Full text: Hessenland (16.1902)

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Aus alter urtò neuer Zeit. 
Ter Landschaftsmaler Eduard Gleim. 
Tas „Hessenland" brachte vor einiger Zeit eine 
Reihe von Biographien Kasseler Maler im ver 
flossenen Jahrhundert, welche kürzere oder längere Zeit 
in der ehemals kurfürstlichen Residenzstadt künstlerisch 
thätig waren. Unter den klangvollen Namen, welche 
zur Besprechung kamen, war der eines hervorragenden 
Hessen, des Malers Eduard Gleim, geb. 1812 
zu. Rotenburg a. d. Fulda, welcher als Land 
schaftsmaler. besonders in Künstlerkreisen, sich eines 
großen Rufes erfreute, nicht enthalten, weil der 
selbe nur vorübergehend in Kassel lebte. Über ihn 
sei jetzt noch das Folgende nachgetragen. 
Gleim widmete sich anfänglich dem Studium der 
Rechte, bezog im Jahr 1830 die Universität Mar 
burg und bald darauf Heidelberg. Mit seinem 
ganzen Herzen scheint er jedoch der Jurisprudenz 
nicht zugethan gewesen zu sein, denn in der lieb 
lichen Neckarstadt ging eine Wandlung in der Ge 
schmacksrichtung des jungen Mannes vor, die von 
bestimmendem Einfluß aus sein Leben war. Wie 
es in der Geschichte der Künstler häufig vorge 
kommen, daß ihnen der Anblick eines bedeutenden 
Kunstwerkes erst die Angen öffnete über die eigene 
Begabung, so war es hier der Fall. Ein Ge 
mälde des berühmten Heidelberger Landschafters 
Fries übte einen solchen Zauber aus den jungen 
Studiosen aus, daß er die Rechtswissenschaft an 
den Nagel hing und nach Karlsruhe übersiedelte, 
um sich unter dieses Meisters Leitung ganz der 
Landschastsmalerei zu widmen. 
Tie Reize der süddeutschen Natur, das malerische 
oberbayerische Gebirge, seine lieblichen Thäler und 
anmutigen Dörfer haben Gleim zu einer großen 
Reihe von Bildern den Stoff geliefert. Immer 
aber ist es die heitere Seite der Natur, welche ihn 
anzieht, ein idyllischer Zug geht durch die meisten 
seiner Malereien. 
Im Jahre 1833 ging Gleim nach München, 
und dort unter dem anregenden Verkehr mit Künst 
lern, wie dem genialen M. von Schwind, F e o d o r 
D i e tz, FriedrichBoltz, entfaltete sich das Talent 
Gleims zu schöner Blüte, und es kann gewiß 
kein unbedeutender Maler gewesen sein, der sich 
der Hochschätzung so großer Künstler erfreute. 
Sein Aufenthalt in Kassel fällt zu Ansang der 
40 er Jahre, dann vertauschte er die heimatliche 
Gegend wieder mit süddeutschen Orten. — In 
unserer Zeit hat das Gebiet der Landschafts- 
malerei eine Erweiterung erfahren, die eine ganz 
neue Epoche für diesen Zweig der Kunst herbei 
geführt hat. Zu ungeahnten Wirkungen hat es 
eine hochentwickelte Technik gebracht. Die großen 
Meister der Vergangenheit, die Claude Lorrain, 
die Ruysdael, die Everdingen n. A. haben in der 
Gegenwart würdige Nachfolger gefunden, aber 
gleichzeitig werden die Ausstellungen mit einer 
Flut von Machwerken überschwemmt, die sich für 
Landschaften ausgeben und der Natur Farben an 
lügen, vor denen der Beschauer verständnislos 
steht und, wenn er der älteren Generation ange 
hört, gern der Zeit gedenkt, wo Gleimsche Land 
schaften die Kunstausstellungen zierten. 
Eine längere Panse in Gleims Kunstthätigkeit 
trat ein, als er, um seine Verheiratung mit der 
Tochter des Finanzrats Matthes in Karlsruhe zu 
ermöglichen, eine Stelle als Rentenverwalter zu 
Mannheim annahm. Erst seit dem Jahre 1865, 
nach dem Tode seiner Gattin, lebte er wieder, ganz 
der Malerei zurückgegeben, in München, wo er 
1890 starb. Zn beklagen aber ist es, daß unsere 
Gemäldegallerie kein Werk des verdienstvollen 
hessischen Künstlers besitzt. K. 
Kassel im Jahre 1 8 3 7. Ter 1896 zu 
Leipzig verstorbene berühmte Professor der Mathe 
matik und Philosophie Moritz Wilhe lm D r obi s ch 
war als Abgeordneter der Universität Leipzig zum 
Jubiläum der Göttinger Universität 1837 gesandt 
worden und besuchte auf der Rückreise am 23. Sep 
tember Kassel. Tie Eindrücke, die er von dieser 
Stadt hatte, legte er in seinem Tagebuche nieder, 
und sie mögen hier mitgeteilt werden.*) 
„Lange hat mich nichts so überrascht wie Kassel. 
Ich komme aus dem stillen Thal von Münden und 
finde plötzlich eine höchst glänzende, elegante, ge 
schmackvolle Residenz! Fürstliches Leben zeigt sich 
in Gebäuden, Gärten, Uniformen, Equipagen, 
Livreen u. s. w. in allem Glanze, ganz anders 
z. B. als in Dresden. Tas Militär. ganz ans 
preußischem Fuß, hat eine treffliche, imponierende 
Haltung. Die Damen sind elegant gekleidet, graziös 
und liebenswürdig. Ter Römische Kaiser, ein Gast 
hof**) von einem Umfang und, fast möchte ich 
sagen, von einer großartigen und fashionabelen 
Einrichtung, wie mir noch keiner vorgekommen. Tie 
Kirchenparade zeigte die militärische Haltung und 
schöne Uniformierung der Truppen. Interessant 
war mir dabei die Equipage der Gräfin Reichen- 
*) Vergl. Moritz Wilhelm D r o b i s ch. Ein Ge 
lehrtenleben. Von Walther,Neubert-Drobisch. 
Leipzig 1902. S. 58. 
**) Der „Römische Kaiser" lag an der Ecke des Martins 
platzes und der Hedwigstraße, die Länge der letzteren da 
mals fast, später ganz vollständig einnehmend.
	        

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