Full text: Hessenland (16.1902)

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beiden Prinzen ihre Zustimmung dazu erteilen. 
Ihnen allein verdankt es der Orden, daß er auch 
im hessischen Teil der landgräslichen Besitzungen 
festen Fuß fassen konnte: am 1. November 1231 
schenkten sie ihm ihr Allod in Möllrich. Das war 
kaum drei Wochen vor dem Tod ihrer Schwägerin. 
Aber auch für die nächsten Monate haben wir nicht 
den geringsten Anhaltspunkt dafür, daß nun mit 
einem Male eine Entfremdung zwischen Landgrafen 
und Deutschorden eingetreten wäre. Im Gegenteil: 
gerade die Abweisung der Johanniter ist aller Wahr 
scheinlichkeit nach mit bestimmt gewesen durch deu 
Wunsch der Landgrafen, Elisabeths Stiftung wenn 
irgend einem Ritterorden, so den ihrem Hause be 
freundeten und dem Kaiser ergebenen Deutschen Herren 
offen zu halten. Jedenfalls haben die Landgrafen 
im Jahre 1234 vor dem Papst die Erklärung ab 
gegeben, ihr Wunsch sei es schon längst gewesen, 
das Franziskusspital dem Deutschen Orden unter 
stellt zu sehen, und wir haben um so weniger 
Anlaß, dieser Versicherung zu mißtrauen, als 
chronistische Auszeichnungen aus dem Deutschen 
Hause zu Marburg (ca. 1290) bereits im Jahre 
1233 Teutschordensbrüder in Marburg wohnen 
lassen. So wendet sich denn auch Gregor IX. in 
seiner Überweisuugsbulle vom 1. Juli 1234 an 
„den Meister und die Brüder des Hospitals 
St. Francisci in Marburg und die anderen 
i in D i e n st e des Herrn dorthin Abge 
ordnete n". Ich nehme keinen Anstand, unter 
letzteren nach Marburg abkommandierte Deutsche 
Herren zu sehen: aber mit der hl. Elisabeth steht 
das in keinem unmittelbaren Zusammenhang. 
Also erst seit dem 1. Juli 1234 war der Deutsche 
Orden durch die Gunst der Landgrafen Heinrich und 
Konrad und kraft päpstlicher und kaiserlicher Urkunden 
Herr des Franzisknshospitals und seiner Kapellen 
und Güter, und damit zugleich Patron der 
Kirchen in Marburg, aber bezeichnenderweise zu 
nächst immer »och unter dem Schutze Konrads 
von Hildesheim. An die Stelle einzelner Personen 
war damit eines der damals mächtigsten geist 
lichen Institute getreten. In Marburg konnten die 
Teutschen Herren in doppelter Weise ihren Ordens 
gelübden nachkommen: der Pflicht zur Krankenpflege 
durch persönlichen Dienst im Franziskusspital, der 
Pflicht zum Kamps gegen die Ungläubigen ver 
mittelst des Ertrages der Ordensgüter und der 
reichen Spenden, die am Grabe der hl. Elisabeth 
niedergelegt wurden. 
Das Hauptverdienst an dein schnellen Aufschwung, 
den die neue Ordensniederlassung im Lahnthal nahm, 
kommt unstreitig dem Landgrafen Konrad zu, der 
am 13. Oktober und 6. November 1234 dem Orden 
ebensoviel allodialen Grundbesitz in Thüringen 
(Griefstedt u. s. w. an der Unstrut) und Hessen 
(Marburg, Mardorf, Werflo-Kirchhain) zuwandte, 
wie die Dotation des Hospitals vom Jahre 1232 
betragen hatte, und dann am 18. November selbst 
den weißen Mantel mit schwarzem Kreuz nahm. 
Mit ihm sollen nach älterer Meinung zwei Freunde und 
24 Ritter (Mütter redet gar von „Edelleuten") dem 
Orden beigetreten sein. In Wahrheit sind es nur 
zwei Kleriker und neun Ritter gewesen; unter den zu 
letzteren gehörigen, namentlich genannten Hartmann 
von Heldrungen und Dietrich von Grüningen haben 
mir offenbar die beiden „Freunde" Konrads zu 
erkennen. Richtig aber ist es, daß dem Beispiel 
des Landgrafen nun auch zahlreiche andere edle 
Herren (Dynasten) im Reiche gefolgt sind. 
Damit begann nun sogleich eine großartige Er 
werbspolitik des Ordens, die ihm bis zur Mitte 
des 14. Jahrhunderts, abgesehen von den Zehnten und 
Gülten, einen Grundbesitz von etwa 20 000 Morgen 
zuführte, davon etwa 12 000 allein in hessischen 
Gebieten. Die Hauptmasse entfiel natürlich auf 
die nähere und weitere Umgebung Marburgs, in 
die Kreise Marburg und Kirchhain, sodann aus 
Fritzlar und Reichenbach mit ihren Umgebungen. 
Der ganze Besitz gruppierte sich um 12 Haupt 
punkte, teils Kommenden, teils Kastnereien, Pfarreien 
und Bogteien, bildete also kein geschlossenes Terri 
torium; dieser Umstand hat die Ausbildung einer 
Landesherrschast des Deutschen Ordens in Hessen 
vornehmlich verhindert. 
Erst nach dem Eintritt des Landgrafen Konrad 
mit seinem reichen Besitz, nicht dagegen schon 1233, 
ist die neue Ordensniederlassung zur Kommende 
(Komthurei) erhoben worden, wenn auch ein Komthur 
(Winrich) erst im Februar 1236 genannt wird.*) 
Ihre Erhebung zur Landkommende der Ballei 
Hessen vollends werden wir nicht vor 1250 ansetzen 
dürfen: damals wurden die Ordensgüter in der 
fernen Pfalz mit einer eigenen Kommende Ober- 
Flörsheim der Kommende Marburg uuterstellt. 
Die Zahl der Laienbrüder betrug in dieser ersten 
Zeit 12 — 15. Die Zahl der Kleriker wurde gegen 
1240 aus 13 festgesetzt: 7 Priester, je 2 Diakonen, 
Subdiakonen und Akolythen; an ihrer Spitze stand 
der Prior (als erster wird Ulrich am 1. Mai 
1236 genannt), der seit 1246 das Borrecht hatte, 
an hohen Festtagen bei der Messe am Elisabeth 
altar die bischöfliche Mitra tragen zu dürfen. 
Es unterliegt feinem Zweifel, daß neben Komthnr 
und Prior der Landgraf Konrad, ohne ein eigent 
liches Ordensamt zu bekleiden, die einflußreichste 
nicht nur, sondern auch die bedeutendste Person 
*) Ein Verzeichnis der Komthure, Vögte, Pfleger und 
Prioren der Ballei bis 1360 gebe ich in meiner Geschichte 
S. 105—113.
	        

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