Full text: Hessenland (16.1902)

Beamten des kurfürstlichen Hofmarschallamtes und 
der Chatoullekasse. 5. Tie dienstthuenden Hos- 
chargen: Kammerherren von Bodenhansen 
und von Trott. 6. Der Hofmarschall Freiherr 
von Verschuer. 7. Die kurhessischen Haus- 
orden. getragen von dem Ordensrate Hvfsekretär 
Preser. 8. Tie Geistlichkeit. 9. Der kurfürst 
liche Wagenmeister. 10. Der Trauerwagen, ge 
zogen von acht Isabellen, welche von acht Marstalls- 
Livröedieueru an schwarzen, mit Krepp garnierten 
Beizügeln geführt wurden. Dem Trauerwagen 
zu beiden Seiten gingen die Hofoffizianten sowie 
die Hof-Livrve-Dienerschaft. Am ersten Pferde 
links ein Stallmeister. 11. Dem Leichenwagen 
folgten und zwar: ;i) die hohen Leidtragenden; 
b) fürstliche Personen und Vertreter von Sou 
veränen; c) der Kabinetsrat Schim inelpfeng; 
«1) die Vertreter der Herrschaft Horschowitz und 
zwar: «. Geheimer Hofrat von Baumbach, 
ß. Forstmeister von Bodenharlsen; e) die 
zur Abholung der Leiche nach Böhmen ge 
kommenen kurhessischen Offiziere rc. Von Fürst 
lichkeiten waren erschienen der Landgraf von 
Hessen-Philippsthal. Prinz Alexander von Hessen- 
Tarmstadt und der Prinz von Meiningen. Em 
pfangen wurde der Zug von dem Oberpräsidenten 
von Bodelschwingh, dem kommandierenden 
General des XI. Armeekorps von Bose, den 
höheren Zivilbeamten und der städtischen Behörde. 
Viele Tausende füllten die Straßen von dem 
Bahnhof bis zum alten Friedhof, dessen Eingang 
schnell erweitert worden war. um möglichst Raum 
zu schaffen. Pfarrer Färber aus Prag hielt die 
Leichenrede, und dann schloß sich das Grab über 
dem Sarg des letzten regierenden Fürsten der 
Linie Hessen-Kassel. — 
Nachdem der Lebensgang des Kurfürsten, ohne 
in das Einzelne zu gehen, zu schildern versucht 
worden ist, sei noch einiger seiner persönlichen 
Eigenschaften gedacht, die bisher nicht erwähnt 
werden konnten. 
Bei all' dem reichen Aufwand, den der Kur 
fürst für seine Hofhaltung als unerläßlich hielt, 
war er selbst sehr genügsam. Dem äußern An 
schein nach war er stolz und kalt und der Eindruck 
der Unfreundlichkeit wurde durch Wortkargheit 
noch verstärkt, während er bei seiner Familie und 
im Kreise seiner Vertrauten oft vielen Humor 
entfalten konnte. Zahlreiche Überlieferungen legen 
auch Zeugnis von seinem Sarkasmus ab. Den 
besten Beweis für die dem Heiteren zugeneigte 
! Leitung stehendes vorzügliches Orchester, in welchem 
j zu einem großen Teil die Mitglieder der Kapelle 
des Leibgarde-Regiments mitwirkten, eine Schar 
von Künstlern, die in Deutschland ihresgleichen 
suchten Ferner ist hervorzuheben, daß schon von 
seinen Erziehern sein Verständnis für Architektonik 
bemerkt worden ist, das auf seinen späteren Reisen 
sich weiter entwickelte. Er glich hierin seinen 
Vorfahren, nur daß er aus Sparsamkeitsrücksichten 
seine Neigung nicht bethätigte.*) Die Schranke, 
die er sich in dieser Beziehung namentlich mit 
i Rücksicht auf die Zukunft seiner Familie auferlegen 
j zu müssen glaubte, soll er stets drückend empfunden 
haben. In der erwähnten Vorliebe dürste auch 
die Einflußnahme auf die Privatbauten in Kassel 
begründet gewesen sein, die ihm manchen Vorwurf 
eingetragen hat. Die Änderungen, die er ver 
langte, waren aber meist Zeugnisse seines guten 
Geschmackes, wie von einer ihm nahestehenden 
Seite beobachtet worden ist, und würden auch 
größtenteils willig hingenommen worden sein, 
wenn sie schneller erfolgt wären. Ferner hatte 
l der Kurfürst ein großes Interesse für Diamanten, 
und ließ er dies auch nicht zur Liebhaberei werden, 
so galt er doch als ein bedeutender Kenner auf 
diesem kostspieligen Gebiet.**) 
Nicht besser aber kann dies Gedenkblatt beendet 
werden, als mit Wiedergabe der Schilderung der 
kurhessischen Verhältnisse und der Charakteristik, 
die Herr Professor Edward S ch r ö d er in seiner 
Ansprache bei der Jahresversammlung des hessischen 
Geschichtsvereins in Gelnhausen am 22. Äugust 
von dem Kurfürsten entworfen hat, da letztere 
von dessen eigenartigem Wesen ein scharf um- 
rifsenes Bild giebt. 
Nachdem Herr Professor Schröder dagegen 
protestiert, daß die Verteidigung des Kurfürsten 
zum Angriff übergehe nicht nur auf die Errungen 
schaften des letzten Menschenalters, sondern auch 
auf die Personen, welche dem Kurfürsten in ehr 
lichem Kampfe gegenüberstanden, und es als eine 
Kränkung der von hundert und tausend Lebenden 
bezeugten historischen Wahrheit bezeichnet, wenn 
„die 35 Jahre der Regierung Friedrich Wilhelms 
zu den glücklichsten Zeiten gezählt werden, die 
*) Trotzdem belief der Hofbauetat sich jährlich auf 
80,000 Thaler. Goeddaeus, S. 28. 
Sinnesart des Kurfürsten gibt jedoch das Repertoir 
seines Hoftheaters, auf welchem das Lustspiel und 
die Posse, sowie die Spieloper und das Ballet vor 
herrschten. Stolz war er auf sein unter Spohrs 
**) Wenn jemand aus feiner Umgebung von einem 
fremden Fürsten einen Brillantring empfing oder eine 
Nadel oder eine Dose mit Brillanten, so lief; er sich die 
Geschenke gern vorzeigen und hatte seine Freude daran, 
dieselben zu taxieren und das offizielle Taxatum, welches 
diesen Kleinodien gewöhnlich beiliegt, dem seinigen an 
nähernd zu finden. <AuS den Tagen eines erloschenen 
RegentenhauseS, S. 65. C. Meyer, Hannover 1878.)
	        

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