Full text: Hessenland (16.1902)

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Wenn ich auch bestrebt gewesen bin, in vor 
stehender Zusammenstellung ans Grund meiner 
Sammlung und einschlägiger Werke etwas möglichst 
Lückenloses zu bieten, so mache ich doch nicht den 
Anspruch, das; mir dies gelungen sein sollte, und 
werde jede Ergänzung oder Verbesserung dankbar 
entgegennehmen. 
An öer Werra. 
Novellette von M. von Ekensteen. 
(Schluß.) (Nachdruck verboten.) 
Ter Sommer strahlt in lachender Schöne über die 
Höhen des Meißner und flirrt in heißen Strahlen um 
den Roßkops und um die schroffen Höhen der Hörne. 
Das ganze Werragebiet ist in Sonnengold getaucht. 
Ein lauer Julimorgen ist's, die Luft ist klar und 
rein, der Himmel wolkenlos. Ter frühe Wanderer, 
der eben die Werrabrücke überschreitet, bleibt stehen 
und nimmt mit einem Rundblick das liebliche 
Landschaftsbild in sich auf. Ein frischer, zufriedener 
Zug liegt auf dem ernsten Gesicht, ein Lächeln in 
den dunklen Augen, die schauen und genießen zu 
gleich. Elastisch schreitet er aus. Jetzt führen ihn 
freundliche Pfade durch schön gepflegte Löst- und 
Gemüsegärten mit dichtbewachsenen Lauben und 
Gartenhütten mit grünen Läden; von einer hohen, 
alten Stadtmauer sieht er in ein liebliches Thal 
und dicht zu seinen Füßen grüßen die braunen 
Ziegeldächer eines Städtchens. Eine Gänseherde 
wird zur Weide getrieben, aus den Schloten steigt 
der Rauch allmählich aus. Weiher und Gärten 
liegen zwischen den Häusern, aus deren dunklem 
Gebälk die hellgetünchteu Füllungen hervorleuchten; 
an den kleinen Fenstern blühen Fuchsien und Geranien. 
Wilhelm Herbrich steht in Bewunderung ver 
sunken; sein Hoffen hat sich erfüllt! Wie ein 
Stück mittelalterlicher Poesie lacht das Städtlein ihn 
au, und wie in einem Märchenland verliert er sich 
bald in den engen, winkligen Gassen; jetzt hemmt 
ein Raunen und Rauschen seinen Schritt, der über 
dicke Eichenbohlen hastet. Wollen die Wasser, die 
seit Jahrhunderten schon vom Asbachthale herein 
rieseln, ihm Sagen zuraunen von Nixen und Elsen, 
Märchen aus der guten, alten Zeit? 
Jetzt wecken ihn aus seiner sinnenden Versunken 
heit laut rasselnde Fuhren mit Knüppelholz ans 
dem nahen Stadtwalde, Thüren öffnen sich, Menschen 
eilen hier- und dorthin, es wird rege und wach 
im Städtchen. Aus seinem Wege liegt ein rein 
liches Gasthaus; ohne langes Besinnen tritt er 
ein; hier im Städtchen will er rasten und ruhen, 
ehe er zu dem Freunde nach Kassel fährt, um sich 
von Frau Dora über den Segen der Moderne 
belehren zu lassen. 
Der Gastwirt begrüßt ihn leutselig und zieht 
sein Käppchen; wie der Mann in das Straßenbild 
paßt; er ist so ganz der Biedermann verflossener 
Tage; mit Behagen lobt er sein Hand. das präch 
tige Obst, den Beerenwein und die Tabakpflanzungen, 
und wie ihm Herbrich sagt: 
„Wunderbar schön und idyllisch ist Ihr altes 
Städtchen!" da wird sein Heimatstolz wach: 
»Ja, ja, Herr! Darfls auch sein! Wär^s nicht 
niedergebrannt worden von den Kaiserlichen ums 
Jahr 1637 bis auf wenige Häuser und die Mauern 
unserer Kirche, möcht' es noch schöner sein in 
seinem Alter! Jetzt steht unsere Neustadt aus 
den alten Brandmauern, gerade wie die heilige 
Stadt Rom." 
Herbrich muß lächeln über die „Neustadt", die 
mit ihren wunderlichen Häuschen und winkligen 
Gassen schon seit dem 17. Jahrhundert steht, aber 
er will dem Biedermann die Freude und den Stolz 
nicht beeinträchtigen und er erzählt ihm von seiner 
genußreichen Morgenwanderung, von den Gärten 
und Mauern und Türmen. Immer zutraulicher 
wird der Wirt: 
„Aus den alten, hohen Rundturm müssen Sie 
steigen, da erst werden Sie sehen, wie schön die 
Gegend ringsum ist! Und dann, im Garten der 
Obersörsterei! Da ist noch der alte Umgang für 
die Mauerwachen zu erkennen, und von dem Mauer- 
türmchen in der Nordwestecke sehen Sie weit ins 
Thal über die rauschende Werra!" — — 
So heimatlich wird ihm zu Sinn; wie ein Kind 
kommt er sich wieder vor. Das Bild der geliebten 
Mutter steigt vor ihm auf, die Stimme des Vaters 
glaubt er zu vernehmen, und mehr denn je hält 
ihn ein poetischer Zauber umfangen. 
Am Spätnachmittag wandert er dem Garten 
der Oberförsterei zu. Es liegt ein Flimmern in 
der Luft, die Schwalben ziehen zwitschernd weite 
Kreise, und ein Duft zittert umher von Bauern 
rosen, Geisblatt und Nelken. Gerade so duftete 
es im elterlichen Garten und beim Großvater in 
Hersseld, dessen Laube von Geisblatt umsponnen 
war. — — 
Der Herr Oberförster ist nicht zu Hause, er 
macht einen dienstlichen Rundgang, und die Haus 
frau ist bei der Frau Bürgermeisterin, wo ein
	        

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