Full text: Hessenland (16.1902)

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aber fühlte er sich noch einmal seit dem 6. August ! 
1848 von den Wogen der Volksgunst getragen, j 
jedoch mit dem bedeutsamen Unterschied, daß er 
diesmal wirklich ganz und gar eines Sinnes mit 
seinem Volke war, handelte es sich doch um die 
fünfzigjährige Gedenkfeier der Völkerschlacht 
bei Leipzig, deren glücklicher Ansgang das hessische 
Regentenhaus wieder ans den Thron gesetzt hatte. 
Wäre der Kurfürst bei der Grundsteinlegung des 
Hessendenkmals aus dem Forst an jenem denk- j 
würdigen Nachmittage durch die Unterneustadt 
gefahren, so hätte er an dem dortigen Triumph 
bogen die Inschrift lesen können: „In Fährden 
und in Nöten zeigt sich das Volk erst echt, drum 
soll man nicht zertreten sein altes, gutes Recht!" 
Dieser deutliche Hinweis aus die allgemeine 
Stimmung im Lande entging ihm aber, da er 
mit seiner Familie über eine an Stelle der jetzigen 
Trahtbrücke von der Pionierkompagnie nur für 
diesen Tag geschlagene hölzerne Brücke fuhr, um 
noch vor dem großartigen Festzuge die Denkmalstätte 
zu erreichen, wo er unter vielen Feierlichkeiten den 
Grundstein legte. Hatte die Inschrift in der Unter- 
neustadt ein Uhlandsches Wort wiedergegeben, so 
konnte Pfarrer Dr. Falckenheiner in seiner Fest 
rede einen bekannten Vers Kerners aus den Kur 
fürsten anwenden, denn er sprach im Namen des 
dankbaren Volkes ihm die Versicherung ans, „daß 
er sein Haupt kühnlich jedem Unterthan in den 
Schoß legen könne". Auf der Rückfahrt von 
dem Forst über die erwähnte Holzbrücke schwebte 
der Kurfürst in Lebensgefahr, da ein mittleres 
Pferd seines Sechsgespannes über den Brückenrand 
trat und plötzlich über dem Wasser schwebte, worauf 
der neben dem Kutscher sitzende Leibjäger mit 
großer Geistesgegenwart vom Bock sprang und 
mit seinem Hirschfänger die Geschirrstränge des 
ausgewichenen Pferdes durchhieb, das leicht die 
übrigen Pferde und den Wagen hätte mit hinab 
ziehen können. Das Pferd stürzte in den Fluß 
und schwamm wohlbehalten bis an das User, 
während der Wagen die Fahrt fortsetzte.*) Den 
Veteranen von anno 13 sandte der Kurfürst zu 
dem im Stadtbau und im Östreichschen Saale 
veranstalteten Festmahle 350 Flaschen Champagner, 
ein Zeichen der überaus guten Stimmung, in welche 
die Feier ihn versetzt hatte. 
*) SiehePiderit-H offmeister. Geschichte derHaupt- 
imb Residenzstadt Kassel, S. 389. Kassel (G. Klaunigl 1882. 
(Schluß folgt.) 
Baltzer Wilhelm. 
Ein Beitrag zur hessischen Gelehrtengeschichte von Dr. Carl Kn et sch. 
egen Ende des 15. Jahrhunderts wurde zu 
Schmalkalden ein Mann geboren, der für- 
feine Vaterstadt von gewisser Bedeutung und als 
Freund Luthers und gelegentlicher resormatorischer 
Schriftsteller wohl auch für weitere Kreise von 
Interesse ist. Baltzer Wilhelm, später mehr 
fach mit dem Beinamen Prehl oder auch kurz 
Baltzer Prehl genannt, stammte ans einer 
alten Schmalkalder Ratsfamilie. Sein Vater 
war wahrscheinlich der ehrsame, begüterte Metzger- 
meister Simon Wilhelm, der 1499 und 1500 
Gemeinvormund seiner Heimatstadt war, 1500 
in den Rat gewählt wurde und schließlich 1505 
und 1509 das Bürgermeisteramt bekleidete. Baltzer 
empfing seinen ersten Unterricht daheim in der 
damals recht kümmerlichen Stadtschule, 1510 wurde 
er an der Universität zu Erfurt immatrikuliert. 
Er widmete sich dem Studium der Gottesgelahrt 
heit. Erst sieben Jahre später hören wir wieder 
etwas von ihm. Am 31. März 1517 (Dienstag 
nach annunciationis) präsentierte Graf Wilhelm 
zu Henneberg den jungen „clericus Wirezpurger 
Bistumbs" dem Stifte zu Schmalkalden für die 
erledigte Vikarei St. Katharinen, die er darauf- 
hin auch bekam und eine Reihe von Jahren time 
hatte. *) 
In dieser Zeit scheint eine innere Umwandlung 
mit ihm vorgegangen zu sein, die ihn dahin 
brachte, sich der neuen Lehre Martin Luthers 
anzuschließen und den geistlichen Rock an den 
Nagel zu hängen. 1521 verzichtete er freiwillig 
aus seine Vikarei, die nun am 11. Januar 
(Freitags nach Erhardi) 1522 vom Grasen 
Wilhelm dem Kleriker Heinrich Swertig verliehen 
wurde. Im Jahre 1525 tritt Balthasar- 
Wilhelm politisch hervor. Er befand sich unter 
den von seinen Landsleuten zum Landgrafen 
Philipp geschickten Abgesandten, die für Schmal 
kalden, das in den Bauernunruhen sich den Aus 
rührern angeschlossen oder zum mindesten eine 
etwas zweideutige Stellung eingenommen hatte, 
des Fürsten Gnade erflehen und von neuem den 
Eid der Treue schwören sollten. 
Wohl um dieselbe Zeit erschien sein jetzt sehr 
selten gewordenes Schriftchen: „Practica Deütsch 
auß der Gütlichen Heyligen geschrifst / darinn zu 
*) Meiningen, Henneberg, gemeinschaftl. Archiv IV. A 2,27a.
	        

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