Full text: Hessenland (16.1902)

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{yattenvocf durch das Wiesenland und die Augen 
blitzen unter dem kleidsamen Käppchen . . . 
„Auch das meinte ich nicht!" 
„Nun denn, was sollte anders geworden sein. 
Herr Bibliothekar?" 
„Das Milieu, die intime Stimmung, Freund! ! 
Weißt Tu es noch, wie unsere Mütter spannen 
und uns dabei Märchen erzählten, nüe die Büter 
im Flaus zur Schenke gingen, den selbstgebauten 
Tabak aus kurzen Pfeifen rauchend? Heute 
stehen wohl die Spinnräder mit bunten Bändern 
geschmückt als Zierde in den Boudoirs und die 
gemütliche Pfeife ist für die Öffentlichkeit in Acht 
und Bann erklärt! Meine Heimat wird mich aus 
fremden Augen anschauen, und ich werde sie nicht 
wieder erkennen." 
„Lieber Herbrich, Tein einsames Leben hier in 
der Weltabgeschieden heit hat wohl Deinen Geist 
und Tein Wissen zu stolzer Höhe getragen, aber 
dadurch blieb ein anderes in Dir zurück! Kann 
Dich der Fortschritt verdrießen, der doch das Schönste 
im Kulturleben ist? Na, warte nur! Wenn Tu 
auf Teiner Heimatwanderung nach Kassel kommst 
und uns in unserem Heim aufsuchst, dann soll 
meine Tora Tich ein wenig modernisieren! Ich 
denke. Du wirst Tich mit ihrem Luxusspinnrade 
aussöhnen, und in meiner Studierstube sollst Du 
hessisches Kraut rauchen aus langen Pfeifen, die 
noch aus der feuchtfröhlichen Zeit alter Burscheu 
herrlichkeit stammen!" 
„Rückständig erscheine ich Tir, weil ich mich 
nach der Poesie entschwundener Tage sehne, weil 
ich mir noch Sinn für die blaue Blume der 
Romantik bewahrte?!" 
„Laß gut sein, ich wollte Tich ja nicht kränken; 
aber es ist gut. daß Du deine Studienreisen be 
endet hast und Dich nun wieder etwas dem Alltag 
zuwenden willst! Alter Knabe, heiraten mußt 
Du; — — ich spreche nicht etwa pro domo, habe 
weder Schwester noch Schwägerin. aber — 
soll bei Deinen Anlagen Tein Alter nicht trostlos 
werden, mußt Du Dir eine liebende Seele küren!" 
„Eine liebende Seele mit modernen Allüren, die 
die meine nicht versteht und begreift! Lasse Deine 
Überredungskünste, alter ego! Spielen wir 
noch eine Partie?" 
„Aha! Du lenkst ab, — — und großmütig 
willst Du mir Gelegenheit geben zur Revanche? — 
Es sei! Paß ans. ich setze Dich matt!" 
Langsam tropfte der Regen; leise schlich die 
Dämmerung heran; zweimal schon hatte Detcrt 
,.gardez“ und einmal „Schach" gesagt; jetzt setzte 
er den Springer vor und ries lachend: „Matt!" 
Herbrich stützte den Kops in die Hand und sagte: 
„Du hast mich wirr gemacht mit Deinen Heimat- 
klängen!" 
Tann nach einer kleinen Pause: „Es dämmert; 
wollen wir ins Rauchzimmer, gemütlich ein Pfeifchen 
rauchen und von der Marburger Zeit reden? Sie 
ist nun einmal heraufbeschworen!" 
„Topp, cs sei!" 
Arm in Arm gingen sie durch die hohe, eisen- 
beschlagene Thüre in das Innere des Schlosses. 
Detert behäbig und breitschultrig. Herbrich über- 
schlauk, die hohe Stirn vorzeitig gefurcht. 
(Schluß folgt.» 
—<&-«> 
Aus alter urtò neuer Zeit. 
A ns den E r i n u e r u n g e n eines k u r - 
hessischen Garde du Corps. Es war im 
Mai des Jahres 1860, als wie gewöhnlich die 
kurhessischen Truppen zum Frühjahrsexerzieren aus 
dem großen Forste ausrückten. Dorthin kam, nament 
lich bei gutem Wetter, auch häufig der Kurfürst 
und verfolgte mit vielem Interesse die Bewegungen 
der Truppen, besonders aber hielt er sich sehr 
gern in der Nähe der Garde du Corps auf. Eines 
Morgens stürzte bei Ausführung einer Attacke der 
Rekrut Ackermann, ein herkulisch gebauter Mann, 
mit seinem Pferde, und kam so unglücklich zu 
liegen, daß das Pferd beim Ausschlagen mit den 
Hinterbeinen ihm den Helm total zerschlug und 
befürchtet werden mußte, eS werde auch den Kopf 
des Gestürzten treffen. Glücklicherweise war dieses 
nicht der Fall, denn als A. unter dem Pferd ! 
hervorgezogen war und auch dieses wieder auf den 
Beinen stand, schwang er sich behend in den Sattel, 
zog seinen Pallasch aus der Scheide und führte die 
Attacke hinter seinen Kameraden her allein aus. Ter 
Kurfürst war voll Anfang bis zu Ende Zeuge dieses 
Unfalles gewesen. Am anderen Morgen blies der 
Trompeter zu einer ungewöhnlichen Zeit zum Appell, 
und als wir antraten gewahrten wir die sämtlichen 
Offiziere der Eskadron und auch den Divisions- 
Kommandeur. Nachdem die Mannschaften verlesen, 
mußte A. vortreten, und der Kommandeur sprach: 
„Se. Königl. Hoheit der Kurfürst haben sich über 
Ihre gestern au den Tag gelegte Herzhaftigkeit sehr 
gefreut und spenden Ihnen hiermit ein Geschenk 
von 50 Friedrichsdor." 
Im Herbstmauöver des Jahres 1862, bei 
j Frommershausen, wurde dem Kurfürsten gemeldet,
	        

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