Full text: Hessenland (16.1902)

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eingebaut, an der man außen weder Thür noch ! 
Fenster bemerkt. Eine Art Vorhof, oon Bäumen 
eingefaßt, in den Felsen zu beiden Seiten waren ! 
Sitze eingehauen; ein Brunnen mit köstlich klarem 
Wasser wurde jubelnd begrüßt. Tiefe Stille herrschte 
umher, kein Blättchen der Bäume über uns be 
wegte sich. Wir näherten uns dem höhlenartigen 
Eingang, in welchem wir einige sehr niedrige 
Thüren von Korkholz entdeckten. In einer ver- ; 
gitterten Nische lag ein ans Holz geschnitztes lebens 
großes Bildnis des heiligen Hieronymus, scheußlich 
angemalt und drapiert. Ten Fußboden bildeten 
ebenfalls Kvrkplatten. Nach langem Rufen öffnete 
sich eine der Thüren und heraus schwankte oder 
kroch vielmehr die Jammergestalt eines alten ver- ; 
krüppelten Mannes, den man füglich ebenfalls für l 
eine Korkschnitzerei halten konnte. Er war der 
Cieeroue des Ortes und lud uns ein, ihm zu folgen. 
Gebückt gingen wir durch dunkle kellerartige Gänge > 
und ließen uns den Zweck der einzelnen durch 
Alter und Vernachlässigung zerfallenen Räumlich- > 
leiten erklären. Ta war eine Kapelle, dumpf und 
düster wie ein Burgverließ, ein Refektorium wie 
ein Hnndestall und Zellen, die einem einigermaßen 
beleibten Mönch den Austritt aus dem Orden zur 
gebieterischen Pflicht gemacht hätten. Gern ver 
ließen wir den unheimlichen Ort und atmeten ans ! 
im „rosigen Licht". 
Nun ging es hinunter nach dem weinfrohen : 
Städtchen Collares, wo uns in einer schattigen 
Benda die hübsche Kellnerin den dnnkelroten Reben 
saft kredenzte. Wie gut haben es die ehrwürdigen 
Herren immer verstanden, sich recht nahe an die 
traubentragenden Berge anzubauen! 
Herrliche Abende waren es, wenn der volle 
Mond über die waldigen Berge ausging und die 
Gegend rings umher mit einem Silberschleier be 
deckte. Waren die Klänge der Musik verhallt und 
hatte die Menge sich allmählich verloren, so hörte 
mau wohl eins der Fenster im Schlosse sich öffnen, 
und die sonore Stimme eines königlichen Sängers fang 
die Lieder der fernen Heimat in die Nacht hinaus. — 
O p o r t o, die zweite Stadt des Königreichs, an 
kommerzieller Bedeutung vielleicht die Hauptstadt 
übertreffend, bietet dem von der Flnßseite An 
kommenden ein überaus malerisches Bild. An das steile 
linke Donroufer hingebant, mit zahlreichen Kapellen 
und Kirchen, freundlichen Landhäusern und Gärten, 
zwischen denen sich die engen Straßen hinauswinden, 
die nach keinem erkennbaren Plane angelegt sind, ist 
Oporto von unseren nordischen Städten grundver 
schieden. Dazu kommt noch die unschöne Architektur 
der Kirchen, der sogenannte Jesuitenstil. Die Wohn 
häuser der Wohlhabenden, deren Außenwände mit ' 
Porzellanplatten gedeckt sind, halten in konservativster I 
Weise am Althergebrachten in der Bauerei fest. 
In den belebten Straßen bieten die Landleute eine 
überaus malerische Staffage; bei dem milden Klima 
macht ihnen ihre Bekleidung wenig Sorge, und bei 
dem dem südlichen Bvlke angeborenen Sinn für 
das Malerische verstehen sie sich mit den bescheidensten 
Mitteln auss wirksamste zu drapieren. In den 
von der ärmeren Volksklasse bewohnten Quartieren 
kann man die Kinder oft vollständig nackt umher 
laufen sehen. 
Von wahrhaft antiker Einfachheit sind die Ochsen 
karren, welche den Bewohnern die für den Haushalt 
notwendigen Berbranchsgegenstände, wie Kohlen, 
Gemüse rc. zuführen. Der Boden, mit der Deichsel 
ans einem Stücke bestehend, ruht ans zwei mächtigen 
Scheiben ohne Speichen, welche sich mit der Achse 
drehen. Die an den vier Ecken befestigten Stäbe 
verbindet ein derbes Geflecht aus Weiden, oben 
mit einer dichten Guirlande aus Eichenlaub bekränzt. 
Tie prächtigen Tiere sind durch ein schön ge 
schnitztes Joch aneinander gefesselt und werden 
gewöhnlich von einem Kinde mit einem laugen 
Stabe regiert. Sicher haben diese Karren seit 
vielen hundert Jahren ihr Aussehen nicht verändert. 
Das eintönige Leben der Stadt unterbrechen in 
den Sommermonaten die häufigen religiösen Feste. 
Tie Namenstage der Kalenderheiligen und unter 
ihnen ganz besonders des Schutzheiligen der Nation, 
Antonio, werden mit großem Pomp gefeiert. 
Prozessionen und Wallfahrten mit Musik, unter 
fortwährendem Raketengeknatter — am hellen Tage, 
wechseln mit geringer Unterbrechung ab. Welcher 
besondern Ehrung der letztgenannte Heilige sich zu 
erfreuen hatte, davon erzählt ein englischer Offizier, 
welcher zur Zeit Pombals in der portugiesischen 
Armee diente. 
„Alle Regimenter", sagt er, „haben sich hier unter 
den Schutz eines besondern Heiligen gestellt, und als 
dasjenige, welches ich jetzt kommandiere, vor ungefähr 
hundert Jahren zuerst gebildet wurde, erwählte 
es den heiligen Antonio von Lissabon zum Schutz 
patron mit dem Rang eines Obersten, dem seine 
Gage pünktlich ausgezahlt wurde. Ter Major 
unseres Regiments, ein Adliger und ein Schafkopf, 
nahm diese in Empfang und bestritt mit dem Gelde 
die Kosten, welche die Feier des Antonio-Tages, 
die Seelenmessen und die Ausschmückung der Kirche 
verursachten. Nebenbei bestürmte er den Hos unab 
lässig mit Denkschriften und Dienstzeugnissen zu 
Gunsten des Heiligen, damit man ihn, den Heiligen, 
zum Rang eines aggregierten Hauptmanns befördere. 
Der Marquis von Pombal, ein kluger, weitfchanender 
und vorurteilsfreier Mann, war nicht gesonnen, 
solchen Unsinn zu dulden uiib — strich das Ein 
kommen des Heiligen."
	        

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