Full text: Hessenland (16.1902)

zuweilen sogar 2—3, aufgetreten sind. Daß hierdurch 
natürlich die Aufführung, was Zusammenspiel und künst 
lerische Abrundung anlangt, nicht gewinnt, ist ja ganz 
klar. doch sind die Gastspiele nicht zu vermeiden. Immer 
hin könnte durch vorsichtigere Auswahl bei dem einem 
Gastspiele ja vorausgehenden Probesprechen dem Publikum 
manches Unerfreuliche erspart werden. So haben wir 
z. B. einen Ferdinand in „Kabale und Liebe" sehen 
müssen, der für ein besseres Theater geradezu unwürdig 
war. und auch eine Vertreterin der Heldenmütter, die als 
Künstlerin kaum sehr ernst genommen werden kann, brachte 
es zu dreimaligem Auftreten. 
In der Oper scheint diese vorherige Sichtung der an 
gebotenen Kräfte ernsthafter betrieben zu werden. 
Von Neuheiten brachte uns der Schluß der Spielzeit 
vor allem die überall so erfolgreiche Oper „Der polnische 
Jude" von Carl Weis. Der düstere Text ist nach 
einer Erckmann-Chntrianschen Novelle verfaßt, die Musik 
trägt slawischen Charakter, zeichnet sich durch Weichheit 
des Ausdruckes und selbständige Prägung aus. Die Auf 
führung war mustergültig, namentlich spielte und sang 
Herr Wuzol seine schwierige und nicht immer dankbare 
Rolle mit Meisterschaft. Weiterhin machten sich Frau 
Porst und Herr Baß verdient. Neu einstudiert wurde 
Bellinis „Norma" und bewährte ihren alten Zauber. 
Frau Mo ruh, welche die Titelrolle, wie man hörte, 
zum ersten Male sang, fügte damit ihrem Repertoir eine 
vortreffliche Leistung hinzu. Herrn Weltlingers Mittel 
sind fast zu gewaltig für die Bellinische Musik. Die letzte 
Woche vor ben Ferien brachte noch die Neueinstudierung 
von Halevys „Blitz", der Oper, die trotz der denkbar 
einfachsten Mittel immerhin ziemlich erfolgreich früher 
gewesen ist. Trotzdem die sämtlichen vier Mitwirkenden, 
die Damen von Knorr und Porst sowie die Herren 
Kietzmann und Batz ihr bestes gaben, war die Aufnahme 
ziemlich kühl. Auch Wagners gewaltige „Götterdämmerung" 
brachte in den letzten Wochen noch mehr Abwechslung in 
den Spielplan. 
Auf dem Gebiete des Schauspiels war das am 
meisten Aufmerksamkeit erregende Ereignis die Erstauf 
führung des fünfaktigen Schauspiels unserer heimischen 
Dichterin-Josephine Gräfin zu Leiningen-Wester 
burg: „Die Kaiserin". Der Lokalpatriotismus be 
reitete dem besser gewollten als gekonnten Stücke bei den 
ersten Aufführungen einen beachtenswerten Erfolg, der 
jedoch mit dem Reiz der Neuheit schnell nachließ, und so 
werden wohl die vier Aufführungen, die es hier in Kassel 
erlebt hat. die einzigen bleiben. Die Hauptrolle des 
Stückes, die Zirknstänzerin und spätere Kaiserin Theodora, 
stattete Frau Kothe-Haacke mit allem Raffinement 
ihrer Schauspielkunst ans und hatte damit entschieden den 
größten und berechtigtsten Erfolg des Abends zu verzeichnen, 
— 
Aus Heiurat 
Herzogin von An halt-Bern bürg si. Am 
10. Juli starb 91 Jahre alt in Alexisbad die 
Herzogin-Witwe Friederike von An Halt- 
Bern bürg. Tochter des Herzogs Wilhelm von 
Schleswig-Holsteiu-Glücksburg und der Prinzessin 
Louise Karoline von Hessen, deren Vater, 
Landgraf Karl, ein Bruder des Kurfürsten Wil 
helm I. war. Die Vermählung der Verewigten 
mit dem Herzog Alexander Karl von Anhalt- 
die sämtlichen andern Rollen sind nur episodenhaft. Außer 
diesem Drama gingen noch drei Einakter ohne große 
litterarische oder dramatische Bedeutung zum ersten Male 
in Szene: eine höchst qualvolle und unbefriedigende Episode 
aus dem Leben eines verschuldeten Gutsbesitzers. „Ums 
täglicheBrot" von E l l i n o r B r o s s a, ein harmloses 
Jntrigenstücklein aus dem alten Sparta: „Lhfänders 
Mädchen" von Widmann, und ein noch harmloseres 
Künstlerspiel in der Manier Hans Sachs': „Die Meister 
schüssel" von W. Henzen, das allerdings in tadellosen 
kurzen Reimpaaren oder Knittelversen geschrieben ist. Zur 
besonderen schauspielerischen Charakterisierung gab nur das 
erste Stück Gelegenheit und zwar den Herren Le Seur 
und Hellbach und den Damen Kothe-Haacke und 
Grawz. 
Neu einstudiert wurde noch der Mosersche „Veilchen 
sresser". der trotz seines im Laufe der Jahre nicht genieß 
barer gewordenen letzten Aktes immer wieder einen Erfolg 
hat. Das Ehepaar Kot he spielte die Hauptrollen mit 
gleicher Sicherheit und Eleganz wie vor Jahren. Das 
zweite Liebespaar wurde von Gästen gespielt, die Valeska 
lag in den Händen von Frl. Hannewald, einer frischen 
jugendlichen Naiven, die aus der Schule des hier noch in 
gutem Andenken stehenden Herrn Oppmar, jetzigen Direktors 
in Hanau, hervorgegangen ist und für unser Theater 
verpflichtet wurde. 
Der zweite Ostertag brachte wie gewöhnlich den „Faust", 
diesmal in einer vortrefflichen Aufführung, die nur durch 
allzu weitgehende Streichungen beeinträchtigt wurde. Herr 
Le Senr als Faust zeigte uns, daß wir in ihm einen 
tüchtigen Künstler verlieren. 
Im übrigen brachte es der zweite Teil von „Über 
unsere Kraft" noch zu einer ganzen Reihe non Auf 
führungen und eine Anzahl von klassischen Dramen kam 
infolge von Gastspielen mehrfach zu Ehren, so „Don 
Carlos", „Romeo und Julia", „Die Braut von Messina" re. 
Besonders festlich gestaltete sich das erste Auftreten des 
Herrn B a r t r a m nach seiner überstandenen Krankheit. 
Im „Waffenschmied" zeigte er. daß seine Stimme die alte 
Frische wieder gewonnen hat, und das Publikum empfing 
den beliebten Künstler mit Wärme und Herzlichkeit. 
Die letzte Woche war von den Abschiedsvorstellungen 
eingenommen. Frau von Knorr imd Frl. Dennery 
verabschiedeten sich in „Mignon" und die Ausführung 
von Benedix' „Zärtlichen Verwandten" wurde zum Massen 
abschied, indem darin sieben Mitglieder des Schauspiels 
zum letzten Male auftraten. 
Eine angenehme Abwechslung brachten in der letzten 
Zeit einige Tauzarrangements von Frl. Lindau, die von 
dem Balletkorps in graziöser Weise ausgeführt wurden und 
die namentlich dazu dienten, bei nicht ganz abendfüllenden 
Stücken die Vorstellung etwas zu verlängern. B. F. C. 
■«" 
und Frenrde. 
Bernburg hatte am 80. Oktober 1834 zu Gottorp 
stattgefunden. Die Mutter des Herzogs, Marie 
Friederike, war ebeufalls eine hessische Prinzessin, 
und zwar die Tochter des Kurfürsten Wilhelm t. 
1855 war die Herzogin wegen unheilbarer Krankheit 
ihres Gatten zur Mitregentin ernannt worden. 
Mit dem im Jahre 1863 erfolgten Tode des 
Herzogs Alexander Karl erlosch die Bernburger 
Linie und das Land fiel an Anhalt-Dessau zurück.
	        

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