Full text: Hessenland (16.1902)

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daß er gleich nachher, und obgleich er noch Student 
war, auf Antrag des Professors Bayrhoffer zum 
Mitgliede des Marburger Vvlksrates erwählt 
wurde und so in den Strudel der damaligen 
demokratischen Bewegung hineiugerissen wurde, in 
der er bald ein gefeierter Volksreduer wurde. 
Inzwischen war Hassenpflug in Kassel Minister 
geworden. Der liberale Landtag beschloß mit 
Hilfe einiger von dem besonnener gewordenen 
Bayrhoffer abgefallenen Demokraten eine Steuer- 
verweigerung, und Hassenpflug antwortete hierauf 
mit seinen Septemberverordnungen, die in ihrer 
Konsequenz zum Staatsstreiche führen mußten. 
Knrhessen stand über Nacht mitten in dem damals 
berühmten Kampf um sein Recht, im — Ver 
fassungskampfe. 
Trabert unterzog sich um diese Zeit noch in 
Marburg der juristischen Fakultätsprüfung, bestand 
auch in Kassel noch mit gutem Erfolg bei der 
Staatsprüsungskommissivn das Staatsexamen, als 
er sich jedoch hieraus zum Eintritt bei dem Fuldaer 
Land- oder Obergericht meldete, erhielt er von 
Hassenpflug die Resolution: daß er aus politischen 
Gründen zum Staatsdienst nicht zugelassen werden 
könne. Trabert that, wozu die Verhältnisse ihn 
zwangen; er suchte sein tägliches Brot durch 
journalistische Thätigkeit und als Verteidiger vor 
Gericht zu erwerben. Er schrieb in seinem eigenen 
Blatt, dem Fuldaer „Wacht aus" — der zweiten 
Kasseler „Hornisse" —, eine Serie von Artikeln, 
die gegen Hassenpflngs September-Ordonnanzen 
gerichtet waren, und kämpfte gleichzeitig für die 
Erhaltung der 1831er Staatsverfassung. 
Die 1850 erfolgende Wiederherstellung des 
Bundestags brachte Kurhessen nun die Bnndes- 
exekntivn mit Einsetzung des permanenten Kriegs 
gerichtes, das freilich nicht nach Kriegsrecht, sondern 
nach Maßgabe der allgemein gültigen bürgerlichen 
Gesetzgebung jubilieren sollte. 
Trabert wurde wegen seiner Thätigkeit in der 
Presse verhaftet und, obwohl der jüngste, gegen 
die oben erwähnten Ordonnanzen gerichtete Artikel 
längst verjährt war, in das Kastell nach Kassel 
eingeliefert. Man verurteilte ihn dann zu sechs- 
oder mehrjähriger Gefängnisstrafe und zwar ans 
Grund eines Gesetzes, das als höchste Strafe nur 
sechsmonatliche Einsperrung wollte. Man lebte 
eben damals in Hessen unter — Kriegsrecht. 
Es wurde sogar dies Urteil durch das „purgierte" 
General-Auditorat kassiert und die Bestellung 
eines anderen Auditeurs für das permanente 
Kriegsgericht mit der Weisung angeordnet: Trabert 
nach dem Kurhessischen Marti algesetz ab 
zuurteilen, ein Gesetz, das die Bestimmung hatte, 
den Einbruch der französischen Revolution von 
1789 in Deutschland, bezw. Hessen abzuhalten 
und darum Strafen androhte, die zumeist ans 
lebenslängliche Eisenstrafen lauteten. Trabert 
antwortete hieraus: daß Fulda, der Ort seiner 
litterarischen Sünden, überhaupt erst 1815 an 
Kurhessen gefallen und das Martialgesetz hier 
niemals publiziert worden sei. Das mußte freilich 
anerkannt werden. Der neue Auditeur aber 
wußte sich dadurch aus der Verlegenheit zu helfen, 
daß er sehr künstlich ein Majestätsverbrechen 
konstruierte, die fünfjährige Untersuchungshaft als 
Strafe zwar anrechnete, jedoch noch eine 3 ^jährige, 
in Einzelhaft zu verbüßende Festnngsstrafe zn- 
fügte, was denn auch den Inhalt des Urteils 
bildete. 
Trabert hat diese lange Einkerkerung*) bis 
zum Ende abgesessen, hatte aber dann die Genug 
thuung, daß diese ganze kriegsrechtliche Prozedur, 
als ihn die Stadt Hanau, nach Wiederherstellung 
der 1831er Verfassung, in den Landtag wählte 
und die Regierung diese Wahl wegen Peinlichkeit 
der Verurteilung anfocht, von der nur ans per 
sönlichen Gegnern bestehenden Ständekammer 
stimmen einhellig als Rechtsbruch bezeichnet 
wurde, so daß die Verurteilung als null und 
nichtig zu bezeichnen sei. 
Bemühungen ans den Kreisen der Abgeordneten 
heraus drangen nun in Trabert, um ihn zu be 
stimmen, wie zur Belohnung dieses ihn in seiner 
Ehre restaurierenden einhelligen Ausspruchs, sein 
Mandat freiwillig niederzulegen. Selbverständlich 
aber konnte er sich dazu nicht verstehen. Er 
blieb Mitglied der Kammer bis zur Auflösung 
Kurhessens. Dem schon in seiner Jugend so 
eifrig verfochtenen großdeutschen Standpunkt ist 
er niemals untreu geworden. 
Im Jahre 1868 wurde Trabert zum zweiten 
Male in seinem Leben verhaftet, weil er im 
Verdacht stand, von Leipzig aus ein Flugblatt 
„An die Kurhessen" verbreitet zu haben. Nach 
langer, resultatloser Untersuchung mußte man 
ihn allerdings frei geben, denn jener Aufruf war 
ohne sein Wissen und ohne feine Mitwirkung 
erlassen worden. Da er aber unter Polizeiaufsicht 
gestellt wurde, entschloß er sich nach Österreich 
auszuwandern. 
Nun stehen wir an dem neuen Lebensweg des 
Dichters. Trabert stand im 47. Jahre. Er 
hatte das höchste Normalalter, das die Aufnahme 
in eine staatliche Stellung gestattet, schon längst 
überschritten, aber ans die Empfehlung des Ministers 
*) Siehe die humorvolle Schilderung „Der Sängerkrieg 
auf Spangenberg" von A. Trabert. „Hessenland" 1887, 
S. 130 ff. D. Red.
	        

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