Full text: Hessenland (16.1902)

Webschifflein, o schwebe 
Don Hand mir zur Hand! 
Webschifflein, o webe 
Mein bräutlich Gewand! 
Nur hüte vor Schaden, 
Webschifflein, die Treu; 
Denn bräche der Faden, 
Wär' alles vorbei. 
G Web mir: da bricht er! 
Ich webe nicht mehr. 
Mein himmlischer Richter, 
Wie strafst Du so schwer! 
Das wilhelrnshöher Riesenschlotz und die L-erkulesstatue 
und ihre Erbauer. 
Von C. Neuber, Kassel. 
(Fortsetzung.) 
achdem nun im Jahre 1714 der Bau der 
Pyramide auf der Oftfeite des Oktogons voll 
endet war, veranstaltete nach einer verbreiteten 
Überlieferung Landgraf Karl, welchem diese Lieb- 
Üngsfchöpfung sehr am Herzen lag, und der sich 
gewiß über den Fortgang des Baues 'wiederholt 
Bericht erstatten ließ, denselben auch manchmal 
höchstselbst in Augenschein nahm, eine große Fest 
lichkeit. An dieser, im Näheren geschildert von 
Emil Welper (angenommener Name für Emilie 
Wepler), Geschichte von Wilhelmshöhe bei Kassel 
(Kassel 1867), S. 19 ff., nahm nicht nur der 
ganze Hof, sondern auch eine große Menge der 
Bevölkerung von Kassel teil, und dabei wurden 
unter Trompetenstößen die Wasser unter staunen 
der Bewunderung der Zuschauer zum erstenmale 
angelassen. 
Übrigens wurden zum Andenken, daß der Bau 
im allgemeinen bis dahin glücklich verlausen, 
Gedächtnismedaillen von verschiedener Größe ge 
schlagen. Aus der Hauptseite befindet sich das 
rechtssehende Bildnis des Landgrafen Karl mit 
der Umschrift: 0arolu8 IIa88iae Landgr. Pr.« 
C. C. D. Z. N. et S. — darunter der Name des 
Graveurs, Köhler —. Auf der Rückseite ist der 
ganze Prospekt des Karlsbergs mit seinen An 
lagen, Gebäuden und Wasserfällen dargestellt, 
am Fuße das fürstliche Schloß Weißenstein. 
Im Vordergründe sitzt Kronos (Saturn) und 
beschreibt ans einer großen Tafel nach Anweisung 
der bei ihm stehenden Pallas Athene das vor 
ihnen liegende Kunstwerk, wobei der aus seine 
Keule sich lehnende Herkules zusieht. Im Ab 
schnitt ist zu lesen: Aedes Carolinae. In Monte 
Herculis. Deo Auspice Et Pace In Foederato- 
rum Gloriam Partae. Exstructae Et Confectae 
MDCCXIV. Z 
h Schminke a. a. O. 2. 419 c; Beschreibung von 
Wilhelmshöhe S. 52. — Abgebildet ist die Medaille 
in Joh. David Köhlers historischen Münzbelustigungen, 
Teil XX ll, S. 385. 
Dem gewaltigen Bau liegt, wie man schon 
aus der ganzen Anlage, iloch mehr aber, 
wenn die Wasserwerke im Gange sind, ersehen 
kann, die aus der griechischen Götterlehre ent 
nommene Sage von der durch die Giganten 
versuchten Erstürmung des Himmels zu Grunde, 
welche durch die olympischen Götter unter Bei 
stand des Halbgottes und Heroen Herkules 
(HeQaK/Jjs) abgeschlagen wurde und mit bem 
Untergang der Giganten endete, auf deren Leiber 
ungeheuere Felsmassen gewälzt wlirden. 
Selbstverständlich war nun, daß zu einem 
Bauwerke, vor welchem viele Statuen aufgestellt 
wurden, auch, und zwar an einen hervorragenden 
Platz, die des Herkules, welcher den Göttern 
zu ihrem Siege über die Giganten verholfen 
hatte, gehörte. Zum Muster nahm man den 
sog. Farnesischen Herkules, ein Werk des 
athenischen Bildhauers Glykvn. das sich an ein 
älteres griechisches Vorbild anlehnt. Herkules 
ist dargestellt, wie er nach Erbeutung der Hespe- 
riden-Äpsel, welche er in der rechteil Hand hält, 
mit der linken auf seine Keule sich stützend aus 
ruht. Landgraf Karl hatte denselben auf seiner 
Reise im Farnesischen Palaste zu Rom geseheil, 
wohin ihn Papst Paul III. (reg. 1534 — 1549) 
aus dem Hanse Farnese uach Auffindung in den 
Bädern (Thermen) des römischen Kaisers Cara- 
calla, ebenso wie den später aufgefundenen Far 
nesischen Stier, hatte bringen lassen si; mithin 
rührt die Benennung von bem Orte der Aufbewah 
rung her. Nach dem Aussterben des Hauses Farnese 
(1786) kamen diese Kunstwerke zum Kummer 
der römischen Künstler, wie unser große Dichter- 
Goethe in der Beschreibung seiner italienischen 
Reise aus der Zeit seines Aufenthalts in Nom 
h Diarium Italicum 2.10 Nach dem Diarium 2. 71 
ist in der Herkules-Statue in dem Rathhause zu Bologna 
der Heros sitzend dargestellt, in der rechten Hand die 
Keule haltend und mit den Füßen aus die Lernäische 
Schlange tretend.
	        

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