstlingswirtschaft des Vaterhauses. Wohl haben 
ihm der Großvater und die Mutter die besten Erzieher 
und Lehrer zur Seite gegeben:. v. Below. Suabedissen, 
Wilh. Grimm; aber ganz abgesehen davon, daß die Geistes 
gaben des Knaben nicht hervorragend waren, sie vermochten 
den schlimmsten Fehler, seine Verschlossenheit und sein 
Mißtrauen gegen die Menschen, nicht zu besiegen. Und 
leider, leider hat er nur allzuviel erlebt, tvas diese ver 
hängnisvolle Neigung bestärken mußte. Ich brauche ans 
jene Kette aufregender, niederschlagender, beklemmender 
Erlebnisse aus der Regiernngszeit seines Vaters nur hin 
zuweisen. nur zu erinnern an den unheimlichen Tod des 
Lakaien Bechstädt. an die Drohbriefe und so vieles andere 
Der Kurfürst hat keinen Glauben an edle Regungen 
und Instinkte der Menschen gehabt, wenigstens nicht in 
ihrem Verhältnis zu Fürsten und Höfen. Unter diesem 
tiefeingewnrzelten Mißtrauen haben schließlich mehr oder 
weniger alle leiden müssen, die längere oder kürzere Zeit 
sein Vertrauen zu besitzen glaubten. Dazu kam ein anderes, 
was abzuleugnen thöricht und ein Frevel wäre. Der Kur 
fürst hatte nicht nur eine schwere Zunge, die ihm die leichte 
Anssprache erschwerte und ihm selbst in Reden und Schweigen 
manchen Kummer bereitet hat. sondern auch einen zähen, 
schwere» Verstand. Er erfaßte nicht leicht eine Situation 
und hielt dann mit einer an Starrsinn grenzenden Zähig 
keit an dem einmal Erfaßten fest. Es war sein tragisches 
Verhängnis, daß auch seine guten Eigenschaften lind Gaben 
selten so zutage traten, daß sie sich der Mißdeutung ent 
zogen. Friedrich Wilhelm ist nicht nur ein sorgender 
Gatte und Vater von bürgerlicher Tugendhaftigkeit gewesen, 
er war auch als Regent in seiner Art ein Mann der 
strengen Pflichterfüllung, und wenn er gegen die höheren 
Beamten oft mit quälender Strenge seine Herrschergcwalt 
ausübte, so traten ihm anderseits die Sorgen und Leiden 
des kleinen Biannes leicht nahe. Sein Verhängnis war 
zeitlebens die Enge seines Blickes: als die höchste seiner 
Pflichten, aber wirklich und ernsthaft als eine Pflicht er 
schien ihm unter allen Umständen die Geltendmachung 
seines Souveränetütsrechtes. Im Sinne des aufgeklärten 
Despotismus des 18. Jahrhunderts hielt er darin seine 
Pflichten und Aufgaben für sämtlich eingeschlossen. Und 
er war durch und dlirch ein Alaun jener früheren Zeit 
ein Rationalist, den die Romantik Wilhelm Grimms. 
Hassenpflugs und Vilmars völlig unberührt gelassen hatte, 
Er war auch in seiner Art ein deutscher Patriot und ein 
Alaun von nationalem Ehrgefühl, und wir haben kein 
Recht, über die Unsicherheit seiner Politik zu spotten, wenn 
wir die Jrrgänge betrachten, die damals auch andere 
gegangen sind . . .
	        

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