Full text: Hessenland (16.1902)

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nötigen Aufhülfe durch Förderung der Gewerbe 
und der Landwirtschaft in mancher Hinsicht fehlen. 
Dagegen darf dem Kurprinzen aus der langen 
Verzögerung der Genehmigung zum Ban der 
ersten Eisenbahn in Hessen ein besonderer Vor 
wurf nicht gemacht werden. Eine Abneigung 
gegen die Eisenbahn hatte sich nicht allein bei dem 
Kurprinzen, sondern auch bei den maßgebenden 
Stellen anderer Staaten bemerklich gemacht. Endlich 
nach langwierigen Verhandlungen mit den Land- 
ständen erteilte der Prinz die Genehmigung zur 
Erbauung der „Friedrich-Wilhelms-Nordbahn",die, 
an die Thüringische Eisenbahn sich unmittelbar 
anschließend, zur preußischen Grenze bei Haueda 
geführt werden sollte. Datiert ist die Genehmigung 
vom 2. Oktober 1844. 
Als sie bekannt wurde, befand der Prinz sich 
gerade im Theater. Sofort wurden von der dank 
baren Einwohnerschaft der Residenz Vorbereitungen 
zu einem großartigen Fackelzng getroffen. Nach 
beendigter Vorstellung wurde der Prinz auf dein 
Opernplatz mit tausendstimmigen Jubelrufen em 
pfangen. Die ganze Stadt war festlich erleuchtet 
und der Fackelzug schritt dem Wagen des Prinzen 
bis in die Wilhelmshöher Allee voran. Bei der 
am andern Tag durch den Oberbürgermeister und 
den Stadtrat von Kassel im Schloß Wilhelmshöhe 
erfolgten Überreichung einer Dankadresse soll der 
Prinz sich sehr huldvoll gezeigt und u. a. geäußert 
haben, es sei ihm bei den gepflogenen Unterhand 
lungen hauptsächlich darum zu thun gewesen, daß 
Gnntershausen nicht Kassel, und Kassel nicht 
Gnntershausen werde. *) 
Der Bahnbau konnte aber erst im folgenden Jahre 
seinen Ansang nehmen. Zugleich mit der Friedrich- 
Wilhelms-Nordbahn wurde auch mit der von 
Guntershansen abzweigenden Main-Weser-Bahn 
begonnen. Nach Vollendung der Nvrdbahn fand 
dieselbe in Westfalen aber innerhalb sechs Jahren 
keinen Anschluß, und der Kurfürst äußerte einmal 
zum Geheimen Legationsrat von Goeddaens: 
„Es hätte zuerst die der alten Handelsstraße 
zwischen Frankfurt und Leipzig entsprechende Bahn 
gebaut werden müssen." 
Der Minister des Innern, der seinen Namen 
unter die Genehmigung des Statuts für den Eisen- 
- *) „Deswegen hatte er auch durchaus keine wirkliche 
Station mit Aufenthalt an dieser Stelle zugeben wollen. 
Alles sollte, Personell und Güter, nur über Kassel nach 
dem Süden gelangen können. Das war freilich gegen das 
Interesse beö großen allgemeinen Verkehrs, es zeigt aber, 
daß auch dieser hessische Regent keineswegs ein abgesagter 
Feind des Fremdenverkehrs in seiner Residenz, oder über 
haupt gleichgültig gegen deren materielle Wohlfahrt gewesen, 
wie ihm vielfach nachgesagt worden ist." „Kassel seit 
siebzig Jahren" von Fr. Müller. Band 1l, S. 196. 
bahnbau gesetzt hatte, war Volmar, der ein 
Jahr später eine andere landesherrliche Ent 
schließung kontrasignierte, die mit sehr geteilten 
Empfindungen aufgenommen wurde. Es war 
dies eine Verordnung, welche den Deutsch-Katholiken 
in Hessen völlig den Boden nehmen sollte, nach- 
j dem ihnen früher, wie man sagt, ans Anraten 
des Ministers des Auswärtigen von Steüber, 
ehemaligen Adjutanten des Kurprinzen, von der 
Regierung ziemlich freie Hand gelassen worden 
war. Der Umschwung trat nach dem Tode des 
Herrn von Stenber und einem Besuch ein, den 
der Prinzregent, einer Einladung Metternichs 
folgend, diesem Staatsmann auf dem Johannis 
berg gemacht hatte. Ähnlich wie gegen die Dentsch- 
j Katholiken ging das Ministerium des Innern 
unter Schessers Leitung gegen die protestantischen 
j „Lichtfreunde" vor. Da der Prinz in religiöser 
Beziehung kein Schwärmer war*), andererseits 
| aber auch der Freigcisterei nicht zugethan erschien, 
so konnte es seinen Ratgebern nicht schwer fällen, 
ihn zum Einschreiten sowohl gegen die katholischen, 
wie die protestantischen Dissidenten zu bewegen. 
In der Ständekammer kam es zu erregter Ans 
sprache, die Unzufriedenheit im Lande wuchs und 
dazu kam noch, daß nach einer Mißernte zu Be 
ginn des Jahres 1847 eine Hungersnot drohte. 
Um einer solchen möglichst vorzubeugen, kaufte 
die Regierung für mehrere Millionen Thaler 
überseeische Frucht, die sie mit einem Verlust von 
einer halben Million an das Land verteilte, eine 
Wohlthat, welche der hessischen Bevölkerung zeigte, 
daß die Regierung, trotz der politischen Reibereien 
mit den Landständen, den Notstand des Landes 
so viel als augenblicklich in ihren Kräften stand, 
j zu lindern suchte. 'Nachdem die Aussicht auf eine 
gute Ernte alle weiteren Befürchtungen für das 
materielle Wohl zerstreut hatte, begab der Prinz 
sich in die Grafschaft Schanmbnrg zum Jubelfeste 
der 200 jährigen Vereinigung dieses Gebietes mit 
Hessen. „Da war kein Städtchen und kein 
Dörfchen", schreibt Wippermann, „das sich nicht 
an jener Feier beteiligt hätte; den herzlichsten 
Enipsang fand überall der Prinzregent, wohin er 
kam. Er verweilte lange dort, war unter dem 
heiteren Volke selber froh und gab dafür dem- 
selben seinen Dank zu erkennen." 
Noch vor Ablauf des Jahres 1847 sollte ein 
neuer Wendepunkt in dem Leben des Kurprinzen 
eintreten, denn am 20. November starb zn Frank 
furt sein Vater, und er trat als Friedrich 
_ *) „Als Absolutist ohne Phrase liebte er weder die 
Salbung der theologischen, nach die Romantik der feudalen 
Reaktivnslehren." H. v. Treitschke „Deutsche Geschichte im 
19. Jahrhundert".
	        

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