Full text: Hessenland (16.1902)

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Wie leicht es für den Kurfürsten war, die 
größte Popularität zu erlangen, zeigte ihm der 
21. März, an welchem er auf dem Friedrichsplatz 
eine Revue über die Bürgergarde abhielt. Er 
war mit seinem Stab in glänzender Uniform er 
schienen, am linken Arm aber trug er die meiste 
Bürgerbinde, und diese kleine Konzession an das 
Volksbewußtsein brachte ihm unermeßlichen Jubel 
ein. In einem am selben Tag an den Kommandeur 
der Bürgergarde gerichteten Schreiben, in welchem 
die mustergültige Haltung des Corps gelobt wurde, 
erklärte der Kurfürst denn auch, daß insbesondere 
die Bezeugungen ausrichtiger Treue und Ergeben 
heit, die ihm bei der Revue gewidmet gewesen 
seien, seinem Herzen wohlgethan hätten. Auch 
als der Kurfürst und die Gräfin Schaumburg 
die schwarz-rot-goldene Fahne, die am 31. Mürz, 
bei dem zur Feier der Eröffnung des Vorparlaments 
in Frankfurt stattfindenden Zug, vom Küfermeister 
Herbold am Palais vorübergetragen wurde, mit 
weißen Tüchern begrüßte, wurde dies mit 
Enthusiasmus aufgenommen. 
Einige Tage später aber stand der Thron in 
größter Gefahr, denn durch den Exzeß einer An 
zahl Gardes du Corps entstand in der Nacht vom 
9. auf den 10. April ein Aufruhr, der sich über die 
ganze Stadt verbreitete. Es ist diese Begebenheit 
unter der Bezeichnung „die Garde du Corps-Nacht" 
bekannt und im „Hessenland" 1898, Seite 92ss.ge- 
schildert, auch durch einen Vortrag von Dr. Schwarz- 
kops erst unlängst so lebhaft in das Gedächtnis 
zurückgerufen worden, daß nähere Angaben hierüber 
(Schluß 
überflüssig erscheinen. Bemerkt sei nur, daß der 
Kurfürst die sofortige Auflösung seiner Lieblings- 
trnppe anordnete und hierin noch weiter ging, 
als es selbst der liberale Minister Eberhard für 
nötig hielt, der vor der Auflösung eine Unter 
suchung des Sachverhalts für angemessen erachtete. 
Auch der mit Blutvergießen verbundene Zwischen 
fall vom 9. April sollte keine weittragenden Folgen 
haben, wie dies der 6. August 1848 bewies, an dem 
der Kurfürst den Gipfel der Popularität erstieg, als 
er am Vormittag aus dem Forst bei Kassel seine 
Truppen dem Erzherzog Johann von Österreich als 
Reichsverweser huldigen ließ, alsdann aus dem 
Bowlingreen vor dem Orangerieschloß der Fahnen 
weihe der Schutzwache beiwohnte und Nachmittags 
auf dein großen Volksfeste in der Aue im Frack*), 
am Hut die schwarz-rot-goldene Kokarde, erschien. 
Der Küfermeister Herbold und der Hofschlosser 
meister Dallwig kredenzten ihm aus einem silbernen 
Becher den Ehrentrunk. Der Kurfürst trank ans 
das Wohl des engeren, hessischen Vaterlandes, und 
Herbold fühlte sich so begeistert, daß er sich bcin 
Kurfürsten gegenüber zu der Äußerung verstieg, 
„es sei ja vielleicht nicht ausgeschlossen, daß ein 
Sohn des Kurfürsten sein Nachfolger auf dem 
hessischen Thron werden könne" **). 
*) Früher hatte der „Verfassungsfreund" im Hinblick 
auf die Vorliebe des Kurprinzen für die Uniform gc- 
fchrieben: Ein Fürst, der immer im Soldatcnkleid erscheint, 
beweist damit, daß er das Oberhaupt nicht des Staates, 
sondern des Militärs sein will. (!!) 
**) Bergt. Karl Herbald. „der Bürgerkönig von Kassel", 
von Otto Gerland. „Hessenland" 1898, Seite ‘¿04. 
folgt.) 
Namen von Münzmeistern und Stempelschneiöern 
auf hessischen Geldstücken. 
Von Paul Weinmeister, Leipzig. 
er hessische Münzen sammelt, thut dies nicht 
bloß aus geschichtlichem Interesse, sondern 
will sich zugleich an der Schönheit ihrer Gepräge 
erfreuen und somit ein künstlerisches Bedürfnis 
befriedigen. In der That sind unsere hessischen 
Geldstücke dazu in hervorragendem Maße geeignet, 
wenn auch nicht aus allen Zeiten gleichmäßig, 
nitd was uns Sammlern besonders an ihnen 
gefüllt, ist die Sorgfalt, die man auch den kleineren 
Nominalen stets gewidmet hat. Ich erinnere in 
dieser Beziehung nur an die Gepräge von Karl 
und Friedrich I., besonders aber auch an die 
hanauischen Geldstücke aus der Erbprinzenzeit 
Wilhelms IX. In allen diesen verrät sich ein 
Geschmack und eine Darstellungskunst, von der 
spätere Zeiten bis zu unseren Tagen nur lernen 
können. Die Gesichtszüge der Kopfbilder sind 
lebendig, nicht Jahrzehnte lang von demselben 
Aussehen (wie z. B. auf den Geprägen der Königin 
Viktoria von England)*), sondern der Zeit der 
Prägung entsprechend, man bildete also nicht jeden 
neuen Stempel sklavisch dem vorhergehenden nach; 
die Wappen sind gefällig und geschmackvoll, so 
z. B. das sonst ganz einfache Sparrenschild auf 
dem hanauischen Kupferkreuzer von 1773, einem 
bei aller Schlichtheit überaus schöueu Stück, uitb 
dazu kommen zuweilen kleine Verzierungen, die 
*) Auf unseren Reichsmünzen zeigen nur die Kopfbilder 
der Herrscher von Anhalt, Reuß ü. L. und Sachsen- 
Meiningen ein mit der Zeit geändertes Aussehen.
	        

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