Full text: Hessenland (16.1902)

Wilhelm I. „Kraft der Erbfolge-Ordnung die 
ihm angefallene Nachfolge in der Negierung des 
Kurfürstentums an". In der nicht kontrasignierten 
Verfügung, welcher diese Worte entnommen sind, be 
hielt er sich wegen der anzuberaumenden Huldigung 
weitere Entschließung vor, und man befürchtete, daß 
der neue Herrscher die von seinem Vater erteilte 
Verfassung nicht zu Recht bestehen lassen werde, eine 
Annahme, die nicht grundlos erschien, da in der 
Eidesformel, durch welche das Militär dem nun 
mehrigen obersten Kriegsherrn Treue geloben sollte, 
die wegen der Ansrechthaltung der Verfassung 
vorgeschriebene Klausel nicht enthalten war. 
Nach mehreren Paragraphen der Verfassung 
gehörten nämlich auch die Offiziere zu den Staats 
dienern, welche aus die Verfassung vereidigt waren 
und durch die Landstände in Anklagezustand ver 
setzt werden konnten, wenn sie einer nicht in der 
verfassungsmäßigen Form ergangenen Verfügung 
Folge leisteten. Sie selbst hatten also die Gesetz 
mäßigkeit der an sie ergehenden Ordres zu 
prüfen, falls sie sich nicht in Konflikt mit den 
Landständen sehen wollten. Nach diesen Ver- 
sassnngsparagraphen hatte man in Knrhessen 
gewissermaßen ein Parlamentsheer, das keinem 
und besonders nicht einem Herrscher von der Ver 
anlagung Friedrich Wilhelms behagen konnte, der 
in dieser Hinsicht nicht schlechter gestellt sein wollte, 
wie die andern deutschen Bnndesfürsten. Plante 
er einen Umsturz der Verfassung, so war jeden 
falls die Militärfrage die hauptsächlichste Ver 
anlassung dazu. 
Durch die Bestimmung, daß bei der Eides 
leistung des Militärs nur der einfache Fahneneid 
geleistet werden sollte, geriet das ganze Offizier- 
corps in große Unruhe, da in dieser Formel von 
der Aufrechterhaltung der Verfassung nichts ent 
halten war. Besonders bedrückt fühlten sich auch 
die jüngeren Offiziere, und mehrere von ihnen 
suchten noch am Vorabende und am Morgen vor 
der Eidesleistung Rat bei ihren Regiments 
kommandeuren, Offiziere von der Artillerie bei 
General Gerland*), Offiziere vom Leibgarde- 
regiment bei Oberst von Urff. Dies hatte zur 
Folge, daß Oberst von Urff sich zum Kurfürsten 
begab und ans die unter den Offizieren herrschende 
*) Als der Kurfürst von dem General Gerland die 
Namen der Offiziere wissen wollte, erklärte dieser, „die 
Namen nicht nennen zu können, da er den jungen Männern 
ans deren Geheimhaltung sein Ehrenwort gegeben habe, 
und der Kurfürst erklärte es für selbstverständlich, dann 
nicht weiter in ihn dringen zu dürfen, ein Beweis, wie 
Friedrich Wilhelm an und für sich dachte". (Das Ab 
schiedsgesuch der kurhessischen Offiziere im Oktober 1850 
von Senator Di-. Gerland. Kassel 1883. Verlag von 
Friedr. Scheel.) 
Erregung hinweisend, bat, eine Erklärung abgeben 
zu dürfen, daß der neuerdings geforderte Fahnen 
eid den Eid aus die Verfassung in nichts beein 
trächtige. Nachdem der Kurfürst dies zugestanden, 
ging die Eidesleistung ohne Zwischenfall vor sich. 
Einige der Offiziere aber wurden wegen Zuwider 
handlung gegen das Verbot gemeinschaftlicher 
Verabredung mit Festungshaft bestraft. 
An dem aus die Eidesleistung folgenden Tag 
empfing der Kurfürst eine Deputation der Land 
stände und beutete auf beabsichtigte Modifikationen 
der Verfassung hin, durch welche dieselbe in alle 
Zukunft sicher gestellt werden würde. Es erfolgte 
auch bald darauf die Einsetzung einer Kominission, 
um die Verfassung einer Revision zu unterziehen, 
aber die Ereignisse des Jahres 1848 sollten alle 
diese Pläne jählings über den Hausen werfen. 
Kurz nach der französischen Februarrevolution 
gaben in Kurhessen in erster Linie die Hanauer 
das Zeichen zur Erhebung gegen das bestehende 
Regierungssystem. Marburg, Hersseld und auch 
die Residenzstadt Kassel traten in die Bewegung 
ein, und aus mehrfache Petitionen, die von drohenden 
Ansammlungen vor dem Palais unterstützt wurden, 
denen die Bürgergarde aber schlagfertig gegen 
übertrat, ließ der Kurfürst nach längerem Zaudern 
sich dazu bewegen, die gewünschten Zugeständnisse 
zu machen. Diese bestanden in der Berufung 
von Ministern, welche das Vertrauen des Volkes 
genossen, in Aufhebung der Zensur, Freiheit der 
Presse, Religivns- uud Gewissensfreiheit, öffent= 
lichem und mündlichem Gerichtsverfahren und 
andern wünschenswerten Einrichtungen. Daß es 
ill diesen bewegten Tagen zu keinem Einschreiten 
des Militärs und keinem Blutvergießen kam, dazu 
soll wesentlich die Gräfin Schaumburg bei 
getragen haben, welche in vermittelnder Weise 
ihren Einfluß ans den Kurfürst geltend zu machen 
verstand. 
Am 13. März traten die Landstände zusammen, 
und am 17. bildete der Kurfürst das sog. März- 
ministerium mit dem Hanauer Bürgermeister 
Eberhard als Minister des Innern an der 
Spitze. Am 20. Mürz traf als Landtagsabge 
ordneter auch Sylvester Jordan wieder in Kassel 
ein und sprach, von dem Volk freudig begrüßt, 
die denkwürdigen Worte, daß die Bürger eines 
konstitutionellen Staates zur republikanischen Ver 
fassung nur durch Verbrechen gelangen könnten. 
Einige Tage darauf sandte der Kurfürst ihn als 
Vertrauensmann an den Bundestag in Frankfurt 
und ernannte ihn bald nachher mit dem Titel 
eines Geheimen Legatiousrates zum kurhessischen 
Bundestagsgesandten. Welch ein Wechsel der Ver 
hältnisse!
	        

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