Full text: Hessenland (16.1902)

Oer Reformator Johann Sutel. 
Bon L. Armbrust. 
(Fortsetzung.) 
S ütels Verdienst war um so größer, da seine 
Stellung gleich im ersten Herbste durch den 
Ausbruch einer Pest erschwert wurde. Er verstand 
es aber, seine Gemeinde zu trösten und aufzu 
richten. So entstanden seine zwölf Predigten 
vom armen Lazarus, die er Philipp Melanch- 
thon zur Beurteilung vorlegte. Melanchthon lobte 
die einfache und natürliche Darstellung, die 
alle Künstelei verschmähte, und sorgte dafür, 
daß die Predigten 1543 in Wittenberg gedruckt 
wurden. Joachim ©reff, der Erzieher der Dessauer 
Prinzen, verfaßte bald darauf eine dramatische 
Darstellung der Lazarussage und benutzte dabei 
auch Sntels zwölf Predigten. 
In demselben Jahre 1543 erschien Sntels 
Schweinfurter Kirchenordnung, ans Kosten 
der Stadt in Nürnberg gedruckt. Sie steht ans 
dem Boden des Augsburger Bekenntnisses. In 
der Vorrede findet sich Sutel einerseits mit dem 
Werkdienste der Katholiken ab, anderseits mit 
den radikalen Schwarmgeistern, die alle Kultus- 
ordnung und alle Zeremonien mit Füßen treten 
wollten. Er suchte also eine Mittellinie auf; 
seinem Wesen nach mußte dieselbe aber nach 
der konservativen Seite neigen. Darum war 
Johannes Lening mit der Kirchenordnung nicht 
recht zufrieden. Er tadelte den Gebrauch der 
Lichter und Meßgewänder sowie die Elevation 
des Sakraments als bleibende Einrichtung; meinte 
aber, die übrigen Bestimmungen entsprächen den 
zeitlichen und örtlichen Verhältnissen. 
Ein Jahrzehnt lang blieb Sntels Ordnung 
die Richtschnur für die Schweinfurter Geistlichkeit. 
Der Rat der Reichsstadt zeigte sich Sutel 
gegenüber fortgesetzt von der freigebigsten Seite. 
Er bezahlte die Göttinger Schulden und verzichtete 
ans die Rückgabe der 50 Gulden. Im Sommer 
1545 schloß Sutel einen endgültigen Bestallnngs- 
vertrag mit dem Schweinfurter Rate. Viele 
seiner Amtsgenossen konnten den Magister Johann 
beneiden. Denn allein an barem Gelde wurden 
ihm jährlich 200 Gulden zugesagt, obendrein 
18 Eimer Wein, 10 Malter Korn, dieselbe Be 
hausung wie bisher und freies Holz vors Hans. 
Bemerkenswert ist es, daß im Falle seines Todes 
seiner Witwe freie Wohnung und eine jährliche 
Pension versprochen ward. 
Nur ein kurzes Jahr hindurch konnte sich der 
wackere Prediger noch dieser reichen Besserung 
seiner Lebensverhältnisse und dieses glänzenden 
Ansehens erfreuen, da brach der Schmalkaldische 
Krieg zwischen dem Kaiser und den protestantischen 
Reichsständen aus. Daß Schweinfurt in Mit 
leidenschaft gezogen und Johann Sutel als Kirchen 
reformator schwerer Verfolgung ausgesetzt würde, 
ließ sich voraussehen. Sutel bat daher seinen 
Freund Lening, er möchte bei Philipp dem Groß 
mütigen seine Abberufung betreiben. Der Land 
graf. den der Melsunger Pfarrer in der Karthause 
unter dem Heiligenberge aufsuchte, erlaubte dem 
Magister Johann die Rückkehr nach Hessen und 
ließ ihm die Pfarrei im niederhessischen Homberg 
oder zu Allendorf an der Werra anbieten, von 
denen jede 100 Gulden einbrächte (am 18. Juni 
1546). Schon machte aber auch, nach Lenings 
Angabe, die Stadt Northeim Anstrengungen, den 
Schweinfurter Reformator, wenn auch nur zeit 
weise, in ihre Mauern zu ziehen. Die Wahl 
war schwer, so schwer, daß der Vielnmworbene es 
vorzog, einstweilen noch seinen Platz am Main 
user zu behalten. 
Inzwischen nahm der Krieg seinen Verlauf 
und wandte sich allmählich zu llugunsten der 
Protestanten. Die Reichsstadt Schweinfnrt wurde 
durch kaiserlichen Befehl genötigt, dem Landgrafen 
Philipp am 4. Januar 1547 Amtmannschaft und 
Schnhherrlichkeit zu kündigen. Schon vorher hatte 
der hessische Amtmann Lorenz von Romrod die 
Stadt verlassen, nun glaubte auch der hessische 
Prediger den Wanderstab ergreifen zu müssen. 
An demselben Tage, als die Absage der Reichs 
stadt au den Landgrafen abging, stellte der Gras 
Poppo von Henueberg, als Gemahl der verwitweten 
Herzogin Elisabeth von Kalenberg-Göttingen, dem 
Magister Sutel einen Reisepaß nach Göttin gen 
aus. Hier traf der Flüchtling am 8. Januar 
ein und stellte sich dem Rate zur Verfügung, 
in der Hoffnung, daß er auf Grund der früheren 
Versprechungen baldigst angestellt würde. Weib 
und Kinder hatte er einstweilen in Schweinfnrt 
zurückgelassen. Valentin Wener, ein angesehener 
Bürger, nahm sich der Familie an und versprach 
sie nachzuschicken, sobald die Gefahren des Wassers 
und Eises vorüber wären. Der Rat zu Schwein-
	        

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