Full text: Hessenland (16.1902)

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führe n."*) Daß diese Äußerung des wahr 
heilliebenden Jordan auf den feine Hoheitsrechte 
eifersüchtig überwachenden Fürsten einen liefen 
und bleibenden Eindruck machen mußte, braucht 
nicht näher begründet zu werden. Für das Drei 
königsbündnis war bei dem deutschen Volke im 
allgemeinen jedoch nicht die geringste Sympathie 
vorhanden, da mit ihm die ersehnte -Reichsver 
fassung zu Grabe getragen wurde. In der deutschen 
Verfassungsfrage stehen, nach dem Ausspruche des 
liberalen Otto von Corvin, „ganz vorwurfsfrei" 
nur die Regierungen der 29 kleinen Staaten da, 
„denn sie hatten sich der Reichsverfaffung bereit 
willig angeschlossen, und sie gingen, als dieselbe 
unmöglich geworden war, mit derselben Leichtig 
keit und Bereitwilligkeit zur Dreikönigsversassung 
über". Es wird dies hauptsächlich aus dem Grunde 
hervorgehoben, um darzuthun, wie man in jener 
so überaus unruhigen und schwankenden Zeit über 
den Umsturz selbst der „ReichsVerfassung" und 
eine neue Formulierung derselben dachte. 
Rach dem Abschluß des Dreikönigsbündnisses 
kam es zwischen Preußen und Österreich am 30. 
September 1849 zu einem Vertrag über ein 
„Interim", demzufolge die Leitung der deutschen 
Zentralgewalt bis znm 1. März 1850 einer 
Bundcs-Kommission, bestehend aus zwei öster 
reichischen und zwei preußischen Bevollmächtigten, 
übertragen wurde. Diese Bnndes-Zentral-Kom- 
mission war aber nichts anderes als ein Extrakt 
des alten Bundestags, von dein man nicht los 
kommen konnte. — In diesem Drängen und 
Schieben der verschiedenen Staaten untereinander, 
in dieser ständigen politischen Unruhe und Zer 
fahrenheit, welche durch die demokratischen Be 
strebungen der einzelnen Volksstämme noch ver 
mehrt wurde, gab der Kurfürst immer mehr 
dem Gedanken Raum, mit der Regierung da 
fortzufahren, wo er 1847 aufgehört hatte. Die 
deutsche Nationalversammlung war eingegangen, 
von dem Neichsverweser nichts mehr zu hören, 
die in Baden zum Schutz der Reichsverfaffung 
gemachte Volkserhebung von den Monarchien 
niedergeworfen. Fast alle deutschen Fürsten hatten 
die ihnen aufgezwnngenen Märzministerien wieder 
abzuschütteln gewußt. Nach der Revolution kam 
die Kontre-Revolntion. Am kühnsten sollte diese 
*) Zu erwähnen ist hierbei, daß ähnlich wie der kvn- 
stitutionelle Jordan, auch der reaktionäre Graf Borries 
in einer Hannoverschen Kammersitzung des Jahres 1860 
erklärte: „Die Übertragung der Militärhoheit und der 
diplomatischen Vertretung ans Preußen bedeute die Media 
tisierung". Jordan gab diese Erklärung vor einem Fürsten 
innerhalb seiner vier Wände, Borries vor dem ganzen 
Lande ab. 
aber leider in Kurhessen auftreten und hierbei 
den Grund zu andauernden Konflikten legen. 
Der Kurfürst hatte nun beinahe zwei Jahre lang 
nur diejenigen Ratgeber um sich, die das Vertrauen 
des Volkes besaßen; jedoch darf dies nicht allzu 
wörtlich genommen werden, denn die starke demo- 
kratische Partei war mit dem Anschluß an das Drei 
königsbündnis, zu welchem das Ministerium ge 
drängt, durchaus nicht einverstanden und befand sich 
hierbei auf dem gleichen Standpunkt wie der Kurfürst. 
Da entschloß dieser sich, seinen früheren Minister 
Hassen pflüg, der gegenwärtig in preußischen 
Diensten stand und die Stellung des Appellations 
gerichtspräsidenten von Neu - Vorponunern in 
Greifswalde bekleidete, zurückzurufen. Hasfenpflug. 
welcher damals gerade in einen mißlichen Prozeß 
verwickelt war, der übrigens günstig für ihn aus- 
laufen sollte, folgte dem an ihn ergangenen Ruf 
und traf am 21. Februar 1850 in Kassel ein. 
Das Ministerium Eberhard fiel und Hasfenpflug 
wurde zum Minister der Justiz und des Innern, 
mit dem Vorsitz im Gesamt-Staatsministerium 
ernannt. 
Vom Standpunkte des Kurfürsten war Hafsen- 
pflug allerdings die geeignetste Person, die Souve 
ränität von dem Druck, der auf ihr lastete, zu 
befreien. In dem Programm, das Hasfenpflug 
der Ständekammer am 26. Februar mitteilte, 
treten hauptsächlich die nachfolgenden Stellen her 
vor: „Als Grundlage der ministeriellen Thätigkeit 
kann sich eine andere nicht darbieten, als die 
durch die Verfassnngsurknnde und die bestehenden 
Gesetze gegebene. Ist für unsern Staat, dieses 
Glied des deutschen Bundes, eine monarchische 
Regierung mit einer landständifchen Verfassung 
als Grundgesetz aufgestellt, so werden wir jeder 
Bestrebung, welche an die Stelle dieser fundamen 
talen Regelung unsers öffentlichen Lebens Volks- 
souveränität zu setzen beabsichtigen möchte, nach 
allen Seiten hin mit allen Kräften entgegentreten. 
Wir werden es nicht zugeben, daß unserer staat 
lichen Existenz das in der Revolution liegende 
Prinzip der Verneinung alle Lebensfähigkeit zer 
störe, und daher niemals ermangeln, mit Offenheit 
und Nachdruck die verfassungsmäßigen Rechte des 
Landesherrn aufrecht zu erhalten, an deren Be 
stand und solcher Handhabung, die das Wohl 
des Volkes zum Ziele nimmt, wir das Heil des 
Vaterlandes geknüpft finden." Das war für die 
Demokraten, welche die fürstliche Souveränität 
durch die ihrige bedrohten, und für das unbe 
queme Verhältnis zu der „Union" fanden sich die 
folgenden Worte: „In vollkommener Anerkennung 
der Berechtigung des deutschen Volkes, -durch das 
Band einer Deutschland umfassenden lebenskräf-
	        

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