Full text: Hessenland (16.1902)

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hob der Pfarrer seine Augen wieder aus und gebot: 
„Erzähle mir alles!" 
Und die alte treue Magd erzählte alles, was 
sich seit der Geburt des Kindleins ereignet hatte; 
sic erzählte, tvie die beiden Marktweiber der armen 
Frau die Angst ins Herz gejagt hätten, sie selbst 
werde gefangen gesetzt und die Kinder ihr entrissen 
werden, und daß von dieser Stunde an ihre Herrin 
in Trübsinn und Schwermut verfallen sei. 
Das eine der beiden Marktweiber, die „Rine". 
hatte nach der Pfarrsrau Tod, von ihrem Gewissen 
gepeinigt, es laut und offen ausgesprochen, daß sie 
vom Amtmann Radeseld in Selters für Geld 
vermocht worden seien, der armen Iran diesen 
Schrecken einzujagen, und sie hatte, als sie den 
üblen Ansgang des „Spaffes". wie Sanne das 
Ganze genannt hatte, erfahren, den Amtmann laut 
verwünscht und verflucht. 
Ter arme Pfarrer unterbrach die Erzählung 
mit dem schmerzlichen Ausruf: „O Radeseld, den 
ich geliebt habe wie einen Freund und Bruder, 
wieviel Böses hast Tu mir gethan; Gott verzeih' 
Dir, ich kann es nicht." 
Tie Magd berichtete weiter. 
Tas traurige Ende und das ehrlose Begräbnis 
seiner Frau erschütterten das Gemüt des Pfarrers 
auf das tiefste; ebenso der Tod seines Kindleins, 
das geboren und gestorben war, ohne daß sein Vater 
es auch nur gesehen hatte. — — — 
Es gehörte ein im Glauben an Gott und Gottes 
Vorsehung gekrästigtes Herz, wie Laukhardt eins 
hatte, dazu, um nicht zu verzweifeln in all dem 
Elende; aber die Freude seiner treuen Gemeinde, 
die Liebe und der Trost seiner drei Freunde trugen 
auch noch dazu bei, daß sein Herz Frieden fand. — 
War die arme Psarrsran auch durch die Tücke 
Radeselds in den Tod getrieben und durch die 
Hinterlist der Roßlaer ehrlos zu Grabe gebracht 
ein Gedächtnis sollte ihr doch gestiftet werden. 
Deshalb kam am ersten Sonntag nach Laukhardts 
Rückkehr aus der Gefangenschaft Pfarrer Leiden 
srost nach Hirzenhain, um sür dieTvte eine Gedächtnis- 
predigt zu halten. Er hatte den Text gewählt: 
Psalm 69 Vers 21. „Tie Schmach bricht mir das 
Herz und bedrücket mich; ich warte, ob cs jemand 
jammerte, aber da ist niemand, und ich warte auf 
einen Tröster, aber ich finde keinen." Das war 
ein Text, der lies in aller Seelen hineinschnitt 
und den ganzen Schmerz des vereinsamten Pfarrers 
anssprach. aber Leidensrost hielt auch eine gewaltige 
Predigt über diesen Text, die sich tief einprägte in 
Herz und Gemüt aller Zuhörer. — 
Was soll ich von Pfarrer Laukhardt noch weiter 
berichte»? Er war ein stiller Mann geworden, und 
die Arbeit in seiner Gemeinde, sowie die Erziehung 
seiner drei Kinder nahm ihn ganz in Anspruch. 
Lachen hat ihn niemand mehr gesehen, wohl aber 
sah man ihn fast täglich morgens und abends 
knieend und weinend ans der Stätte bete», wo unter 
dem Hollnnderbaum sein Liebstes schlummerte. 
Fünf Jahre noch hat Pfarrer Laukhardt gelebt, 
aber gebrochenen Herzens; auf Michaelis 1734 fand 
ihn der Glöckner, als er zum Abendläuten ging, 
sanft entschlummert unter dem großen Hollunder 
baum hinter der Kirche; sein Leib wurde in der 
Gruft neben seiner ersten Frau beigesetzt. Leiden 
srost. der treue Freund, der inzwischen zum geist 
lichen Inspektor ernannt worden war, hielt ihm 
die Grabrede über das Textwort: „Selig ist der 
Mann. der die Anfechtung erduldet, deun nachdem 
er bewähret ist. wird er die Krone des Lebens 
empfangen, welche der Herr verheißen hat denen, 
die ihn lieb haben." 
-je -je 
★ 
Die Stürme der Zeit sind noch vielfach über 
Hirzenhain dahingebraust. Der Wanderer, der den 
Vogelsberg besucht und durch Hirzenhain kommt, 
findet das Pfarrhaus noch vor; aber dies Haus, das 
früher Förster-, dann Pfarrhaus war, wurde 1848 
Armenhaus und ist seit 1866 umgebaut als Gasthaus. 
Ein ähnliches wechselvolles Schicksal wie dieses 
Hans hat die Kirche erlebt; als Klosterkirche 
erbaut, war sic nacheinander Lateinschule und Eisen 
magazin und ist jetzt wieder eine evangelische Kirche. 
Der Hollnnderbaum hinter der Kirche steht noch, 
wenn er auch leider im Stamm abstirbt, und wird 
in pietätvoller Weise zu erhalten gesucht. 
Auch der Grabstein von Laukhardts erster Frau 
ist noch zur oberen Hälfte vorhanden; die Engcls- 
köpse, das Auge Gottes, das Lamm mit der Fahne 
sind noch deutlich zu erkennen, während die Inschrift 
völlig zerstört ist. 
Und Haus und Kirche, Baum und Stein sind 
Denkmale längst vergangener Zeit, wo gute 'Menschen 
mit warmen Herzen hier lebten, liebten und litten. 
<&-<*> 
Dom Kasseler Hoftheater. 
v. 
Sind) dem Einzüge der Theaterfcrien, die den Künstlern 
ihre wohlverdiente Ruhe bringen, sei cs mir vergönnt, 
auf die letzten Atonale der Spielzeit einen Rückblick zu 
werfen. Atit der kommenden Saison tritt ein ungewöhn 
lich großer Wechsel in unserm Ensemble ein, und infolge 
dessen waren die letzten Monate der abgelaufenen zum 
großen Teile Gastspielen gewidmet. Ich habe ansgerechnet, 
daß in ungefähr 25 Prozent aller Aufführungen Gäste,
	        

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