Full text: Hessenland (16.1902)

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endigten die Wassenthaten des hessischen Kon 
tingents, dessen Mannschaften sich während einer 
Kriegsperiode von 23 Jahren in zehn Feldzügen 
ruhmvoll bewährt hatten. 
Ludwig I. arbeitete nach dem Frieden un 
ablässig an der Heilung der Schäden, die der 
23 jährige Krieg seinem Lande geschlagen, belebte 
durch seine Einrichtungen und Gesetze im Volke 
die Hoffnung auf die Wiederkehr besserer Tage 
und stärkte den Glauben und die Zuversicht seiner 
Unterthanen auf Besserung ihrer wirtschaftlichen 
Lage, die sich infolge der schwankenden politischen 
Verhältnisse und des jahrelangen Kriegszustandes 
nur zu sehr verschlechtert hatte. Wenn je ein 
Fürst verdient, Vater des Vaterlandes genannt 
zu werden, so ist es Ludwig I. von Hessen. 
Das deutsche Haus zu Marburg 
Von Ludwig Müller, Marburg. 
(Schluß.) 
D as Langhaus mit seinen zwei vorspringenden 
Flügelgebäuden war das Wohnhaus der 
Ritterbrüder. Ter östliche Flügel desselben, mit 
einem später hinzugefügten Erker, der das Teutsch- 
ordenswappen und das Wappen des Landkomturs 
Wolfgang Schutzbar genannt Milchling (1530 
bis 1545) enthält, ist wahrscheinlich der älteste Teil 
sämtlicher Gebäude. In dem Saal dieses Flügels 
wurden die Ordenskapitel abgehalten. 
Tas über mächtigen Kellern erbaute Langhaus 
stammt aus späterer Zeit und gehört nach seiner Ent 
stehung verschiedenen Zeiträumen an. So ist der zwei 
Stockwerk hohe Arkadenbau erst am Ende des 
15. Jahrhunderts dem dahinter liegenden Bau vor 
gesetzt worden. An demselben wurden 1787 ein 
modernes Deutschordenswappen sowie die früher er 
wähnte Rokokothüre angebracht. Tie Dachkonstruktion 
an diesem Bau stammt aus dem 18. Jahrhundert. 
Tas Erdgeschoß des westlichen Flügels mit zwei 
hohen Staffelgiebeln diente als Refektorium (Speise 
saal) der Brüder. Darüber lag wahrscheinlich das 
Dormitorium (Schlassaal). Tas Gebäude war 
durch einen überdeckten schmalen Gang mit der 
Kirche.verbunden. 
Ter an der Ostseite dieses Flügels aus Rundbogen- 
arkaden errichtete einstöckige Renaissancebau zeigt 
in der Mitte das Deutschordenswappen, sowie die 
Wappen des Landkomturs Alhard von Hörde 
und des Trappierers Johann Kuhmann mit 
der Jahreszahl 1572. 
Dieser westliche Flügel wurde vor etwa 20 Jahren 
bis auf die drei Umfassungsmauern abgerissen und 
die südliche Giebelmauer um einige Meter zurück 
gesetzt und hierdurch der schmale Eingang zwischen 
der Kirche und diesem Gebäude bedeutend erweitert. 
Das Gebäude, früher als chemisches Laboratorium 
benutzt, enthält jetzt die mineralogischen Sammlungen. 
Auf dem mit Rasen- und Zieranlagen versehenen 
Platze nördlich der St. Elisabethkirche stand ehedem 
das von St. Elisabeth gestiftete St. Franziskus- 
Hospital. Dieses Hospital war in romanischem 
Stil in Gestalt eines etwa 38 Meter langen und 
8 Meter breiten Rechteckes erbaut, welches ans der 
Ostseite mit einer nur wenig engeren halbrunden 
Apsis schloß. Wie die bei Restauration der 
St. Elisabethkirche im Jahre 1854 im Inneren 
derselben sowie bei den Ausgrabungen ans dem 
Kirchplatz im Herbst 1883 vorgefundenen Fundamente 
beweisen, enthielt der westliche Teil dieses Gebäudes, 
das eigentliche Hospital, eine einheitliche Kranken 
halle, während der östliche Teil als Kapelle biente. 
Als der Kirchen bau bis zum nördlichen Kreuz 
arm vorgeschritten war. wurde das St. Franziskus- 
Hospital 1249 abgebrochen, um Raum für den 
weiteren Bail zu gewinnen, besonders aber um das 
Grab der heiligen Elisabeth in diesen Kreuzarm auf 
nehmen zu können. Später wurden auch die übrigen 
Gebäude abgebrochen. An Stelle derselben erbauten 
1289 die Tentschordensbrüder entlang dem Lahn 
arme eine Jnsirmaria, ein Gebäude, welches für 
die Aufnahme ihrer kranken Brüder bestimmt war. 
An seiner Kurzseite befand sich nach Osten hin eine 
kleine Kapelle in srühgotischem Stil. 
In dem Maße wie später der deutsche Orden 
reicher und weltlicher wurde, geriet die ursprüngliche 
edle Bestimmung dieser Räume in Vergessenheit, 
und in der Jnsirmaria richtete man „des 
Ordens Wein zapf" ein. Zu diesem Zweck 
baute man das Gebäude um, so daß dicht neben 
die Kapelle die Gaststube mit anstoßendem Zapfhaus 
zu liegen kam. Ferner wurde an der Westseite 
ein sehr umfangreicher Speicher mit zwei hohen 
Staffelgiebeln und ausgedehnten Weinkellern erbaut. 
Dieses Weinhaus wurde wegen seines guten und 
billigen Tropfens auch von den Marburgern fleißig 
besucht, obwohl auch ein städtischer Weinschank 
bestand; so daß öfters größere Differenzen zwischen 
den deutschen Herren — den Namen „Brüder" 
hatten sie 1382 abgelegt — und dem Marburger 
Magistrat entstanden. Des Ordens Weinzapf be 
ruhte auf einem alten kaiserlichen Privileg, das 
Kaiser Karl V. erneuerte. Im Jahr 1417 lagerten
	        

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