Full text: Hessenland (16.1902)

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in den Reinhardswald fürbaß gezogen. Groß und 
stattlich, derb und knorrig wie die Eichenstämme 
jenes Waldes war das Äußere des Mannes. 
Bizarre Formen bietet mancher Baum in Hain und 
Forst; nicht jeder ist als Schlittenkufe zu ver 
werten. Bedächtig hielt denn auch der Alte Um 
schau und Auswahl und erst beim Sonnenborn 
fand er einen ihm genehmen, an der Abzweigung 
passend gebogenen Stamm. In der Nähe war der 
weil um ein Jagen herum, still und lautlos, wie 
es Weidgebrauch, eine Treibwehr angelegt; noch 
nicht ganz zu Ende gekommen damit waren die 
führenden Forstleute. Unbeweglich in seinem Natur 
schirm stand, den Beginn des Triebs und den Aus 
wechsel des darin bestätigten Hochwildes erwartend, 
schußbereit . . . der Kurfürst. Ta hallte der längst 
herbstlich angehauchte Wald — es war im No 
vember — wieder von dröhnenden Arthieben. Die 
Landgrafen und Kurfürsten waren von jeher ebenso 
eifrige, als vorzügliche Jäger. Im Flüsterton 
erfolgte denn auch aus dem Schirm heraus der 
Befehl, „die Kerle" zu packen und nach beendetem 
Trieb vorzuführen. Des Himmels Einsturz be 
fürchtend, mag da bei den Arthieben mancher 
aus der Treibwehr gewähnt haben: „Dit Unglicke". 
Armer Asmus; dein Geschick war besiegelt und 
das Verließ des nahe belegenen Beckerhagener Ge 
fängnisses dir sicher. Kratz' dich hinter den Ohren: 
— dort giebt's nur Wasser. — 
Hörnerschall. Häherschrei. Ab und zum Gahren- 
berg strichen zwei Auerhähne. Ter Trieb begann. 
Bon dem Geläute der Hunde, dem Knall und 
Widerhall abgegebener Schüsse belebte sich der 
Wald. Der Nebel war gewichen, die Sonne erschien. 
Dem Kurfürsten war guter Anlauf beschieden: einen 
Achterhirsch und eine grobe Sau hatte er gefällt, 
Aus Heinrat 
Preislied. Die Kasseler Schriftsteller-Ber 
einigung „Freie Feder" hatte vor einiger Zeit 
unter ihren Mitgliedern ein Preislied ausgeschrieben. 
Bis zu dem festgesetzten Termin, dem 1. September, 
waren sieben Lieder bei dem Borsitzenden Herrn 
Professor Di-. Kreßner eingegangen. In der 
letzten Versammlung des Vereins wurde der aus 
einem silbernen Federhalter bestehende Preis einem 
Gedicht zuerkannt, als dessen Verfasser nach dem 
beigefügten Kennwort sich Herr Kammerdirektor 
Karl Pr es er in Wächtersbach herausstellte. Wir 
geben nachstehend „Das Lied von der freien 
Feder" unseres verehrten Mitarbeiters wieder. 
Es giebt ein Ding, unscheinbar klein. 
Das doch nach Großem trachtet. 
Und alles, was nicht wahr und rein. 
Echt souverän verachtet. 
eine noch stärkere Sau, ein Hauptschwein, vermochte 
jedoch infolge Versagens des zweiten Laufs der 
kurfürstlichen Doppelbüchse auszubrechen. Mehrere 
Forstleute, die den Holzfrevler umgangen, hatten 
diesen derweil erwischt und in entsprechendem Ab 
stande hinter den Stand des Kurfürsten geschafft. 
Dem ausbrechenden Keiler nun warf sich Ringeling 
plötzlich mit solcher Wucht entgegen und wurde dar 
in von den zuerst verblüfft dreinschauenden Jagd 
beamten so erfolgreich unterstützt, daß der Keiler 
Kehrt machte, um in das verlassene Treiben zurück 
zuwechseln. Hierbei wurde auch dieser vom Kur 
fürsten erlegt, der darob in gute Laune geriet und 
in gehobener Stimmung sich dann unsren Asmns 
vorführen ließ. Waidmannsheil! Die Frage des Kur 
fürsten, was Ringeling bei der Hofjagd in der Nähe 
zu schaffen habe, beantwortete dieser in urwüchsiger 
Art: „Ach wat, wie Münnischen koent 'sek hier 
Holt langen: du heßt sau vele Holt im Reineusch 
wale, dat kannst du gar nich alle upbrennen: ek 
will ja nur twei Schleenbäme (Schlittenbäume)." 
Ein vom Wildhause bei Münden stammender Hos- 
jäger Namens Otto, der sehr angesehen beim Kur 
fürsten war, vermochte das Platt seinem Fürsten 
hochdeutsch zu übertragen, der wider Erwarten 
und wohl des gestreckten zweiten Keilers wegen 
die freimütige Aussprache nicht quer genommen. 
Er ließ dem Manne den angehauenen Stamm 
überweisen, zahlte die Forstschätzung dafür aus 
seiner Tasche, und Ringeling erhielt obendrein auch 
von den mitgesührten Mundvorräten und „Mund 
wasser". „Prost Herr Kaurserste!" Aber sehen 
und hören lassen bei den Jagden möge Ringeling 
hinfüro unterlassen, sonst würde er den Gang 
zum Eisenhammer — Veckerhagen — antreten 
müssen. 
>-«- 
nnb $vembe. 
Nichts giebt's im weiten Weltenraum. 
Daran cs sich nicht wagte, — 
Kein Wahrheitskern, kein Menschentraum, 
Dem's seinen Dienst versagte! 
Und ohne dieses Ding kein Held, 
Kein Meister am Katheder. 
Der Ruhm, der deren Segel schwellt. 
Fließt nur ans freier Feder. 
Es giebt ein Ding, so scheinbar leicht, 
Und doch voll Wucht und Schwere, 
Wenn's trotzig weder wankt noch weicht 
Im Kampf um geist'ge Ehre. 
Doch weich, wie Nachtigallensang, 
Schafft's in des Dichters Händen 
Den Liederstrom, zu dessen Klang 
Sich Herz und Seele wenden. 
Das Ding, gestanzt aus purem Stahl, 
Lobsinge stolz ihm jeder: 
Bald führt es Blitz, bald Sonnenstrahl. 
Es ist die freie Feder.
	        

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