Full text: Hessenland (16.1902)

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„Ich wollte, wir hätten keinen", sagte die Rine 
beim Abschied, denn ihr schlag das Gewissen. 
Von dieser Stunde an war Frau Pfarrer Lank- 
Hardt eine verlorene Frau; lange hatte sie regungslos 
in der Kammer gestanden und vor sich hin gestarrt, 
unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, es war, 
als sei ihr Geist gelähmt. „Alles verloren, alles! 
keine Aussicht auf Rettung! Und die Kinder, die 
armen Kinder!" Ihr Verstand schien zerrüttet zu 
sein durch die Schreckenskunde, daß auch ihre Kinder 
ihr geraubt werden sollten. 
Es kam ihr gar nicht in den Sinn, es sei 
unwahrscheinlich, ja unmöglich, daß die Hanauer 
in das stolbergische Gebiet einfallen und sie samt 
den Kindern fortführen würden, — der Schrecken 
hatte ihr alle klare Besinnung geraubt. Kaum daß 
sie noch für ihre Kindlein sorgte; in dumpfes Brüten 
versunken saß sie tagsüber da, und nur mit Mühe 
ließ sie sich von der treuen Magd bewegen, abends 
ihr Lager aufzusuchen. Dieser Zustand dauerte 
mehrere Tage, während welcher auch, wie durch ein 
Verhängnis, keiner der drei Freunde das Psarrhans 
aussuchte. 
Am Freitag vor Jakobi — am 29. Juli 1729 — 
früh morgens stand die Psarrfrau ans, nahm ihr 
kleines Schmerzenskindlein noch einmal an die Brust, 
küßte die drei älteren, die friedlich schlummerten, zum 
letztenmale, und kleidete sich, nachdem sie etwa eine 
halbe Stunde lang im Gebet auf den Knieen mit 
die Kammer, die nach dem Weiher zu liegt, und 
erhängte sich mit ihrem Halstuch. 
Als die Magd herzukam, war sie bereits kalt 
und starr. 
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde vom 
Selbstmord der Psarrfrau unb war schon zwei 
Stunden später in Ortenberg bekannt. 
Die Hanauer hatten ihren Anteil an der Orten- 
berger Gerichtsbarkeit an die Roßlaer Herrschaft 
abgetreten, und ebenso wie früher zwischen Hanau 
und Stolberg, so fanden jetzt zwischen Stolberg und 
Roßla Reibereien und Streitigkeiten statt. 
Der Selbstmord der Hirzenhainer Psarrfrau bot 
den Roßlaern die schönste Gelegenheit, den Stol- 
bergern einen rechten Tort anzuthun. Der roß- 
laische Rat Philipp Rudrauf machte sich alsbald 
mit zwei Soldaten ans und zog nach Hirzenhain. 
Tie beiden Soldaten bewachten die Thüre des Pfarr 
hauses ; in Eile ward aus rohen Brettern ein Kasten 
zusammengeschlagen, die Leiche mit all ihren Kleidern, 
wie sie gehangen hatte, hineingelegt und am selben 
Abend ohne Sang und Klang im Grasgarten 
hinter der Kirche unter dem großen Hollunderbaum 
in die Erde begraben. — 
Das jüngste Kindlein, das Trübsal und Herze 
leid mit der Muttermilch eingesogen hatte, starb 
wenig Tage darnach; am 3. August ward es in 
der Stille bestattet. Jetzt waren die drei älteren 
Kinder allein mit der Magd in dem großen Hanse, 
und es war still geworden darin, sehr still. — 
Gott gerungen hatte, sauber an; dann ging sie in 
(Schluß folgt.) 
Oer Schorsche ) utz Beödenhusen^ in Kassel vorin Schaufenster. 
(Kasseler Mundart.) 
Wie äß 's") doch scheene iugerichdst: 
Schaufenster midd'n Späjelst! 
Me") will doch au uidd, wie me sprichd. 
Sv ußsehn wie en Flejel. 
De fcheenen Burschen wachsen doch 
Nidd uff den Quädscheubeimen"'? 
Un Mäderchen'st giwwed's viele noch 
In Kassel un derheimeu'st! 
Wie hodd d'r Stormwind mich zerrobbdst! 
De Höre") im Gesichde! 
Nu wird d'r Staub erschd abgeklvbbd, 
Daun machd sich de Geschichde. 
Der Schnurrwixst orrendlich'st gedrehd. 
D's Duch erschd frisch gekuibbed"). 
Wie's vor en Bursche sich verstehd. 
Dem's Herz im Leiwe hibbed. 
Was hadd's doch vor en forschen") Schah. 
Min scheenes Auuelißcheu'st! 
Daß emme'st keines gennd den Bläh. 
Ate glaubd's, du liewes bischen. 
Kassel. 
Nä. Lißchen, nä, ich dhu Dich frein, 
Wenn au de annera flennen; 
Diß Späjelbildnis äß nuhrd Dein, 
Uns soll kein Mensch nidd trennen. 
Was fünften usserm'st Spüjel noch 
Im Fenster hie äß lose? 
Mä'st äß 's glichest, stolz wanu'r ich doch 
Heun dorch de Kenigstroße! 
') George; st Bettenhausen (bei Kassel); st ist's; st ein 
gerichtet; st nut einem Spiegel; st man; st zerrupft; 
st Haare; st Schnurrbart; 'st ordentlich; ") geknüpft; 
I 'st stramm; 'st Anna Liese;'st ihm; 'st Zwetscheubüumen; 
I 'st Mädchen; 'st daheim; 'st außer dem; 'st mir. 
Agathe Koppen.
	        

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