Full text: Hessenland (16.1902)

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Es mußte geschieden sein, denn der Aufseher 
mahnte Laukhardt an die Arbeit zu gehen. 
Tie Freunde nahmen Abschied; jedoch nicht, ehe 
sie dem Gefängnisaufseher, der ein treuherziger 
Mann zu seiu schien, eine Summe Geldes gegeben 
hatten, wofür dieser versprach, den Gefangenen 
besser zu verpflegen. Außerdem gab sein Schwieger 
sohn ihm Mütze und Halstuch und kaufte sich vor 
der Rückreise diese Gegenstände in Hanau neu. — 
Das war ein trauriger Heimweg, ein trauriger 
Einzug in Hirzenhain! Wer beschreibt das Ent 
setzen der Pfarrsrau, als sie bei den Zurückkehrenden 
ihren Mann nicht sah? „War er tot? Großer 
Gott, alles, nur das nicht! Wenn er aber lebte, 
warum war er nicht mitgekommen?" 
Kaum hatte Leidensrost begonnen, mit schonenden 
Worten den Mißerfolg zu berichten, da brach die 
Pfarrsrau, wie vom Blitz getroffen, zusammen. Sie 
mußte zu Bett gebracht werden und schwebte wochen 
lang zwischen Leben und Tod; die meiste Zeit 
war sie bewußtlos in Fieberträumen, und nur selten 
befand sie sich für kurze Zeit bei klarem Verstände. 
Es war herzzerreißend, das Jammern und Klagen 
der armen Frau mit anzuhören, der wohl ein 
jeder Hülse bringen wollte, aber keiner Hülse bringen 
konnte. 
Der arnlen Kindlein nahmen nütleidige Seelen 
aus der Nachbarschaft sich an; denn die Mutter 
stieß im Fieberwahn jeden von sich, da sie in allen 
Menschen, die ihr nahe kamen, die Feinde und Ver 
folger ihres Mannes zu erblicken glaubte. 
Am 4. März endlich genas sie eines Töchterleins, 
und von der Stunde der Geburt an ward es besser 
mit ihr; die Tobsucht der Verzweiflung wich und 
machte einer stillen, thränenreichen Schwermut Platz. 
Ihre Freude über die Geburt des Kindleins war 
groß, und doch war es bloß eine halbe Freude, 
denn der Vater konnte es nicht taufen; er konnte 
nicht wie früher mit ihr zusammen Gott danken, — 
er war ja gefangen und mußte schändlichen Knechtes 
dienst verrichten. 
Pfarrer Leidensrost kam am 18. März von Orten 
berg herüber und taufte das Kindlein, das die Namen 
Katharine Wilhelmine erhielt. 
Nach der heiligen Taushandlung saß die Pfarr 
srau am offenen Fenster, an dem die ersten 
Frühlingslüste hereinströmteu und ließ die gefalteten 
Hände im Schoß ruhen, während sie aufmerksam 
den Worten Leidensrosts lauschte, der ihr Trost zu 
zureden versuchte. 
„Seht dies Kindlein, das Euch Gott geschenkt 
hat, an als ein teures Unterpfand der göttlichen 
Gnade; Gott hat Euch doch nicht ganz verlassen, 
deshalb verzweifelt nicht; schenkte er Euch ein Kindlein, 
so schenkt er auch dem Kindlein seinen Vater wieder. 
Wartet nur getrost ab, was unser allergnädigster 
Graf thun wird!" 
„Unser allergnädigster Gras?" fragte die Pfarr 
srau erstaunt, „wird er denn noch etwas thun?" 
„Ei gewiß", antwortete Leidenfrost, „wißt Ihr 
denn das noch nicht? wir haben stracks, als wir von 
Hanau zurückkehrten, wieder einen Boten mit Briefen 
nach Stolberg geschickt, haben alles berichtet, was 
der Graf von Hanau gesagt und gethan hat, und 
haben um weitere Hülfe gebeten; wegen Eurer 
Krankheit haben wir es Euch noch gar nicht mit 
teilen können." 
„Ist denn der Bote noch nicht zurück?" fragte 
die Psarrsrau erregt; „es siud doch schon wieder 
Wochen seitdem ins Land gegangen, Wochen der 
Schande für meinen lieben Mann, Wochen des 
Elends für mich und meine Kinder." 
„Er ist noch nicht zurück," gab Leidenfrost zu, 
„vielleicht ist der Gras noch in Wien oder sonstwo, 
aber der Bote reist ihm wieder nach; die Gemeinde 
hat abermals 150 Gulden beigesteuert zu den Reise 
kosten." 
„Gott lohicks den guten Leuten, aber es ist doch 
alles vergebens", seufzte die arme Frau imb ließ 
das Haupt mutlos auf die Brust sinken. — — 
Der Bote kam zurück, aber seine Botschaft war 
keine erfreuliche. Der Graf war lebensgefährlich 
krank und durste nach Aussage der Ärzte nicht 
erregt werden. Wohl hatte der Bote sich vierzehn 
Tage gesäumt, aber es war keine Besserung ein 
getreten; und nachdem er dem gräflichen Hofkammer 
rat alles aufs genaueste erzählt, auch das Schreiben 
übergeben und dessen Versprechen möglichst baldiger 
Hülfe erlangt hatte, war er wieder heimgereist. 
Wie die kaum genesene Psarrsrau diese neue 
Hiobsbotschaft aufnahm, ist leicht zu denken. Der 
Schlag traf sie zu hart; jetzt war alle Aussicht 
aus Rettung, alle Hoffnung vernichtet, sie verfiel 
stundenlang in dumpfes Hinbrüten, aus dem sie 
bloß durch ihre Mutterpflichten zu erwecken war. 
Die kleine Katharine Wilhelmine hätte aber eigentlich 
der Mutter doppelt so sehr bedurft, als die älteren 
Kinder; sie war von Geburt an schwächlich, klein 
und kränklich, hatte dabei aber so wunderbar große 
und ernste Augen, als wenn der Verstand eines 
Erwachsenen in diesem unscheinbaren Kindeskvrper 
wohnte. — 
Was die Psarrsrau nicht wußte und nicht ahnen 
konnte, das trat wirklich ein; der Gras von Stol- 
berg war schneller genesen, als zu hoffen gewesen 
war; sein Hofkammerrat hatte auch Wort gehalten 
und seinem Herrn alsbald die von Pfarrer Leiden 
srost übersandte Bittschrift überreicht. 
Der Graf nahm sich vor, seinem treuen Pfarrer 
Laukhardt zu Helsen; er sah es gewissermaßen als eine
	        

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