Full text: Hessenland (16.1902)

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Winter kam, im Schloß zu Hanau. Den Tag, an 
welchem die Annektiern n g Kurhessens öffentlich 
in Hessen verkündigt wurde, wollte der Kurfürst 
aber nicht auf heimischem Boden erleben, er reiste 
deshalb schon am Vorabend, den 7. Oktober, 
nach Aschaffenburg, um dort die Gräber der am 
14. Juli 1866 gefallenen kurhessischen Husaren ! 
auszusuchen. Aus demselben Grunde und zu ! 
demselben Zweck halten sich ebenfalls von Hanau 
aus dorthin der seitherige hessische Landtags 
abgeordnete Adam Trabert und der Führer 
der 1848er Hanauer Sturmdeputation Pedro 
Jung begeben. Ein geschichtlich bemerkenswertes 
Zusammentreffen. 
In Hanau verweilte der Kurfürst bis Mitte ! 
Juli 1867, um sich alsdann in seiner Herrschaft 
Horschowitz in Böhmen, sowie in Prag dauernd ! 
niederzulassen. Das Hvfmarschallamt siedelte 
jedoch erst im Spätsommer nach Horschowitz über, 
und der Geburtstag des Kurfürsten wurde in 
Hanau von seinen Hofbeamten, einer großen Anzahl 
angesehener Bürger und einigen ehemals kur 
fürstlichen Staatsdienern im Saale des früheren 
„Karlsberg" mit einem Festessen begangen. Ter 
den Lesern des „Hessenland" wohlbekannte damalige 
Hofsekretär Carl Pr es er wurde beauftragt, die 
Glückwünsche der Versammlung nach Horschowitz 
telegraphisch zu übermitteln, und erhielt darauf 
die nachfolgende Antwort: 
„Mein lieber Hofsekretar Preser! Ich habe das 
Telegramm, durch welches Sie Mir die (Glückwünsche 
zu Meinem Gebnrtsfeste Namens einer Festgesellschaft 
zu Hanau übersendet haben, mit Vergnügen empfangen 
und spreche Ihnen und sämtlichen Teilnehmern hier 
durch Meinen aufrichtigsten Tank für die festliche 
Begehung Meines Geburtstags und die Mir dabei 
dargebrachten Glückwünsche aus. Sagen Sie Ihren 
Festgenossen, daß Ich die loyalen Gesinnungen, welche 
Ich in der Stadt Hanau in den Tagen Meiner Heim 
suchung, wo die Herzen offenbar werden, wo wahre 
Treue und Vaterlandsliebe sich erst erproben, gefunden 
habe. und für die Mir auch die Feier Meines Geburts 
festes ein neuer. Meinem Herzeil wohlthuender Beweis 
gewesen ist, wohl zu würdigen weiß und dankbar 
erkenne. Ich hoffe zu Gott, daß es mir vergönnt 
fein werde, dies in kommenden bessern Tagen durch 
die That beweisen zu können. 
Ihr wohlgeneigter 
Friedrich W i l h e l m. 
Schloß Horowitz, am 22. August 1867." 
Ob auch Jahr aus Jahr verrann, der Kurfürst 
hing an dem hier ausgesprochenen Gedanken fest. daß 
er einmal wieder als Regent in sein ehemaliges Land 
zurückkehren werde. Dabei kam es ihm jedoch nicht 
in den Sinn, dies etwa durch fremde Waffengewalt 
erreichen zll wollen, denn als 1870 der deutsch- 
französische Krieg ausbrach, waren seine Sym 
pathien völlig auf der deutschen Seite, wie er zeit 
lebens ein persönlicher Gegner Frankreichs gewesen 
war. Der Traum seiner letzten Jahre sollte sich 
nicht verwirklichen. In seinem Palais in der 
Waldsteingasse zu Prag starb der Kurfürst un 
erwartet am Nachmittag des 6. Januar 1875 
an einer Herzlühmnug, nachdem er, der sich sonst 
einer sehr guten Gesundheit zu erfreuen gehabt 
hatte, einige Zeit schon leidend gewesen war.*) 
In zeitweise eintretenden Fieberphantasien sprach 
er beständig von der Reise in die Heimat, die 
Sehnsucht nach den Wäldern und Bergen des 
Hessenlandes ließ ihn nicht los. Am Tage seines 
Ablebens hatte er sich nach dem zweiten Frühstück 
wieder zur Ruhe begeben, um nicht mehr zu er 
wachen, denn als der Kammerdiener erschien, um 
seinen Herrn zum Diner anzukleiden, fand er ihn 
friedlich dahingeschieden. Im Tode wurde der 
Kurfürst statt des Zivilanzugs, den er seit seiner 
Depossedierung fast stets getragen, wieder mit 
seiner Lieblingsuniform, der des Leibgarde-Regi 
ments, bekleidet, in welcher er, mit den Insignien 
des kurfürstlichen goldenen Löwenordens geschmückt, 
aufgebahrt wurde. 
Ta der Verblichene gewünscht hatte, in Kassel 
auf dem alten Friedhof neben Mutter und Schwester 
zu ruhen, fanden zwei Leichenfeierlichkeiteu statt. 
Im Palais zu Prag nahmen außer den Familien 
angehörigen die Vertreter des Kaisers von Öster 
reich und des Königs von Hannover, der Erbprinz 
von Nassau, die höchsten böhmischen Würdenträger 
und der hohe Adel, sowie der Landgraf Alexis 
von Hessen-Philippsthal und sechs hessische Edel 
leute, die nach Prag geeilt waren, an der Toten 
feier teil. Über Leipzig und Eisenach wurde der 
Entschlafene nach Kassel gebracht, wo er am 
12. Januar die letzte Ruhe fand. 
Ter Trauerzug setzte sich in nachstehender 
Reihenfolge in Bewegung: 1. Der dienstthuende 
Hossourier mit schwarzem Marschallstab. 2. Zwei 
Leibjäger. 3. Zwei Kammerdiener. 4. Die 
*) Seit Oktober litt der Kurfürst an einem heftigen 
Magenkatarrh. und etwa sechs Wochen vor seinem Ableben 
hatte ihn während eines Spaziergangs in den Straßen 
Prags ein großer Schwücheznstand befallen. Er wollte 
in eine Droschke steigen; als der Kutscher, den Schlag 
aufreißend, ihn aber „Majestät" nannte, wandte er sich 
darüber unwillig ab und ging weiter. An der Moldau- 
brücke erfaßte ihn der herrschende Sturm derart, daß er 
sich an einen der Brückenpfeiler lehnen mußte, wo ihn ein 
Ohnmachtsanfall überkam. Ein Wachtmann, der ihn er 
kannte. rief einen Wagen herbei und wurde von dem 
Fürsten bedeutet, auf dem Bock bis zu seinem Palais 
mitzufahren. Dort angelangt, erhielt er an 50 Gulden 
ausgehändigt. Mit Bezug auf diese Fahrt sagte dann 
der Kurfürst scherzend: „Heute bin ich von der Polizei 
nach Hanse gebracht worden." (Nach „Hessische Erinne 
rungen", Verlag von G. Klaunig, Kassel 1882, S. 181, 
und Zeitnngsmitteilnngen.)
	        

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