Full text: Hessenland (16.1902)

190 
Nach geschlossenem Frieden am 30. Mai 1814 
zog das hessische Korps am 2. Juni ins Vater 
land zurück und bezog am 4. Juli von Bensheim 
bis Langen Kantonnierungsquartiere. 
Me hektische» truppen im Fel-ruge von 1815. 
Bis Dezember 1814 hatte der Wiener Kongreß 
sehr wenig den Erwartungen entsprochen, die man 
in ihn gesetzt hatte. Hessen hatte sehr unter den 
Verhältnissen gelitten. Unter der Steuerlast, die 
immer drückender wurde, brachen die Unterthanen : 
fast zusammen. „Aus allen Ämtern kamen j 
Schreckensbotschaften über den Notstand. Während 1 
des letzten Feldzugs hatte Hessen allein für 14 
Millionen Gulden Leistungen liquidiert, statt der 
3 Millionen 800 000 Gulden, zu deren Zahlung 
an die Zentralkasse man sich nur verpflichtet hatte."'') 
Die Ruhe Europas wurde plötzlich gestört, als 
Napoleon, Elba verlassend, am 1. März 1815 
an der französischen Küste landete und nach 
Paris zog; Volk und Militär traten überall zu 
ihm über. Auch in Mainz trat ein Umschwung 
der Gesinnungen, namentlich in den besseren 
Ständen, hervor, der sich in sympathischen Kund 
gebungen für Napoleon äußerte, so daß die hessische > 
Regierung eine Anzahl Verhaftungen und Aus 
weisungen vornehmen, die Stadt selbst aber in 
Verteidigungszustand setzen mußte. 
Der Großherzog berief am 27. Mürz alle 
Beurlaubten bis zum 13. April zu ihren Truppen. 
Im Mai konnten zwei Brigaden Darmstüdter 
Truppen ins Feld rücken. Das hessische Kontingent 
zählte 8250 Mann und 495 Pferde. Tie erste 
Brigade umschloß die zwei Garderegimenter und das 
Regiment Erbgroßherzog und wurde vonFollenius 
geführt: die zweite umschloß das Regiment Prinz 
Emil und das Leibregiment und unterstand dem 
Kommandeur von Gall. Die Artillerie wurde 
geleitet von dem Oberstleutnant der Artillerie 
Kullmann. Den Befehl über alle hessischen 
Truppen führte Prinz Emil von Hessen, der 
wieder dem Oberbefehl des Prinzen Philipp von 
Hessen-Homburg unterstand Letzterer befehligte 
außer den Hessen noch eine österreichische Infanterie 
division und ein österreichisches Husarenregiment 
und gehörte mit diesen und den Württembergischen 
Truppen zum Armeekorps des Kronprinzen von 
Württemberg?) Die hessischen Truppen verließen 
am 14. Mai Darmstadt und marschierten nach 
Schwetzingen und Wiesloch, wo sie Kantonnements 
bezogen. 
Nachdem sie bei Germersheim über den Rhein 
gegangen, drängten sie die feindlichen Vorposten 
bis Hagenau zurück. Die Dörfer Lampertsheim 
und Mundelsheim bei Straßburg und ihre Höhen 
waren am 28. Juni von den Franzosen stark 
besetzt. Tie französische Schlachtlinie dehnte sich 
hinter der Soffel gegen den Rhein hin aus; die 
Stärke der feindlichen Position war Sosselweihers- 
heim. Der Kronprinz von Württemberg beabsichtigte, 
durch einen raschen Angriff den Feind nach Straß 
burg zurückzuwerfen. Tie großherzvgliche Division 
unter dem Prinzen Emil bildete an diesem Tage 
die Avantgarde. Ihr wurde die Ausgabe, über 
Freudenheim und Lampertsheim zu marschieren, 
letzteren Ort sowie Mundelsheim und die Wingerts 
höhen, wo der Feind stark postiert war, zu be 
setzen und wegzunehmen. 
Um 3 Uhr mittags begann seitens der hessischen 
Division die Attacke auf Lampertsheim, welches 
alsbald weggenommen wurde. Der Feind zeigte 
sich nun verstärkt zu Mundelsheim, das 
ihm auf eine Zeit entrissen wurde, doch auf 
die Dauer nicht behauptet werden konnte. Die 
hessische Truppenabteilung wurde zum Weichen 
gebracht, da der linke Flügel durch die etwas 
zurückgebliebenen Truppen nicht vollständig gedeckt 
war. Prinz Emil erneuerte mit verstärkter 
Trnppenzahl seine früher begonnenen Angriffe auf 
Mundelsheim. Unter Anführung des Oberst 
leutnants Prinzen von W i t t g e n ft e i n erstürmte 
das 1. Bataillon Leibgarde die Weinbergshöhe. 
Ihm folgte das 1. Bataillon Prinz Emil und 
das 1. Bataillon Leibregiment zur Unterstützung, 
während Mundelsheim von den hessischen Truppen 
mit einem Hagel von Kartätschen genommen 
wurde. Auf dem linken Flügel bemächtigte sich 
die Württembergische Division der Dörfer Reichs- 
statt und Sosselweihersheim, woraus sich der Feind 
nach Straßburg zurückzog. Bei den Hessen bestand 
der Verlust an Toten aus 2 Offizieren 31 Mann, 
an Verwundeten aus 14 Offizieren und 207 Mann, 
an Vermißten aus 13 Mann. Hierauf rückte 
die Division ins Innere von Frankreich und be 
zog an der Rhone und Loire Kantonniernngen. 
Das zweite Bataillon des Regiments Erbgroß 
herzog blieb vor Kehl stehen. 
Nach der entscheidenden Niederlage von Waterloo, 
der Abdankung Napoleons und der Kapitulation 
von Paris zogen sich die Friedensverhandlungen 
mit Frankreich noch bis zum November 1815 hin, 
bis zu welcher Zeit ein Teil der verbündeten 
Heere als Okkupationstruppen im Lande verblieb. 
Von den hessischen Truppen kehrte am ersten das 
2. Bataillon Erbgroßherzog zurück. Ende No 
vember folgten die übrigen hessischen Truppen 
teile. die in drei Kolonnen der Bergstraße entlang 
ihren Marsch in die Heimat nahmen. Damit 
*) Kleinschmidt, S. 306. — 8 ) Ebenda 8. 308.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.