Full text: Hessenland (16.1902)

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daß einem Soldaten des 1. Infanterie-Regiments der 
Ärmel seines Wafsenrockes durch einen fortgeschossenen 
Ladestock zerrissen sei, ohne wunderbarer Weise 
den Mann irgendwie 31t verletzen. Ter Kurfürst 
ritt an uns vorüber aus einen Trupp außer Dienst 
gestellter Tambouren und Hornisten verschiedener 
Regimenter zu und rief diesen das Kommando 
„Achtung blasen" entgegen, was aber, weil der 
Kurfürst meist undeutlich sprach, nicht verstanden 
wurde. Ter Kurfürst befahl es zum zweitenmale, 
und alsbald sprang ein Hornist des 2. Infanterie- 
Regiments vor und blies das befohlene Signal 
so rein und tadellos, daß der Kurfürst in seiner 
Freude hierüber einem seiner Flügeladjutanten be 
fahl, dem Hornisten einen Louisdor zu behändigen. 
Den durch den Ladestockschuß getroffenen Soldaten 
ließ er ebenfalls in reichlichem Maße für seinen 
Schrecken entschädigen. 
Bei seinen Ausritten zu den Truppenübungen 
trug der Kurfürst mit Borliebe die Uniform der 
Garde du Corps. Der gelbe Messinghelm wurde 
gewöhnlich von einem aus Palaiswache befindlichen 
Garde du Corps geputzt, wofür dieser 20 Sgr. 
erhielt. Im Exerziermonat wurde jedoch leine 
Garde du Corps-Wache gestellt und mußte der 
Helm von einem der Lakaien, welche meist von 
der Infanterie (Garde) genommen wurden und mit 
dem Messinghelm nicht umzugehen verstanden, 
geputzt werden. Das mangelhafte Reinigen des 
Helmes trat bei nebeliger Witterung so recht hervor, 
und an einem solchen Tage kam der Kurfürst vor 
unsere Front geritten — wir waren gerade ab 
gesessen und ruhten —, saß auch ab und ging aus 
Oberstleutnant v. Cornberg zu. Nach der üb 
lichen Begrüßung sagte der Kurfürst zu C.: „Corn 
berg haben aber Helm schlecht geputzt", und schlag 
fertig erwiderte v. C.: „Aber Königl. Hoheit haben 
noch schlechter geputzt." Der Kurfürst, welcher 
diese Bemerkung gut gelaunt aufnahm, griff nach 
seinem Helm, nahm ihn vom Kops, besah ihn und 
sagte: „Wahrhaftig, Cornberg hat Recht." 
Bon der freigebigen Gutherzigkeit des Kurfürsten, 
welcher oben Erwähnung geschah, ist vielleicht dem 
einen oder dem andern meiner ehemaligen Kameraden 
noch mancher ähnliche Zug im Gedächtnis geblieben. 
L. 6. 
Kurfürst Friedrich Wilhelm von Hessen 
als Ehe stifte r. Der letzte Kurfürst von Hessen 
besaß, wie wohl allgemein bekannt, einen großen 
Schönheitssinn, infolgedessen er daraus hielt, daß 
sich auch in seiner Dienerschaft ausnehmend hübsche 
und wohlgestaltete Personen befanden. 
Lottchen, so wollen wir eine von den im 
Schloß beschäftigten Schönen nennen, war ein junges, 
liebes, pflichtgetreues Mädchen, das besonders gern 
von einem der kurfürstlichen Dienstangestellten ge 
sehen wurde, und cs währte nicht lange, so fand 
eine feierliche Verlobung der Beiden statt. Doch 
eine Schönheit ist nie so, daß sie von keiner anderen 
übertroffen werden könnte, und so kam es auch 
hier, daß der junge Bräutigam in seiner Treue 
irre wurde und seine Blicke anderweit umherschweifen 
ließ. Anfangs wurde das von Lottchen für eine 
Laune des Verliebten gehalten und im Scherz auf 
genommen, doch als sich die Blicke seiner blauen 
Angen immer seltener in ihre braunen senkten und 
die Liebesschwüre immer lauer wurden, da war es 
Zeit, den Worten ihrer Freunde, die die harmlose 
Seele für pure Verlünmdnng gehalten, zu glauben, 
und nun trat an Stelle des Glückes bitterer Kummer, 
der bald die rosigen Bäckchen erblassen ließ und 
die Augen mit Thränen füllte. 
Daß die Ursache ihrer Thränen dem anderen 
Personal nicht verschwiegen blieb, dafür sorgte 
schon das Interesse an einer ernsten Liebesgeschichte. 
So kam auch dieselbe an einen der Kammer 
diener des Kurfürsten, dem das betrogene Mädchen, 
das er lange kannte, sehr leid that, und der nun 
ernstlich darüber nachsann, auf welche Weise da 
Abhülfe geschaffen werden könnte. Daß das bald 
geschehen mußte, sah er ein. und nun beschloß er, 
vorerst den wankelmütigen Verehrer Lottchens ins 
Gebet zu nehmen. Ganz hold war er ihm schon 
lange nicht, und da war es wohl natürlich, daß 
der Kammerdiener, statt Frieden zu stiften, nur 
Ärger und Unliebsamkeitcn erntete, und statt Lottchen 
zu nützen und ihr den halb Verlorenen 311 retten, 
ihn nur mehr verbitterte. 
Es war eine wahre Gewitter-Atmosphäre. Lottchen 
schluchzte herzbrechend, wo sie nur irgend sich allein 
glaubte; der Abtrünnige grollte und der Kammer 
diener sann und grübelte, was da zu machen sei, 
ballte die Hände vor Ärger in der Tasche und zog 
die Augenbrauen zusammen, sodaß er selbst wie eine 
richtige Gewitterwolke aussah. Und so war es kein 
Wunder, daß dieses Wesen selbst dem Kurfürsten 
ausfiel und er den Grund zu des Kammerdieners 
veränderter Miene zu wissen verlangte. 
Von selbst würde dieser nun nicht 311 reden 
gewagt haben, doch geantwortet mußte werden 
und zwar wahrheitsgemäß! Und was war das 
Resultat? — Der Kammerdiener war sehr befriedigt. 
Seine Königliche Hoheit hatten geantwortet: „Ver 
stehe, verstehe, braves Mädchen, soll ihn haben, den 
Bräutigam! Wohl nur aus Konsens gewartet?" 
Und der Konsens! Richtig, einige Tage danach 
wurde der Ungetreue zum Kurfürsten besohlen, der 
ihm das wichtige verhängnisvolle Schreiben feierlich 
überreichen ließ. Wenn auch erst der so Überraschte 
zu dem ernsten Spiel gnte Miene machen mußte,
	        

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