Full text: Hessenland (16.1902)

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tigert Verfassung, die das Vaterland auch nach 
außen als eine geschlossene Gesamtmacht erscheinen 
läßt, ist der Kurstaat dem Dreikönigsbttndnis 
beigetreten lind wird in der Hoffnung, daß 
die in Erfurt sich bald eröffnenden, umfassenden 
Beratungen seinem Ziele entgegenführen, an ihnen 
sich ans das eifrigste beteiligen." Sodann aber 
wird betont, daß nach dem Aufhören des deut 
schen Lundes die Notwendigkeit gegeben sei, sollte 
Deutschland nicht nach außen hin in die höchste 
Gefahr geraten, an der „einstweilen konstituierten 
Einrichtung" auch jetzt festzuhalten, da bei dem 
zur Zeit noch dem Dreikönigsbündnis fern ge 
bliebenen größeren Teile von Deutschland es sonst 
an allem Bande fehlen würde, die Verpflichtungen 
der einzelnen Glieder des deutschen Bundes gegen 
diesen geltend zu machen. Damit wurde aus 
das bereits erwähnte, zwischen Preußen und 
Österreich zustande gekommene „Interim" hin 
gewiesen, das dem Kurfürsten sympathischer sein 
mußte, als das Dreikönigsbündnis. Die Antwort 
der Stünde ans das Hassenpflngsche Programm 
bestand in einem von Professor Bayrhofser, 
einem der Demokratenführer, beantragten Miß 
trauensvotum. Minister und Landtag standen 
somit, wie es unter den obwaltenden Verhältnissen 
nicht anders sein konnte, von vornherein aus dem 
Kriegsfuß, und zuerst eine Vertagung, dann die 
Auflösung der Kammer am 12. Juni war die 
Folge davon. 
Inzwischen waren Hannover und Sachsen von 
dem ersten Dreikönigsbündnis zurückgetreten und 
es war ein neues ähnliches Bündnis in München 
zwischen Bayern, Württemberg und Sachsen ge 
schlossen worden, dem sich der Kurfürst zuzu 
wenden gedachte, infolgedessen die kurfürstliche 
Regierung erklärte, an der Union vorerst sich 
nicht beteiligen zu können. Kurhessen beantragte 
dabei die Vertagung des am 20. März in Er 
furt eröffneten Ünionsparlaments, damit die Ver 
handlungen über die Münchener Übereinkunft 
wirksam beginnen könnten. „Sollte das Ziel znm 
wahren Wohle Deutschlands auf diesem Wege 
nicht erreicht werden, so werde mit dem Bewußt 
sein erfüllter Pflicht zu den begonnenen Verhand 
lungen in Erfurt zurückgekehrt werden." So war 
der Kurfürst von der Union, losgekommen; vier 
zehn Tage später aber gab Österreich den ganzen 
verworrenen politischen Verhältnissen eine andere 
Wendung, indem von ihm die deutschen Regie 
rungen zur Entsendung ihrer Bevollmächtigten 
nach Frankfurt a. M. aufgefordert wurden zu 
einer am 10. Mai daselbst zu eröffnenden außer 
ordentlichen Bundes-Plcnar-Versammlung. welche 
die Einsetzung eines neuen provisorischen Zentral 
organs beschließen und die Revision der Bundes 
verfassung vornehmen solle. 
Zu derselben Zeit hatte aber auch König Fried 
rich Wilhelm IV. von Preußen einen Fürsten 
kongreß zu Berlin veranstaltet. Nach Frankfurt 
aus den Diplomatenkongreß wurde von Kur- 
Hessen der Minister des Auswärtigen Alexander 
von Baumbach gesandt, aus dem Berliner 
Fürstenkongreß aber erschien der Kurfürst mit 
Hassen pflüg und zeigte sich als entschiedener 
Öpponent, indem er sich unter vollständiger Ne 
gierung alles inzwischen Vorgefallenen lediglich auf 
den Standpunkt der alten Bundesverfassung stellte. 
Schon in der vierten Sitzung des Kongresses gab 
die kurfürstliche Regierung die Erklärung ab, 
daß sie die vorgeschlagene Bildung der Union 
mit den durch die deutsche Bundesverfassung be 
gründeten Rechten und Verbindlichkeiten für un 
vereinbar halte und ans dieser ihrer Rechtsansicht 
folgere, daß Kurhessen seinerseits nichts dazu 
thun dürfe, auch nur dem kleinsten Stücke der 
Unionsverfassung zur Existenz zu verhelfen. Ans 
dem Kongreß und den damit verbundenen politi 
schen Diners erregten der Kurfürst und sein 
Minister durch ihre Haltung Aussehen,- sie spiel 
ten, wie Hassenpflug selbst meinte, die erste Vio 
line. Zwischen dem Herzog Ernst von Kvbnrg 
und dem Kurfürsten kam es mehrfach zu heftigen 
Auseinandersetzungen, die dem letzteren aber die 
gute Laune, in der er sich unter seinen Standes 
genossen befand, nicht nahmen. 
Am Himmelfahrtstag empfing er den Besuch 
der anwesenden Fürsten in seiner im Königlichen 
Schloß gelegenen Wohnung, wo über die Ant 
wort ans die von dem König von Preußen zu 
erwartende Ansprache ziemlich heftig debattiert 
wurde. Bei dieser Gelegenheit rief der Kurfürst 
dem Großherzog von Oldenburg u. A. zu: „Sie 
sind Schwarz-Rvt-Gold, und das bin ich nicht!" 
Hassenpflug, der im „Hotel de Russie" logierte, 
wurde herbeigeholt und entwarf im Schlafzimmer 
des Kurfürsten die Antwort, die jedoch von keiner 
lei Bedeutung ist. Der Großherzog von Baden 
brachte sie nach der noch am selben Tage erfol 
genden Anrede des Königs zum Vortrag, und 
bei dem Diner, das darauf im weißen Saale 
stattfand, war es der Kurfürst, welcher den Trink- 
spruch des Königs erwiderte. Daß der hessische 
Fürst von dem preußischen Monarchen aus alle 
Weise ausgezeichnet wurde, gesteht auch der Her 
zog Ernst von Kvbnrg in seinen Erinnerungen 
zu, und wenn L. von Gerlach erzählt, daß der 
König ihn andern Tags zu Hassenpflng mit den 
Worten gesandt habe: „Gehen Sie doch einmal 
zu dem Aaron dieses Moses", so ist dies eine
	        

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