Full text: Hessenland (16.1902)

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sind aus bcii lyrischen Grundton gestimmt, dabei 
verleugnen sie sämtlich, besonders auch seine Märchen, 
niemals die schwälmcr Abkunft ihres Erzeugers. 
Echte Heimatluft umweht sic alle. Ten hochdeutschen 
Gedichten, obwohl auch sic nicht ohne besondere Schön 
heiten sind, fehlt jedoch oftmals, so weit sie mir bekannt 
sind, der poetische Schwung und der eigengeprägtc, 
packende Ausdruck. — Ein schönes Verdienst hat 
sich Kurt Nuhn durch seine Gedichte in Schwälmer 
Mundart erworben. Mit Ausnahme der Erzeugnisse 
„rcimelnder" Spinnstubenburschen war dort nach 
einem kurzen Anlaufe (v. Luder, Kirmeslied) die 
Poesie in der Öffentlichkeit verstummt. Es ist Kurt 
Nuhn zu verdanken, daß auch diese Mundart ihr 
Stimmlein im Konzerte ihrer'Schwestern wieder er 
hebt. Gern hat ihm die Redaktion des „Hessenland" 
für diese Bestrebungen die Spalten geöffnet. Bei der 
Beurteilung ist es von Wichtigkeit, ganz besonders in 
Rechnung zu ziehen, daß Kurt Nuhn die Mundart erst 
„litteratnrsühig" *) machen mußte. Gewisse Kon 
zessionen dem Leser gegenüber waren dabei ziemlich 
unausbleiblich, mancher wenig salonfähige, aber be 
zeichnende Ausdruck, manche etwas possenmäßige, aber 
plastische Redewendung mußten auf Kosten des Lokal 
kolorits unterdrückt werden. Wenn dadurch die 
Dichtungen Kurt Nuhns in Schwälmer Mundart 
etwas zu hochdeutsch gedacht erscheinen, auch die Sprache 
im strengen Sinne des Dialekts nicht immer ganz ein 
wandfrei ist. einen gewissen intimen Reiz werden sie 
für den nie verlieren, der den „lyrischen", volkslied- 
artigen Humor derselben zu genießen versteht. — Tie 
*) Siche l>r. W. Schoofs „Studien zu einer hessischen 
Litteraturgeschichte". 
„Neuen Märchen" von Kurt Nuhn (1. Ausl. 1895 
bei Kittsteiner. Hanan-Kesselstadt) sind bis jetzt 
mit Unrecht noch ziemlich unbeachtet geblieben, ob 
wohl sie sich, kleinere Mängel abgerechnet, die eine 
2. Auflage (in Vorbereitung) beseitigt hätte, den 
besten Erzeugnissen dieser Gattung würdig an die 
Seite reihen. Märchenfiguren wie „Goldelse". 
„Hans", „Heida", „Wiedn" bleiben es wert, in 
der Phantasie unserer Jugend, zumal unserer 
hessischen eine Rolle zu spielen. Märchen wie 
„Kornmutter" sagen auch Erwachsenen etwas. Für 
mich war es, besonders im gegenwärtigen Augen 
blicke, rührend zu lesen, wie Kurt Nuhn in liebender 
Anhänglichkeit die Verhältnisse seines Heimats 
dörfchens verwertet hat. Ten .,Falterswald", die 
„Sandlöcher", (auch „Born-Hilde", „Egwald", 
„Schreck") braucht man nicht weit von demselben 
zu suchen. Bolksausdrücke, humoristische Wendungen 
sind meistens Blumen des Schwalmthals. Kurt 
Nuhns „Neue Märchen" sind ein Volksbuch im 
besten Sinne des Wortes. 
Nun hat sich der Dichter ins „stille Land" 
zurückgezogen, in einem Anfalle seelischer Depression, 
gesteigert zum Irrsinn, infolge entsetzlicher Krank 
heit (Magenkrebs), hat er sich den Eingang in 
dasselbe — erzwungen. Diese Thatsache der Un 
verantwortlichkeit für die Handlung schließt alle 
müßigen Fragen und Erörterungen über das tief 
beklagenswerte Ereignis aus Wir aber 
legen schweren Herzens dieses Eichenblatt bescheidenen 
Ruhmes als Dankeszoll aus die eben geschlossene 
Gruft unseres treuen Mitarbeiters: Schlummere saust. 
Du des Schwalmthals erster Sänger! Schwalm. 
Marieche im 
(Schwälmer 
Ins i) ahler Parr, in liewer Mann 
Ö gürer Nochber noch dozü, 
Gc>w 2 ) dämm Marieche dann ö wann, 
Bvs Ken so rächt gärn namme düh 3 ): 
Bos Güres ^) güw hä stets züm Ässe. 
Dos höt Marieche net Vergüsse. 
Es schloß eil 5 ) i dos Häzche i. 
Hü war seng alles. „Onkel Parr." 
So hüß's'') dä Nowed 7 ), hüß es srieh. 
Hü fiiff 8 ) ein Bobbe ö ee Knarr. 
Bos Wonger, däß die Zwee vertranwlich! 
Dä Ältern wör dos liew, erbauwlich. — 
Marieche gong nü i die Schül. 
Dos äscht' Exame kom herrbei. 
Dr Lehrer saß off'm Orgelstühl, 
Dr Parrer i dr Sakristei. 
Äs die Gemee hott off ze senge, 
Zür Prieseng 9 ) gongs verm Altör enge. 
^ 
äschte Lxarne. 
Mundart.) 
Tr Parrer hüll lü ) dos.Biwelbüch 
I senger Hahnd rächt hoch ö säht: 
„Em heei detz Büch bekemmert üch 
Ö hahlt, bos dren stet! Da verkläht 
Üch nimmer dos Gewesse. Vergüsse 
Wedd Gött üch nett ö net Verlässe. 
Bie heeßt dos Büch? — Marieche, Dü, 
Dü weeßt dos doch?" — Marieche svh 
Vo enge ross dämm Parrer zü, 
Ö bei dr Frohj u ) do gücksen 12 ) o 
Ö höt sich domet ränsgeresse: 
„Härr Parr, dos müßt ehr besser messe!" ,;! ) 
Kurt Muhn i*. 
') Unser; 2 ) gab; 3 ) Was Kinder so recht gern nehmen 
thun; 4 ) Gutes; B ) ihn; 6 ) hieß es; h Abend; 8 ) kaufte; 
“) Prüfung; l0 ) hielt; ") Frage; ") guckte es ihn an; 
13 ) Und hat sich damit herausgerissen: Herr Pfarrer, das 
müsset Ihr besser wissen!
	        

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