Full text: Hessenland (16.1902)

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in dem sogenannten Fürstenhause in der Bar 
füßerstraße. 
Kurz nachdem Wilhelm II. seinem Unwillen 
über die Verbindungen des Sohnes in dieser 
Weise Ausdruck verliehen hatte, folgte die groß 
artig angelegte Intrigue der „Drohbriefe", die, 
wie so Manches in der hessischen Geschichte, 
immerdar verschleiert bleiben wird. Unter den 
vielen Personen, die mit diesen Briefen in Zu 
sammenhang gebracht wurden, befand sich auch 
Radowitz; da er jedoch Hessen bereits verlassen 
hatte, konnte gegen ihn nichts ausgerichtet werden. 
Wie sehr der Kurprinz aber mit Radowitz noch 
liiert war, zeigte sich einige Jahre später, als er, 
mit seinem Vater wegen der Gräfin Reichenbach 
in heftigen Zwist geraten, Kassel plötzlich verließ 
(24. September 1826) und zu seinem Freunde 
nach Berlin eilte. Trotzdem Radowitz die Flucht 
des Prinzen tadelte, kehrte dieser doch nicht an 
den Hof seines Vaters zurück, sondern ging nach 
Bonn, wo seine Mutter sich damals aufhielt, um 
dort seine Studien zu vollenden. 
In dieser rheinischen Stadt lernte er auf einem 
Ball des Generals Croussel die durch Schönheit und 
liebenswürdiges Wesen ausgezeichnete Frau eines 
preußischen Rittmeisters kennen, aus die ihn seine 
fürstliche Mutter selbst mit den Worten auf 
merksam gemacht haben soll: „Sieh nur, Fritz, 
am schönsten ist doch die Lehmann". Frau 
Lehmann, die reizende Dame mit den mandel 
förmigen Augen und dem reichen, dunkelblonden 
Haar war die Tochter des Bonner Weinhündlers 
Falken stein. Wegen ihrer außergewöhnlichen 
Schönheit von den Eltern verwöhnt, soll sie schon 
als junges Mädchen halb im Scherz geäußert 
haben, daß sie nur einem Freier, der mit vier 
Pferden um sie anhalte, ihre Hand geben werde. 
Ob der Bonner Ulanen-Rittmeister, von der Schön 
heit der jungen Dame geblendet, diesem Bedingnisse 
Folge gegeben, muß dahingestellt bleiben, einige 
Jahre später aber sollten die kühnen Hoffnungen, 
die Gertrude Falkensiein einst gehegt, sich verwirk 
lichen. Der Kurprinz fühlte sich von ihr so stark 
gefesselt, daß er, da seine Neigung erwidert wurde, 
den Entschluß faßte, sich mit ihr zu vermählen 
und damit einen Schritt zu thun, der für sein 
ganzes Leben entscheidend sein sollte. Vergeblich 
bat seine Mutter, drohte sein Oheim, König 
Friedrich Wilhelm III., vergeblich beschwor ihn 
Radowitz, er ließ sich von der einmal gefaßten 
Neigung nicht abbringen. Dem Freunde schrieb 
er, diese Heirat sei sein unabänderlicher Wille, 
da er unter den an seinem väterlichen Hofe ob 
waltenden Verhältnissen sich doch um keine Prin 
zessin bewerben könne — ein Scheingrund, dessen 
Hinfälligkeit sich wohl bei der ersten Probe gezeigt 
haben würde. 
Die mannigfachen der Vermählung sich ent 
gegenstellenden Schwierigkeiten überwand der Kur 
prinz schließlich und wurde von dem evangelischen 
Pfarrer zu Rönshausen in Westfalen mit der 
erwählten Dame niorganatisch getraut*) Das 
junge Paar behielt seinen Wohnsitz an den Ufern 
des Rheins, und im goldenen Mainz war es, 
wo den Prinzen die Nachricht von der Pariser 
Julircvolution traf, kurz darauf aber auch die 
Kunde von einer tödlichen Erkrankung seines 
Paters in Karlsbad. Dieser befand sich dort 
mit der Gräfin Reichenbach und ihrem Bruder, 
Heyer von Rofenfeld. Der Leibarzt Heräns war 
nach Hause geschickt worden. Die merkwürdigsten 
Gerüchte durchschwirrten die Luft. Man fürchtete, 
daß die dunkle Mörderhand, die einst den Sohn 
j bedroht, sich nun gegen den Vater gerichtet habe. 
- Ter Prinz eilte von Mainz nach Karlsbad, drang 
bis zu dem Krankenlager des Kurfürsten, und es 
erfolgte eine Versöhnung zwischen Vater und 
Sohn, die wohl zur baldigen Genesung des 
Leidenden das Ihrige beitrug. 
Nach Kassel zurückgekehrt, versprach der Kur 
fürst. um der Not des Landes abzuhelfen, von 
der er versicherte bislang keine Kunde gehabt zu 
haben, die Einberufung der Landstände, der Kur 
prinz aber eilte nach Hanau, wo Tumulte wegen 
der Mautverhältnisse ausgebrvchen waren und 
! ein neuer Bauernkrieg in Aussicht staud. „Ich 
bin Bürger und Bürgersreund", sagte er zu der 
I erregten Menge, und versicherte, bei seinem Vater 
' sich dafür verwendet zu haben, daß die Erhebung 
der Mautabgabe nicht weiter stattfinden solle, 
bis im Landtage darüber beraten worden sei.**) 
Der Prinz hielt sich nunmehr auch viel in der 
alten Bischofsstadt Fulda auf, wo seine Gemahlin 
als Freifrau von Schaum bürg lebte, ohne 
daß bisher etwas Bestimmtes über die Heirat 
verlautet wäre. Die erste offizielle Mitteilung von 
derselben machte der Kurprinz den Offizieren des 
in Fulda in Garnison liegenden Füsilierbataillons 
des 3. Infanterie-Regiments an seinem Geburtstage 
*) Den Zeitpunkt der Vermählung bezeichnet Jakob 
Hoffmeister in seinem historisch-genealogischen Handbuch 
über das hessische Regentenhaus iS. 93) als ein „politisches 
Geheimnis". 
**) „Der Chnrprinz selbst, ein rüstiger, junger Mann. 
welcher in Bonn seine Studien vollendet und mit der 
schönen und liebenswürdigen Madame Lehmann ein dauer 
haftes Verhältnis eingegangen, und in Hessen durch leut 
selig offenes Wesen große Popularität sich erworben hatte, 
reiste nach Hanau und beschwichtigte die Bürgerschaft", 
schreibt Münch in seiner „Allgemeinen Geschichte der 
neuesten Zeit", die von 1832—37, sieben Bände stark, in 
Stuttgart erschien.
	        

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