Full text: Hessenland (16.1902)

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An -er 
Novellettc von M. 
„Nun sage, alter Kamerad, warum hast Du ! 
eigentlich nicht geheiratet?" fragte Professor Tetert 
den Schloßbibliothekar Wilhelm Herbrich, nachdem 
sie sich eine kleine Weile schweigend gegenüber 
gesessen hatten, einzig den, wichtigen Geschäft hin 
gegeben, den Ranchringeln ihrer Zigarren nach 
zublicken. 
Sie saßen auf der breiten Veranda von Schloß 
Jessilkowa in der Ukraine, einem alten Herrschasts- 
sitz, wo der Bibliothekar die Rolle des Herrn und 
Gebieters spielte. 
Eintönig tropfte der Regen ans die breiten, 
weißen Treppenstufen, die vom Garten empor 
führten; zuweilen, wenn der Frühherbstwind durch 
die Baumkronen fuhr, troff es dichter ans den 
Blättern und Zweigen ans den seinen Kies der 
Wege, daß es wie Platzregen rauschte. Sonst war 
es feierlich still ringsum; Reseden und Heliotrop 
dufteten von den Beeten heraus und die dunkel- 
sternigen Clematis rankten vom Glasdach der Veranda 
bis auf das Tischchen nieder, das zwischen den 
beiden Männern stand. 
Ter Bibliothekar hatte anscheinend seinen Gegner 
im Schachspiel „matt" gemacht; darauf deuteten die 
Figuren hin; der Kamps auf dem Brett mochte 
kein leichter gewesen sein, denn über beiden lag 
ein Zug von Abgespanntheit. 
„Geheiratet? — Wo, in Gottes Namen, hätte 
ich die Zeit dazu hernehmen sollen?" 
„Hm, Zeit? . . . Hast Tn Dir keine Ferienzeit 
ausbedungen?" 
„Aber natürlich! Jedes Jahr zwei volle Monate." 
„Und bist schon zwölf Jahre hier in Deiner 
beneidenswert unabhängigen Stellung, — macht 
genau zwei Jahre Ferien!" 
„Ja, ja!" 
„Was hast Du denn damit angefangen?" 
„Ich erzählte Dir doch schon: 1888 Studium 
halber in Griechenland, 89 in Norwegen, 90 in 
Spanien, 91 .... " 
„Aha! Tie ganze Welt bereist, um die Kennt 
nisse zu vermehren, aber in all der Zeit keine Frau 
gefunden!" 
„Keine gesucht, wäre richtiger! Ich kam 
wirklich nicht dazu. Übrigens, — bist Du sehr 
glücklich, sehr befriedigt als Ehemann?" 
„Ja! — Jedes Wort mehr erschiene mir banal." 
„Hm!" 
Nun war es wieder still; man hörte nichts als 
die leise fallenden Tropfen. Nach einer Weile 
sagte der Professor lachend: 
Werra. 
von Ekensteen. 
(Nachdruck verboten.) 
„Tu bist in den langen Jahren, seit wir uns 
nicht sahen, doch ganz der Alte geblieben! Ver 
träumt, verloren in Büchern, vergraben in Studium! 
Herrgott, Mensch, wer wird denn das Leben über 
der Wissenschaft vergessen? Und sage nur, hat es 
Tich nie mit Sehnsucht gepackt nach der Heimat, 
nach unserem Ringgau und den kleinen Dorschen, 
i wo unsere Wiegen standen?" 
Wie ein Vorwurf klang es durch die Fragen; 
Wilhelm Herbrich lächelte sanft wie ein Kind und 
fuhr sich mit der schmalen, weißen Hand durch 
das wirre, buschige Haar: 
„Tas habe ich mir verspart, gleichsam als Dessert! 
Wenn Tn mich auch nicht aufgesucht, und wie ein 
Mahner von Heimat und Vergangenheit gesprochen 
hättest, meine nächste Reise hätte dem geliebten 
Hessenlande gegolten! Denke nur nicht, ich hätte 
es je vergessen gehabt. Als ich zum ersten Male 
trunkenen Auges die Akropolis sah, da kam es 
ganz unvermittelt über mich, daß ich schon einmal 
im Leben so ergriffen gewesen war; weißt Du es 
noch, es war damals nach der fröhlichen Marburger 
Zeit, als wir hoch oben vom Ludwigstein über 
das Werrathal hinsahen? — Kein Atom von 
Analogie, nur das tiefgehende Empfinden der 
Schönheit dort wie hier! Und wieder, als ich 
staunend und ergriffen in der Alhambra stand und 
die Düfte der Rosen mich schwül umwogten, da 
schwebten mir plötzlich die malerischen Thalränder 
der Heimat, mit ihrem Ruinenschmnck vor, ich sah 
im Geiste die Kurve von Lindewerra mit der Tensels- 
kanzel, und der kleine Heimatort stand vor mir, 
mit jedem Hause, jeder Gasse! Aber siehst Du, 
ich frage mich oft bange, wird es die liebe, alte 
Heimat noch sein, wird die prosaische Neuzeit nicht 
allen Zauber, von ihr abgestreift haben?" 
Fast traurig war seine Rede ausgeklungen; 
Professor Tetert stand auf. legte die Hände ans 
des Freundes Schultern und sagte: 
„Grübler! — Noch fließt die Werra wie ein 
lustiges Kind zwischen den burggeschmückten Hohen 
dahin, noch grünt und blüht es ans dem Meißner, 
und in stets erneuter Herrlichkeit grüßt uns der 
hessische Wald." 
„Tu mißverstehst mich wohl mit Absicht, Freund?" 
unterbrach ihn Herbrich; aber unbeirrt mit großen 
Schritten die Veranda durchmessend, fuhr lachend 
Tetert fort: 
„Noch immer, Monsieur, schreiten im Schwalm 
grund die kräftigen Dirnen in Mieder und kurzem
	        

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