Full text: Hessenland (16.1902)

Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Hessen 
Ein Gedenkblatt zu seinem hundertjährigen Geburtstag. 
Bon W. Ben necke. 
(Fortsetzung.) 
^ie Kammer wurde am 26. August eröffnet, und 
D das erste war, daß sie ihr Mißtrauensvotum 
gegen das bestehende Ministerium wiederholte. 
Der Kurfürst dahingegen verzichtete auf den 
Empfang der Deputation, die ihm eine darauf 
Bezug nehmende Adresse überreichen sollte. Am 
31. August aber kam es in der Kammer zu der 
Steuerverweigerung, wobei bemerkt werden 
muß, daß der Kurfürst seither schon aus eigenen 
Mitteln der Staatskasse eine Million Thaler zur 
Fortführung der Verwaltung vorgeschossen hatte. 
Am 2. September wurde die Ständeversammlung 
wiederum aufgelöst, und am 4. erschien eine kur 
fürstliche Verordnung, in der die Stände des Ver- 
sassungsbruchs beschuldigt wurden, da sie nach 8 143 
der Verfassung für Ausbringung des ordentlichen 
lind außerordentlichen Staatsbedarfs zu sorgen 
hätten. Unter Hinweis aus 8 95 der Verfassung 
wurde sodann in der Verordnung die sofortige 
Erhebung der Steuern verfügt, bis mit den sobald 
als thunlich einzuberufenden Landständen anderweit 
Vereinbarung getroffen werde. Der landstäudische 
Ausschuß wies darauf den der Ständeversamm- 
lnng gemachten Vorwurf des Verfasiuugsbruches 
energisch zurück und klagte die Negierung selbst 
der Verfassungsverlehung an. Auch die Kasseler 
oberen Verwaltungsbehörden teilten diese An 
schauung, aber Hassenpflug benutzte den angeblichen 
Verfassungsbrnch der Stände und die in solchen 
Verhältnissen sich ergebende Unzulänglichkeit der 
Gesetze dazu, über „die sämtlichen kurhessischen 
Lande" am 7. September den Kriegszustand zu 
verhängen, der anfangs aber nicht viel zu be 
deuten hatte, da er sich nicht bis auf die Gerichte 
erstreckte und diese die Ordres militärischer Ober 
kommandos, soweit sie sich auf Maßregelungen 
infolge des Kriegszustandes bezogen, größtenteils 
lahm legten. 
Da Hassenpflug momentan nicht weiter kommen 
konnte, so führte er einen andern überraschenden 
Coup aus, indem er den Kurfürsten bewog, in 
der Nacht vom 12. auf den 13. September mit 
dem ganzen Ministerium seine Hauptstadt zu ver 
lassen und sich nach Bockenheim zu begeben. Die 
abenteuerliche Fahrt, die über Hannover, Minden, 
Köln und Kastel nach Frankfurt ging, war sehr 
aufregender Art, denn der Kurfürst, der als Graf 
Steinau reiste, wurde unterwegs erkannt und hatte 
mannigfache Unannehmlichkeiten zu überstehen, 
die ihm aber seinen Humor nicht raubten. „Wenn 
ich erst in Köln wäre." sagte er u. a., „so sollten 
sie mich wohl nicht kriegen; in Köln weiß ich 
jedes Gäßchen." Bei diesem fluchtartigen Auf 
bruch. dessen eigentliche Ursache noch immer nicht 
völlig klar ist. muß auch die Sprache in Betracht 
gezogen werden, welche die „Hornisse" seit der 
letzten Auflösung der Ständekammer angenommen 
hatte. In einem der „offenen Briefe an Seine 
Königliche Hoheit" hieß es z. B.: „Ich habe Ihnen 
gesagt, Königliche Hoheit, daß Sie auf einer ab 
schüssigen Bahn angelangt sind. — Schon morgen 
oder übermorgen werden Sie erfahren können, 
daß Sie zwar befehlen dürfen, Königliche Hoheit, 
daß Sie aber den Gehorsam nicht anders finden 
werden, als wenn Sie hinter Ihren Machtworten 
berittene Gensdarmerie hersenden." 
Nach einer dreitägigen Fahrt langte der Kurfürst 
in Frankfurt au, wo in der letzteren Zeit auch 
die Gräfin Schaumburg Aufenthalt genommen 
hatte. Diese hatte man von dem Kurfürsten für- 
einige Zeit zu trennen gewußt, da sie, wie von 
Seiten der Opposition verlautete, schon längst auf 
die Entfernung Hassenpflugs hingewirkt habe. Auch 
im Schloß zu Wilhelmsbad, wo der Kurfürst 
sich mit dem Negieruugsapparat niederließ, da in 
Bockenheim keine passende Unterkunft vorhanden 
war, hielt der Premierminister die Gräfin von 
ihrem Gemahl möglichst fern. 
Mit der Ankunft des Kurfürsten hatte das 
idyllische Wilhelmsbad sich in ein Feldlager ver 
wandelt. Es starrte von Waffen, denn das 
Leibgarde-Regiment und zwei Schwadronen des 
2. Husaren-Regiments waren dorthin verlegt worden. 
Allenthalben stieß inan in dem Park und der Um 
gebung auf Posten, Piquets und Husarenpatrouillen. 
Die Vergnügungen des Badeortes erlitten jedoch 
durch diese militärischen Maßnahmen keine Unter 
brechung. Wilhelmsbad zog gerade durch sein ver 
ändertes Aussehen die Besucher aus der Umgegend
	        

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