Full text: Hessenland (16.1902)

192 
in den Ordenskellern nicht weniger als 41*2 Fuder 
Wein. 
Auch die Jnfirmaria mit ihren Anbauten war 
sowohl nach der Straßenseite wie nach dem 
deutschen Hause zu mit einer Mauer umgeben. 
Ihren Untergang in den Flammen fanden die 
Jnfirmaria mit Kapelle und der große Speicher 
in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1761, als 
hessische Regimenter, um Marburg zu entsetzen, das 
unmittelbar am Firmaneiplatz stehende Elisabethen 
thor stürmten und die Franzosen diese Stätte vom 
Schlosse aus beschossen. Ter Speicher wurde 1777 
restauriert, die Trümmer der übrigen Gebäude 
beseitigte man 1786. Im Jahre 1839 schlug auch 
dem Speicher das letzte Ständlein, seine. Steine 
fanden beim Bau der Sternwarte Verwendung.*) 
Das in den Jahren 1888 und 1891 abgebrochene 
St. Elisabethenhospital wurde 1254 von den 
Ordensbrüdern erbaut. In genanntem Jahre konnte 
die Hospitalkapelle, deren Reste man noch als Ruine 
sieht, eingeweiht werden. In derselben fand täglich 
Gottesdienst, später bis zum Jahre 1828 eine An 
dacht für die Pfründner statt. Das St. Elisabethen 
hospital, auf der Südseite der Elisabethenkirche 
gelegen, war ein rechteckiges, einstöckiges Gebäude. 
Aus der Mitte der östlichen Langseite sprang die 
im Achteck abgeschlossene Kapelle vor. Das massive 
Gebäude deckte ein steiles Dach zwischen hohen Giebeln, 
auf dem sich ein Turm mit zwei Glocken befand, 
welche der Landkomtur I v h a n n v o n R e h n dem 
Landgrafen Ludwig III. von Oberhessen zur Ver 
fügung stellte, als dieser aus dem Schloß zum 
Besten der Stadt ein neues Uhrwerk anlegen wollte. 
Hinter dem Hospital befand sich in dem Hause 
mit der Jahreszahl 1517, an dessen Stelle jetzt 
das Physiologische Institut steht, die Wohnung des 
Spitalmeisters, deren schon früher Erwähnung gethan 
wurde, ferner die Kammern für die Gäste; die 
Hospitalküche samt den Wirtschastsräumen. dem 
Gemüse- und Bierkeller, dem Fruchtboden, den 
Kuh- und Schweineställen waren in den anderen 
Gebäuden vorhanden. Tas Hospital mit seinen 
Berwaltnngsgebünden und daran stoßendem Garten 
war mit einer hohen Mauer umgeben. 
Sv war das Hospital am Ausgang des 'Mittel- 
alters beschaffen. In der ersten Hälfte des 18. Jahr 
hunderts wurde der einstöckige Holzbau am Hospital 
durch Einlegen eines Bodens in einen zweistöckigen 
umgewandelt und mit neuen Fenstern und einem 
neuen Portal an der Westseite versehen. Tas 
hohe Tach wurde beseitigt und die Seiten- sowie 
Längswände mit neuen Simssteinen belegt. Über 
dem Portal wurde ein Wappen mit der Jahres 
*) Handschriftliche Aufzeichnungen. 
zahl 1744 angebracht. Dasselbe befindet sich jetzt 
im Inneren der Ruine der Hospitalkapelle. — 
Um das Jahr 1780 entstand in Marburg eine 
katholische Gemeinde, welche nach handschriftlichen 
Auszeichnungen ihren ersten Gottesdienst im Rat 
haussaale abgehalten haben soll. Später hatte sie 
ihren Gottesdienst in der Hospitalkapelle, welche 
der Gemeinde von dem katholischen Landkomtur 
Reu thu er von Weyl zum Mitgebrauch über- 
wieseu worden war. Bon dort siedelte sie am 2. Juni 
1811 infolge eines Dekrets Jerüme Napoleons in 
den Ehor der St. Elisabethkirche über. 1823 wurde 
auch der katholische Gottesdienst aus der Elisabeth 
kirche in die Kugelherrenkirche verlegt. 
Am 24. April 1809 hatte Kaiser Napoleon den 
deutschen Orden in den Rheinbundstaaten für auf 
gehoben erklärt. Alle Güter desselben wurden als 
Staatseigentum eingezogen und verkauft, mit Aus 
nahme der Kirchen und Schulhäuser. 
Tas Elisabethenhospital überwies die westfälische 
Regierung im Jahre 1811 der Universität als 
Klinikum, 1823 wurde es zu einem Landkranken 
haus für die Provinz Oberhessen erweitert und 
durch Ausbau eines Stockwerks vergrößert. Um 
die gleiche Zeit wurde der deutschen Herren 
Lustgarten der Universität zu einem botanischen 
Garten überwiesen. Ebenso erhielt die Universität 
das vorher beschriebene Langhaus und die beiden 
Flügelgebäude in Gebrauch. In ersterem wurde 
die Entbindungsanstalt, im westlichen Flügel das 
Laboratorium, im östlichen Flügel das zoologische 
Institut untergebracht. Vor 50 Jahren befand 
sich das Amtsgericht in den unteren Räumen des 
östlichen Flügels, dem sog. Kapitelhaus, und in 
denen des Landkomturs. 
Tie nicht der Universität überwiesenen Marburger 
Besitzungen des ehemaligen deutschen Ordens wurden 
im Jahre 1810 zum Verkauf ausgeschrieben, ebenso 
die zur Marburger Krondomäne gehörige Deutsch 
ordensmühle. Ta - sich aber keine Käufer fanden, 
wurden die Grundstücke einstweilen verpachtet, und 
zwar der zur Krondomäne gehörende Wirtschaftshos 
mit Landbesitz an den Ökonomen Oswald. 
Um das bei Kassel gelegene Wilhelmsthal, 
das König Jördme nach seiner Gemahlin Katharinen 
thal genannt hatte, zu vergrößern, tauschte der König 
mit einem anliegenden Nachbarn dessen Besitz gegen 
den deutschen Ordenshof in Marburg mit seinen 
Grundstücken, zu welchen der G ö r z h ü u s e r Hof 
gehörte, ein. So wurde im Jahre 1812 der 
Ökonom Wilhelm Hosfmann jun. Besitzer des 
ehemaligen Ordensgutes. Da Kurfürst Wilhelm I. 
nach seiner Rückkehr die Handlungen der west 
fälischen Regierung nicht anerkennen wollte und 
sämtliche verkauften Güter zurückverlangte, ent-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.