Full text: Hessenland (16.1902)

178 
stellung entfernt und versucht, unter dem Schuhe 
der Dunkelheit in einem Keller, der einem Viktualien 
händler gehörte, mittelst Einbruch sich zu ver 
proviantieren. Dabei waren sie abgefaßt worden. 
Wir wurden in das Polizeigebüude gebracht, in 
einen langen, schwach erleuchteten Raum geführt 
und bedeutet, daß wir früh am anderen Morgen 
verhört, eventuell verurteilt würden. So war ich 
denn, im Berdacht, einer Diebesbande anzugehören, 
in ein portugiesisches Gefängnis gekommen. Trotz 
der wenig angenehmen Situation mußte ich über 
das Abenteuer lachen und ergab mich in mein 
Schicksal. Ringsum au den Wänden des Raumes 
waren hölzerne Bänke, die den Jnkulpaten als 
Schlasstätten dienen mußten. 
Früh am Morgen rasselten die Schlüssel in der 
Thür, und es wurde uns angekündigt, daß wir so 
gleich verhört werden sollten. Rasche Justiz durfte 
man der Behörde von Viana nachrühmen, beim 
bereits erwartete im Verhörzimmer der dienstthuende 
Beamte die fremde Gesellschaft. Ich schritt sogleich, 
« 
meine Karte in der Hand, auf den Herrn zu, stellte 
mich vor und erklärte, französisch sprechend, meine 
Anwesenheit in dieser Umgebung. Er schien schon 
etwas davon zu wissen, antwortete geläufig in der 
selben Sprache und drückte mir sein Bedauern aus 
über das mir widerfahrene Mißgeschick. „Selbst 
verständlich", fügte er hinzu, „sind Sie entlassen, 
aber um Himmelswillen, wie konnten Sie auch in 
einer solchen Spelunke absteigen? Wir haben hier 
in Biana einen recht guten und — saubern Gast 
hof. Ich lasse Sie dahin bringen und schicke 
Ihnen Ihr Gepäck; Sie werden gut verpflegt sein 
und ausruhen können, was Sie wirklich nötig 
haben." Mit einem kräftigen Händedruck entließ 
mich der artige Mann. 
Am Abend desselben Tages befand ich mich schon 
ans spanischem Boden und am anderen Morgen, 
nach einer, freilich unter anderen Verhältnissen, 
schlaflos durchwachten Eisenbahnnacht, in Madrid, 
der Stadt der schönen Frauen und der Stier 
kümpfe. 
Unterm Hollunöerbaum. 
Historische Erzählung aus Oberhessen von O. Gros. 
(Fortsetzung.) 
m schrecklichsten war es unsern Freunden, als 
sie zum Schuldturm kamen und sich nach dem 
Pfarrer Laukhardt erkundigten; denn ein Wort des 
Trostes wollten sie ihm doch zurufen. Sie fanden 
ihn, wie er im Borhvs des Gefängnisses sein kärgliches 
Brot verzehrte; neben ihm stand ein zweirädriger 
Druckkarren, auf welchem ein Besen und eine Schaufel 
lagen. Laukhardts Kleidung war über und über 
beschmutzt und im höchsten Grade zerlumpt und 
zerrissen; er war ohne Kopfbedeckung, sodaß seine 
grauen Haare im Winde flatterten, und so bot er 
einen jammererregenden Anblick dar 
Das Auge des Gefangenen erglänzte vor Freude, 
als er seine Freunde erkannte; rasch sprang er 
empor und eilte auf die Ankommenden zu. „Bringt 
Ihr mir Freiheit? Was macht mein Weib? wie 
geht es meinen Kindern?" Die hellen Thränen 
rannen ihm bei diesem unerwarteten Wiedersehen 
über die bleichen Wangen. 
In möglichster Kürze erzählte Leideusrost alles, 
was bis jetzt - geschehen war, und wie heute ihre 
letzte, größte Hoffnung an dem Starrsinn des Grasen 
gescheitert sei. 
„Run. wenn es nur daheim gut geht, und meine 
liebe Frau ihre schwere Stunde glücklich übersteht, 
so will ich schon mit Gednld aushalten, liebe 
Freunde," sagte Laukhardt; „bittet nochmals bei 
unserm allergnädigsten Grafen für mich, er wird 
schon einen Ausweg wissen. Ewig können sie mich 
hier ja doch nicht gefangen halten, vbschon sie es 
so eingerichtet haben, daß ich mein täglich Brot 
hier noch verdienen muß, und ihnen durch meine 
Gefangenschaft keine Unkosten erwachsen." 
„Was müßt Ihr denn thun, lieber Vater?" fragte 
der Pfarrer von Wenings. 
Mit bitterem Lächeln deutete Pfarrer Laukhardt 
ans den neben ihm stehenden Karren: „Das ist der 
Dreckkarren, ich muß die Gassen fegen und den 
Dreck aufladen und wegfahren; fürwahr eine geziem- 
liche Beschäftigung für einen Diener Jesn Christi.—" 
Laute Ausrufe der Entrüstung unterbrachen ihn. 
„So sehr schändet sich der Graf, daß er solche 
niedrige Rache nimmt?" rief Leidenfrvst empört. 
„Es ist eine Schmach und Schande," schalten 
die Hirzenhainer Bürger, „man sollte den Grafen 
selbst in den Dreckkarren spannen, der unsern lieben 
Pfarrer so roh behandelt." 
„Laßt nur, liebe Freunde," sagte Laukhardt mit 
mildem Lächeln, „das Dreckfahren ist nicht das 
Schlimmste; Freund Leidenfrost hat recht, der Gras 
schändet weniger mich, als vielmehr sich selbst, daß 
er sich aus diese Weise rächt. Was ich vor 17 Jahren 
in Ortenberg that, will ich überall verantworten; 
das geschah für die reine lutherische Lehre; aber 
was der Graf jetzt an mir thut, das kann er weder 
vor Gott noch vor den Menschen verantworten!"
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.