Full text: Hessenland (16.1902)

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des Konventes gewesen ist. Er war es, der per 
sönlich bei der Kurie die Heiligsprechung Elisabeths 
schon im Jahre 1234 energisch betrieben hatte und 
nun als Ordensherr am Pfingstfest (27. Mai) 
1235 erreichte; am 1. Juni wurde sie der Christen 
heit durch die Bulle „Gloriosus in maiestate“ 
verkündigt. Er war es, der alsbald nach seiner 
zweiten Rückkehr aus Italien am 14. August 1235 
in Gegenwart des Hochmeisters Hermann von Salza 
den Grundstein zur Kirche St. Elisabeth legte. 
Auf seine Rechnung kommt das großartigste Fest, 
das je auf oberhessischem Boden gefeiert worden 
ist: die Erhebung der Gebeine der hl. Elisabeth 
am 1. Mai 1236. Roch heute ruft in der Mittags 
stunde eines jeden 30. April die größte Glocke 
der Elisabethlirche die Erinnerung wach an die 
Einkehr Kaiser Friedrichs II. und der glänzenden 
Bersammlung der Erzbischöfe und Bischöfe, Fürsten 
und Herren seines Reiches bei der Grabstätte der 
ungarischen Schwärmerin. Endlich sind auch zweifel 
los unter der thatkräftigsten Mitwirkung Landgraf 
Konrads die ersten Wohn- und Wirtschaftsgebäude 
der Kommende erstanden, eine Thalburg hinter 
Ringmauern, an denen die landgräsliche Herrschaft 
ihre Grenze fand. Tie Ordensherren jener Tage 
würden es sich gründlichst verbeten haben, wenn 
ihnen jemand vom „Deutschen Hause zu" oder „in 
Marburg" hätte reden wollen: für sie gab es mit 
Recht nur ein Deutsches Haus „bei Marburg". 
Sie würden auch schwerlich damit einverstanden 
gewesen sein, die Summe ihrer örtlichen Borrechte 
lediglich als „Asylrecht" bezeichnet zu sehen: denn 
ihr Haus und Herrschaftsgebiet erfreute sich damals 
und noch auf lange Zeit hinaus der staatsrecht 
lichen Unabhängigkeit von der landgräflichen Herr 
schaft in Hessen. 
An der Spitze des ganzen Ordens stand in 
jenen Tagen noch der große Hochmeister Hermann 
von Salza. Dieser „soll" nun in Marburg zuerst 
den Plan zur Eroberung Preußens gefaßt haben. 
Ich weiß nicht, worauf sich diese angebliche Über 
lieferung gründet. Jedenfalls ist sie falsch. Denn 
ans jedem Geschichtswerk kann man sich belehren 
lassen, daß der Hochmeister schon 1226 durch 
Friedrich II. mit allen Eroberungen, die der 
Orden in Preußen machen würde, von Reichs 
wegen belehnt worden ist, und daß er schon 1230 
den Hermann von Balk als ersten Landmeister 
nach Preußen entsandt hat. Aber ein anderes für 
den Teutschen Orden und die Germanisierung der 
Ostseeländer wichtiges Ereignis hat sich allerdings 
im Marburger Ordenshaus abgespielt: die Ein 
verleibung des livländischen SchwertbrüderordenS 
in den Deutschen Orden. Doch ist auch diese 
Idee nicht vom Hochmeister des letzteren, sondern 
von den Schwertbrüdern selbst allsgegangen, und 
die ersten nachweisbaren Spuren voll Verhandlungen 
darüber führen nicht in das Deutsche Haus bei 
Marburg, sondern auf den großen Mainzer Reichs 
tag vom August 1235. In Marburg fanden aber 
die entscheidenden Kapitel statt. Das erste hielt 
nach seiner Rückkehr aus Livland der Marburger 
Ordenspriester Ludwig von Otlingen Ende 1236 
ab; es stellte die definitive Entscheidung dem Hoch 
meister zu. Erst auf dem zweiten, einem General 
kapitel (Anfang Juni 1237), führte dieser selbst 
den Vorsitz und vollzog aus Grund vorhergegangener 
Verhandlungen mit Papst und Kaiser die Ver 
schmelzung beider Orden. Damals beriet er nun 
auch mit seinen Gebietigern die in Livland zu 
befolgende Ordenspolitik, zu deren Durchführung 
er wieder den Hermann Balk als Heermeister 
dorthin sandte.*) Vielleicht haben diese letztgenannten 
Thatsachen jener angeblichen Tradition vorgeschwebt. 
„Sitz des Hochmeisters" des Deutschen Ordens 
war aber das Teutsche Haus bei Marburg darum 
so wenig wie irgend ein anderes Ordenshaus in 
Europa. Diese Ehre kam bis 1291 allein Akkon 
im hl. Lande zu. Gewiß haben die Hochmeister, 
wenn sie sich in Europa aufhielten, je nach llm- 
ständen auch in Marburg Wohnung genommen, wie 
uns das wiederholt von Hermann von Salza be 
richtet wird und wie das für Landgraf Konrad, den 
Rachfolger Hermanns, wahrscheinlich ist, der während 
seiner kurzen Regierungszeit (1239—40) Palästina 
meines Wissens nicht betreten hat. Auch die Er 
oberung Akkons hat darin keine Änderung geschaffen: 
nicht bei Marburg, sondern in Venedig war von 
1291 — 1309 das Haupthaus des Deutschen Ordens 
und die ordnungsmäßige Residenz des Hochmeisters. 
Aber 1293 treffen wir auch wieder einmal einen 
Hochmeister — es ist Konrad von Fenchtwangen — 
auf einer seiner Inspektionsreisen am Grabe Elisabeths. 
Run giebt es allerdings jüngere Nachrichten aus 
dem Mittelalter, die Marburg als hochmeisterlichc 
Residenz zwischen Venedig und Marienburg ein- 
schieben. Indes ist diesen Quellen, wie ich in 
meiner Deutschordensgeschichte S. 58 s. gezeigt 
habe, nicht allzuviel Glauben beiznmessen. Denn 
der Auszug des Ordens war veranlaßt durch das 
Interdikt, mit dem die Königin der Adria am 
27. März 1309 belegt wurde; am 3. April hielt 
sich der Hochmeister Siegfried uou Feuchtwangen 
in Wien auf; zwischen dem 13. und 21. September 
bereits zog er in die Marienburg ein. Rechnen 
wir nun die zu den Reisen Wien-Marburg und 
Marburg-Marienburg notwendigen Zeiträume ab. 
*) Näheres, namentlich über die Zeitbestimmungen, in 
meiner Geschichte S. 26 ff.
	        

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