Full text: Hessenland (16.1902)

236 
Kauf viele wertvolle Sachen erworben habe, und 
gedachte der vorjährigen Jahresversammlung zu 
Notenburg und in Kürze der Thätigkeit des Vereins 
zu Kassel. 
Ter Rechnungssührer, Herr Landesrat Wolfs 
v. Gudenberg, erstattete den Kassenbericht. 
Danach beträgt die Einnahme 7261,30 Mark, die 
Ausgabe 6454,64 Mark und verbleibt demnach ein 
Kassenbestand von 806,66 Mark. Der Vorsitzende 
bemerkt, daß die Rechnung von zwei Sachverständigen 
in Gelnhausen geprüft und richtig befunden worden 
sei, woraus Entlastung des Nechnungssührers durch 
die Versammlung erfolgte. Ter Vorsitzende machte 
dann auch Mitteilung über den Stand der Vereius- 
sammlungen zu Marburg und bemerkte, daß trotz 
der dahin zu leistenden Geldzuschüsse und trotz der 
durch die hohen Preise für Papier und Truck ver 
mehrten Ausgaben des Vereins in der gestrigen 
Sitzung des Gesamtvorstandes beschlossen worden 
sei, den bisherigen geringen Jahresbeitrag beizu 
behalten. Aus Anfrage des Herrn Superintendenten 
Wissemann von Hofgeismar, ob nicht Katalogi 
sierung der Marburger Sammlungen möglich sei- 
bemerkte Herr Geh. Archivrat Di-. Könnecke von 
Marburg, daß die dortigen Arbeiten durch Bickells 
Tod ins Stocken geraten seien und sein Nachfolger, 
Herr Professor Dr. v. Track), mit Geschäften über 
häuft, daß aber die Bearbeitung eines „Führers" 
durch die Sammlung in Aussicht genommen sei. 
Aus Antrag des Herrn Superintendenten Wisse 
mann wurden die bisherigen sieben Mitglieder des 
Kasseler Vorstandes durch Zuruf einstimmig wieder 
gewählt. Ter Vorsitzende teilte weiter mit, daß als 
Ort der nächsten Jahresversammlung die Stadt 
Wolshagen in Aussicht genommen und von dieser 
bereits Einladung ergangen fei. Sodann gab derselbe 
Kenntnis davon, daß es notwendig geworden sei, 
die Vereinsstatuten von 1896 den Forderungen des 
bürgerlichen Gesetzbuches entsprechend umzuändern, 
und der Gesamtvorstand am gestrigen Abend den 
vorgelegten Entwurf neuer Satzungen durchberaten 
und angenommen habe. Tie Versammlung stimmte 
den Beschlüssen des Gesamtvorstandes bei. . 
Nach Schluß der geschäftlichen Verhandlungen 
nahm zunächst Herr Professor Dr. Schröder von 
Marburg das Wort zu einer Gedenkrede: „Zur 
hundertjährigen Geburtstagsfeier des Kurfürsten 
Friedrich Wilhelm I. von Hessen" (20. August 1902). 
Tie Schilderung des Herrn Professor Dr. Schröder 
führte das Bild des letzten Kurfürsten in wvhl- 
getroffenen Zügen den Versammelten vor Augen und 
kann als einer der wertvollsten Beiträge zu seiner 
Charakteristik betrachtet werden.*) Daraus folgte 
*) Das Hauptsächliche aus dieser vortrefflichen Gedenk 
rede wird im „Hessenland" noch mitgeteilt werden. 
der Vortrag des Herrn Privatiers L. W. Schösser 
von Gelnhausen: „Zur Geschichte der Stadt Geln 
hausen". Mit großer Liebe führte der Vortragende 
seine Zuhörer iu die alte freie Reichsstadt ein, die 
von Friedrich Barbarossa aus einem Kirchdorf zu 
diesem Rang erhoben worden tvar, und entrollte 
ein glänzendes Bild seiner Vaterstadt aus dem 
l2. und 13. Jahrhundert, das „die Seele mit Wonne 
erfüllt, wenn wir uns vorstellen, wie glücklich und 
froh die Deutschen gelebt haben mögen unter dem 
glänzenden nationalen Aufschwung in der Hohen- 
staufen-Zeit, wo die hochbegabten dentschen Sänger 
von den Burgen des Adels heruntergestiegen waren 
in die ausblühenden Städte zu den gewerbtreibenden 
thatkräftigen Bürgern, unter das Volk". Dann 
aber folgten mehrere große Sterben und endlich 
der 30 jährige Krieg, welcher der früheren Blüte 
von Gelnhausen das Ende bereitete, denn auch 
in den nun folgenden Friedenszeiten herrschte 
Zank und Streit mit den Psandherrschaften und 
Uneinigkeit zwischen den Fürsten und dem Rat 
der Stadt. Tie drückenden Truppendurchzüge während 
der Napolevnischen Kriege und die Schrecknisse nach 
der Schlacht bei Leipzig, wo die geschlagenen fran 
zösischen Kölonnen ihren Rückzug durch die Gegend 
nahmen, bilden den Abschluß der traurigen alten 
Zeit. Vorher aber war die freie Reichsstadt schon 
1803 durch Reichsdeputations-Hauptbeschluß dem 
damaligen Kurfürstentum Hessen einverleibt worden. 
Ter Groll über diese Vergewaltigung ist jedoch 
nach und nach verschwunden, und das uralte Geln 
hausen befindet sich jetzt in einem neuen mächtigen 
Fortschritt. — Beide Redner ernteten den wohlver 
dienten Beifall der Anwesenden, und der Vorsitzende 
sprach ihnen noch besonderen Dank aus. Herr 
Landrat v. Baumbach feierte noch in beredten 
Worten die Bedeutung des verstorbenen Konservators 
Bickell, insbesondere auch seine Verdienste um den 
Kreis Gelnhausen. 
Die Festteilnehmer nahmen nunmehr in dem 
Kasino ein Frühstück zu sich und traten sodann 
eine Wanderung durch die Stadt an. um deren 
Sehenswürdigkeiten in Augeuschein zu nehmen: 
den einstigen Kaiserpalast von Friedrich I. 
Barbarossa, den Hexen türm, das durch die Be 
mühungen des Konservators Bickell wiederhergestellte 
sog. romanische Haus und die Stadt- oder 
Marienkirche, wo Herr Metropolitan Schäfer 
einen sehr lehrreichen Vortrag hielt. Das die 
ganze Stadt weithin überragende, wahrscheinlich 
schon im 12. Jahrhundert erbaute und in seiner- 
weiteren Anlage verschiedenen Perioden angehörende 
Gotteshaus ist ein wahres Kleinod zu nennen. 
Kanzel, Lettner, Chor bieten genug des Schönen 
dar. Den an die Stadtmauer grenzenden sog.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.