Full text: Hessenland (16.1902)

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Die Verkehrsmittel in Portugal waren zur Zeit, 
als diese Reiseeindrücke nieder geschrieben wurden, 
noch recht mangelhast, an Eisenbahnen war nicht 
zu denken, die Landstraßen erschienen für Wanderer 
nicht einladend, und so mußte man wohl oder übel 
sich einem Mietpferd mit dem dazu gehörigen, eben 
falls berittenen Führer anvertrauen. 
Um Land und Leute besser kennen zu lernen, 
vor allem um mich freier bewegen zu können, 
wählte ich, als ich mich endlich von dem inter 
essanten Lande trennen mußte, diese Art zu reisen. 
Das nächste Reiseziel war das Grenzstädtchen 
Viano do Minho, am Flusse dieses Namens ge 
legen, und nach ermüdendem Ritte sah ich seine 
von der Abendsonne bestrahlten Häuser vor mir. 
Wie die meisten in südlichen Ländern gelegenen 
Städte präsentierte sich Viano von außen mit 
seinen durchweg weißen Häusern wie ein sauberer, 
einladender Ort, in dem man gern Aufenthalt 
nimmt. 
Ich hatte meinem Führer anempfohlen, mich in 
den besten Gasthof zu bringen. Eine nähere Be 
kanntschaft mit dem Innern des Stäbchens zer 
störte mir allzu rasch den günstigen Eindruck, den 
ich von außen empfangen, und stimmte meine 
Hoffnung auf ein behagliches Unterkommen und 
Nachtlager bedeutend herab. Das Hotel de Paris, 
in dem ich absteigen mußte, war eine unsaubere 
Spelunke, wie mir schien, hauptsächlich von Fischern 
lind Bauern besucht. An Umkehren war aber nicht 
zu denken. Der Sprache nur wenig mächtig und 
ermüdet wie ich war, mußte ich mich in meine 
Lage finden und verlangte ein Schlafzimmer. 
Der erste Stock des Hauses bestand, wie ge 
wöhnlich in portugiesischen Wirtshäusern, in einer 
Art Saal, ans welchen die ringsum gelegenen 
Schlafzimmer mündeten. Ihr einziges Licht, denn 
Fenster gab es da nicht, erhielten diese Kammern 
durch das Oberlicht an der Thür. 
Alle Mahlzeiten wurden in dem Saal au einem 
großen Tisch eingenommen, der hinreichend Spuren 
davon aufwies. 
Ich war kaum in die mir angewiesene Koje 
eingetreten, als es bei mir feststand, daß ich unter 
keiner Bedingung eine Nacht darin zubringen könnte 
und lieber in der milden Sommerluft im Freiere 
kampieren wollte. Um meinem Wirte meinen Ab 
schere vor dem Hotel de Paris reicht allzu sehr 
merken zu lassen, bestellte ich ein paar Eier, dazu 
ein Glas von dem sauren Landwein und begab 
mich dann ans meine Wanderung. 
Es war inzwischen vollständig Nacht geworden 
und von Straßenbeleuchtung so gut wie keine Rede. 
Tie Stadt liegt lang hingestreckt am Flusse, und 
ich konnte bei dem matten Sternenlichte nur die 
Bänke und langen rohen Tische erkennen, welche 
die Fischer für ihre Arbeit benutzen. Immerhin 
konnte ich meine müden Glieder ein wenig aus 
strecken, freilich nur auf wenige Minuten, denn des 
harten Lagers ungewohnt, mußte ich mich bald 
wieder auf die Beine machen. Die Aussicht stunden 
lang in den engen finstern Gassen herumzuwandeln, 
war trostlos genug, dazu war ich wehrlos einem 
etwaigen Anfall preisgegeben. Da hörte ich die 
Töne einer Ziehharmonika, und diesen nachgehend 
befand ich mich auf dem Marktplatz des Städtchens. 
Hier hatte eine wandernde Gauklergesellschaft ihr 
Lager aufgeschlagen. Einer jener Reisewagen, welche 
den reisenden Künstlern zur Wohnung dienen, war 
hier aufgefahren, daneben befand sich ein Zelt mit 
einem Strohlager. 
Die Vorstellung mußte noch nicht lange zn Ende 
sein, denn ich hörte Schwatzen und Lachen in dem 
Zelte und in dein Wagen, der, wie es schien, den 
Schlassalon der weiblichen Artisten bildete. 
Zu meiner Überaschung klang, als ich näher 
kam, das schönste elsässer Deutsch an mein Ohr. 
Ich grüßte die Landsleute — damals waren sie 
es freilich noch nicht — und erklärte ihnen, warum 
ich zu so später Stunde noch auf der Straße sei. 
Sogleich boten sie mir in ihrem deutsch-französischen 
Kauderwelsch in der freundlichsten Weise an, mit 
einem Platze auf ihrem Strohlager im Zelt für 
die wenigen Nachtstunden vorlieb zu nehmen. „Ein 
Tröple Wein ist auch noch ä votre Service, une 
croüte de pain, aber weiter Hammer nischt." 
Ich nahm das Anerbieten gern au, froh, meine 
müden Glieder ausstrecken zu können, und schlief 
bald ein. 
Nicht lange sollte die Ruhe dauern. Ich konnte 
ungefähr eine Stunde auf meinem ungewohnten 
Lager zugebracht haben, als ich, durch einen wüsten 
Lärm erweckt, erschreckt in die Höhe fuhr. Ich 
hörte Fluchen und Schimpfen in portugiesischer, 
deutscher und französischer Sprache durcheinander, 
und soviel ich in der Dunkelheit erkennen konnte, 
sollten meine elsässer Freunde von der Wache ab 
geführt werden. Ich wollte mich entfernen, wurde 
aber in unsanfter Weise daran gehindert. Soviel 
ich in dem Tumult verstehen konnte, war die ganze 
Gesellschaft für verhaftet erklärt und sollte ab 
geführt werden. 
Vergebens erklärte ich in meinem mangelhaften 
Portugiesisch, wie ich dahin gekommen und wie ich 
den Leuten ganz fremd sei, vergebens berief ich 
mich auf diese; hier hieß es in der That: mit 
gefangen, mitgehangen! Endlich erfuhr ich von 
meinen Leidensgefährten, was die Veranlassung des 
ganzen Skandals gewesen. Zwei der Mitglieder 
der Gesellschaft hatten sich nach Schluß der Vor-
	        

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