Full text: Hessenland (16.1902)

253 
ließ ihn vor nnb fragte ihn, ohne Zeichen irgend 
welcher Aufregung nach feinen Verhältnissen, ja, 
er erinnerte sich sogar, daß der Vater des Hof- 
musikus in Hersfeld angestellt fei. Dieser an 
und für sich nnbedentende Vorgang erscheint jedoch 
charakteristisch in Anbetracht des geschichtlichen 
Zeitpunktes. 
Am 21. Juni machte der General von Beyer 
durch eine Proklamation bekannt, daß die Autorität 
des Kurfürsten suspendiert sei, und dieser 
selbst wurde nunmehr von einer Kompagnie des 
70. Infanterie-Regiments unter Führung eines 
Hauptmanns von Lettow im Schloß zu Wilhelms- 
höhe gefangen gehalten. Tie Behandlung, die 
dem Fürsten in seiner eigenen Behausung dabei 
zuteil wurde, machte ihm bcii jähen Wechsel der 
Verhältnisse mehr als nötig bemerkbar. 
Roch einmal versuchte Herr von Röder eine 
Vermittelung, und wiederum wies der Kur 
fürst den Anschluß an Prellßen zurück. Als 
aber am 23. Juni der kurhessische Gesandte 
Geheimrat von Schachten aus Berlin eintraf 
und die Stimmung der dortigen maßgebenden 
Kreise schilderte, die zum Äußersten entschlossen 
seien, wünschte der Kurfürst die Verhandlungen 
mit Preußen wieder aufzunehmen, aber es war 
zu spät. Die Entscheidung war von Berlin ans 
bereits durch den Telegraphen Herrn von Röder 
mitgeteilt worden und ging dahin, den Kurfürsten 
als Kriegsgefangenen nach der Festung Stettin 
bringen zu lassen. Nachdem der Kurfürst Kennt 
nis von dieser Bestimmung erhalten hatte, erließ er 
die ergreifenden Abschiedsworte „An mein getreues 
Volk" und rüstete sich zum Scheiden von dem 
Lande seiner Väter. Um 8 Uhr abends nahm 
der Kurfürst, Thränen im Auge, von der Schloß 
dienerschaft Abschied und reiste, von dem Major 
von Griesheim und dem Rittmeister von Legat 
begleitet, zu Wagen nach Möuchehof, um von da 
mit Extrazug nach Stettin geführt zu werden. 
Sein Gefolge bildeten die Flügeladjutanten 
Major von Eschwege, Rittmeister Freiherr 
von Verschuer und Hauptmann von Baum- 
bach, Hauptmann Brack und Premierleutnant 
von Lengerke vom Generalstab, Geheimer 
Hosrat Or. B unsen (einer seiner Leibärzte), 
Kabinets-Kassierer Hofrat Strübe, Kammer 
diener Müller, sowie mehrere Leibjäger und 
sonstige Dienerschaft. 
In Stettin, wo der Kurfürst am 24. Juni 
spät abends ankam, wurde er von den Generalen 
von Hermann und von Bö hu empfangen 
und ihm das königliche Schloß zum Aufenthalt 
angewiesem Zu seiner ständigen Beaufsichtigung 
traf am 26. der Generalleutnant von Ratzmer* **) ) 
von Berlin ein. Zwei Tage später aber wurde 
der gefangene Fürst durch den Besuch seiner 
Tochter, der F ü r st i n A u g u st e von Isenburg 
überrascht, die es trotz mannigfacher Hindernisse 
durchgesetzt hatte, zu ihrem Vater zu gelangen, 
und in dem von der Cholera schwer heimgesuchten 
Stettin im Hotel de Prusse bis zum l7. September 
Wohnung nahm?*) Die Fürstin von Hanau 
konnte erst am 27. August nachfolgen. 
Aufs schwerste getroffen von der am 18. August in 
den Zeitungen veröffentlichten königlichen Botschaft, 
in welcher die Einverleibung Kurhessens in den 
preußischen Staat ausgesprochen wurde, beging 
der Kurfürst diesmal seinen Geburtstag, zu dessen 
Feier aus Kassel ein von dortigen Damen dem 
in der Ferne weilenden früheren Landesherrn 
gewidmetes Riesenbouquet eintraf. An diesem Tage 
sandte der Kurfürst den Flügeladjutanten Major 
von Eschwege an den König Wilhelm mit einem 
Schreiben ab, in welchem er unter Anrufung der 
verwandtschaftlichen Gefühle nochmals seine An 
sprüche geltend machte, jedoch ohne Erfolg. Da 
der Kurfürst hinwiederum sich nicht dazu bewegen 
i ließ, unter Verzichtleistung auf Kurhessen den 
souveränen Besitz der Landgrafschast Hessen-Hom- 
> bürg anzunehmen, sv kam es zu dem Stettiner 
Vertrag, der, ohne jede politische Bedeutung, von 
1 den Vermögensverhältnissen des Kurfürsten handelt, 
unter der Voraussetzung, daß er seine Unterthanen 
; des ihm geleisteten Eides entbinde. Das letztere 
geschah am 18. September, und am selben Tage 
erhielt der Kurfürst seine Freiheit wieder. Am 
19. reiste er von Stettin nach Dresden ab, wo 
er iui Hotel Bellevue abstieg. 
Die Liebe zur hessischen Heimat war aber so 
mächtig in dem Kurfürsten, daß er sich vorerst 
noch nicht für immer von seinem Lande zu trennen 
vermochte. Er nahm seinen Wohnsitz in dem Schloß, 
wo er geboren war, in Philippsruhe, und als der 
*) Als Generalleutnant Don N a tz in e r einmal bei 
Tafel eine Bemerkung über den Flamen „blinde Hessen" 
machte, erwiderte der Kurfürst treffend: Davon will ich 
Ihnen eine Geschichte erzählen. Es war im Jahre 1814, 
als ein Kommando sächsischer Truppen das hessische Dorf 
Bischhausen sehr früh des Morgens passierte. Durch die 
Trommel aufgeschreckt, guckte ein hessischer Bauer zu seinem 
kleinen Fenster heraus und rieb sich erstaunt die Augen, 
um zu sehen. was los wäre. Da ruft ihm der Offizier 
neckend zu: „Na. Ihr blinder Hesse, könnt Ihr uns schon 
sehen?" Aber der Bauer wußte ihm zu dienen und rief 
ihm auf gut niederhessisch zurück: „Ho, was so grob ist, 
wie hä, könn mä schon säh!" („Die Gefangenschaft des 
Kurfürsten." Althcssischer Volkskalender von W. Hops. 
Jahrgang 1896, S. 87.) 
**) Siehe „Meine Reise nach Stettin im Jahre 1866" 
von Auguste Fürstin von Isenburg und Bü 
dingen. „Hessenland" 1894, S. 250 ff.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.