Full text: Hessenland (16.1902)

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bad)*) mit sechs herrlichen Engländern und zwei 
Jockeys, weit mehr aber noch die schöne Frau, die da 
rinnen saß, die schöne Helena, die den dritten (?) Mann 
fesselt. — Mit raschen Equipagenpserden fuhr ich in 
Gesellschaft von zwei anderen Fremden nach der herr 
lichen Wilhelmshöhe. Ta es Sonntag war, so war 
ich so glücklich, die Wasser fallen zu sehen. Ter 
schönste Fall ist der Aquädukt, überhaupt der ganze 
Gedanke, die Ruinen einer römischen Wasserleitung 
zum Wasserfall zu benutzen, wahrhaft poetisch/ Tic 
Fontaine ist großartig, die Löwenburg im ganzen 
eine schöne Nachahmung, im einzelnen viel moderne 
Flicklappen und hier und da aus dem Stil 
gefallen. Schloß und Garten trefflich erhalten 
und überall fürstlichen Überfluß verratend. Abends 
im Theater, das ich ebenfalls geschmackvoll fand, 
und wo ich mich an den schönen Damen besser 
amüsierte, als an dem Stück, das langweilig genug 
und nur eine Sammlung von Theatereffekten ohne 
Tiefe, Wahrheit und Feinheit war.**) — Göttingen 
und Kassel, welche Kontraste! Dort Stille, Ärm 
lichkeit, Geschmacklosigkeit, hier Leben, Überfluß 
(scheinbar wenigstens), Eleganz und Glanz. Aber 
ich sehe auch deutlich ein, wie wenig eine Stadt 
wie Kassel eine wahre Universitätsstadt sein könnte. 
Solche Herrlichkeit muß den jungen Leuten den 
Kops verdrehen, komme doch ich alter, prosaischer 
Mensch nicht ohne einen Rausch, einen Schwindel- 
anfall davon. Solche Empfindungen habe ich nicht 
gehabt, als ich Berlin sah; nur den Eindruck von 
Dresden im Jahre 1832 kann ich damit ver- 
*) Dies ist ein Irrtum; es muß du Gräfin Schaum 
burg heißen; die Gräfin Reicheubach war damals nicht 
mehr in Kassel. 
**) Hieraus geht hervor, daß Professor Drobisch am 
23. September in Kassel angekommen ist und auch den 
24. daselbst verweilte, denn der 28. September war ein 
Sonnabend, an welchem im Hoftheater Aubers „Ballnacht" 
gegeben wurde, Sonntag den 24. aber kam Töpfers fünf- 
aktiges Charaktergemülde: „Gebrüder Foster, oder: Das 
Glück mit seinen Launen" zur Aufführung. Anm. d. Red. 
Aus ^eiinat 
Geburtstagsfeier des letzten Kur- 
für st e n i n K a s s e l. Der hundertste Geburts 
tag des K u r f ü r st e n Friedrich Wilhelm I. 
von Hessen versammelte schon in der Frühe 
des 20. August eine große Menschenmenge aus 
dem Lutherplatz, wo die Grabstätte des letzten 
hessischen Regenten aus dem Hause Brabant sich 
befindet. Während von der Privatkapelle des Herrn 
Henkel einige Choräle gespielt wurden, erschienen 
die Abordnungen von Vereinen, sowie viele dem 
früheren Hofe nahegestandene Personen, um Lor- 
gleichen. Tie Gegend ist aber auch hier unver 
gleichlich, und ich glaube fast, daß sie iloch reicher 
ist als die Dresdener. Tie Aussichten von der 
Wilhelmshöhe sowie in die Aue suchen ihres 
gleichen." 
Wir Kasseler können mit dieser Beurteilung 
unserer Vaterstadt zufrieden sein. Mio Gerkand. 
Das letzte Hoch nnf den letzten Kur- 
fürsten. Ein alter Gardist vom Kurhessischen 
Leibgarde-Regiement, Herr C. N. in Hanau, schreibt 
uns mit Bezugnahme auf die gegenwärtig durch 
die Tageszeitungen verbreiteten Mitteilungen, daß das 
letzte öffentliche Hoch aus den Kurfürsten Friedrich 
Wilhelm I. im Hanauer Land in Windecken am 
23. Juni oder ans dem Exerzierplatz im Lamboi- 
walde bei Hanau am 29. Juni 1866 ausgebracht 
worden sei, das Nachfolgende: Es war im Winter 
des Jahres 1866. Ter Kurfürst wohnte schon 
einige Zeit nach seiner Stettiner Gefangenschaft im 
Hanauer Altstädter Schlosse. Am 1. Dezember 
hatten die Reservisten die erste Kontrollversammlung 
unter dem preußischen Major Horst aus dem Parade 
platz zu Hanau. Als die Versammlung nachmittags 
gegen 4 Uhr beendigt war, erscholl eine Stimme 
aus den Reihen der Reservisten: „Jetzt ziehen wir 
zum Kurfürsten; . und alle, einige Hundert Mann 
Hanauer, marschierten in Reihe und Glied zum 
Schlosse. Tort angelangt nahmen wir im Schloß- 
hos Ausstellung, und aus Hunderten von Kehlen 
erscholl es: „Heil Dir im Siegerkranz!" Da er 
schien der Kurfürst, neben ihm die Fürstin auf dem 
Balkon, und sprach unter Thränen uns seinen Dank 
aus, darauf erscholl ein nicht endenwollendes „Hoch!" 
aus denselben. Anhaltend dankend verließen sodann 
der Kurfürst und seine Gemahlin tief gerührt den 
Balkon. Das war wohl das letzte Hoch, welches 
dem Kurfürsten persönlich im Hessenlande ausgebracht 
wurde, einige Zeit daraus reiste derselbe nach 
Prag ab. 
und Frenrde. 
beerkränze mit Bändern in den hessischen Farben 
aus dem schön geschmückten Grabe niederzulegen. 
Dasselbe war auch von der althessischen Ritterschaft 
und den noch lebenden Offizieren und Mannschaften 
der früheren kurhessischen Regimenter und Ba 
taillone geschehen. Besonders prachtvolle Kranz 
spenden hatten einige Familienglieder und Anver 
wandte des hohen Dahingeschiedenen gesandt. Per 
sönlich am Grabe erschienen Fürst Karl von Hanau 
und zu Horschowitz, Prinz Heinrich von Hanau 
und Graf Friedrich von Schanmburg, um das An
	        

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