Full text: Hessenland (16.1902)

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Der Reformator Johann Sutel. 
Bon L. Armbrust. 
(Fortsetzung.) 
^as erste Emporkommen aber, das Heraus- 
U treten ans den engen Verhältnissen Melsungens 
hatte Sutel dem Allendorfer Pfarrer Jost 
Winther und dessen bedeutenderem Amtsbruder 
Anton Coro in zu danken. Der letztere war 
vom Landgrafen Philipp nach der freien Reichs 
stadt Goslar gesandt, um dort dem Luthertnme 
festen Boden und Bestand zu sichern. Zn dem 
selben Zwecke wirkte Jost Winther mit landgräs- 
licher Bewilligung für einige Zeit in Güttingen?) 
Hierhin kam auch Sutel als Prediger. Anton 
Corvin und Jost Winther waren für seine Be 
rufung eingetreten, und der Landgraf gab ihm 
einstweilen Urlaub. Am 30. August 1530 trat 
Johann seine neue Stelle an. Die Priesterweihe 
ward ihm nicht zu teil. Martin Luther selbst 
zerstreute seine Bedenken: wenn man in Göttingen 
kein Gewicht darauf lege, so solle er auch fürderhin 
den Tisch des Herrn ungeschoren und ungesalbt ver 
walten. Johann begnügte sich mit einem Anfangs 
gehalte von 40 Gulden. In der großen Johannis 
kirche hielt er seine Antrittspredigt, dauernde 
Wirksamkeit durste er jedoch zuerst nur zu Sankt 
Nikolai, der jetzigen Universitätskirche, entfalten. 
Auch mußte er mit einer Wohnung in der so 
genannten Propstei vorlieb nehmen, denn fast 
alle Pfarr- und Gotteshäuser waren noch in 
katholischen Händen. Die altgläubigen Priester 
und Mönche gaben nicht ohne Kampf ihre 
Stellungen und Ansprüche auf, zumal da sie am 
Landesherrn, dem Herzoge Erich I. von Kalenberg- 
Göttingen, einen starken Rückhalt besaßen. Daher 
bereiteten Sutel und Winther einen Hauptschlag 
gegen die Barfüßer, den Hort des Göttinger- 
Katholizismus, vor. Sie verfaßten 28 Artikel, 
die die Grundlagen des evangelischen Glaubens 
darstellten. Bemerkenswert ist, daß der weltlichen 
Obrigkeit darin nicht nur ein Befehlsrecht über die 
Priesterschaft zugestanden wurde, sondern auch die 
Macht, kirchliche Anordnungen zu treffen, z. B. 
die Bilder ans den Kirchen zu entfernen (88 11 
und 27). Die Artikel wurden in Wittenberg 
gedruckt und die Gegner zu einer öffentlichen 
Disputation aufgefordert. Man lud die Mar- 
bnrger Theologen Erhard Schnepf und Adam 
Kraft von Fulda, den Kasseler Konrad Öttinger 
und andere zur Teilnahme ein (Anfangs 1531). 
Allein der Landesherr kam den bedrängten Mönchen 
zu Hülfe: Herzog Erich I. verbot die Abhaltung 
*) Vgl. „Hessenland" 1901, Nr. 5, S. 50. 
der Disputation. Die Aufregung in der Stadt 
war um diese Zeit so stark, daß Sutel und Winther 
ihres Lebens nicht sicher waren. Geharnischte 
hielten nachts Wache; beide Parteien waren zu 
blutigem Kampfe geneigt. Dazu kam es glück 
licherweise nicht. Nur drangen einige Bürger in 
das Barfüßerkloster (am jetzigen Wilhelmsplatze) 
ein und ließen es sich dort ans Kosten der Mönche 
einige Tage wohl sein. Allein damit war der 
Widerstand der Klvstergeistlichen noch lange nicht 
gebrochen. Winther, der im Mai 1531 nach 
Hessen zurückkehrte, konnte allerdings mit der 
Überzeugung scheiden, daß das Luthertum in 
Göttingen unaufhaltsam vordringe. Luther warnte 
Sutel nnb seine Amtsbrüder, deren Zahl in der 
Stadt allmählich zunahm, nicht von der Göttinger 
Kirchenvrdnnng alles Heil zu erwarten, sondern 
weiter wachsam zu sein. Den Rat befolgte 
Johann durch emsige Wirksamkeit int evangelischen 
Sinne. 
Aber erst nach jahrelangem Streite gaben die 
Mönche ihre Sache verloren lind wanderten ans 
oder wurden ansgewiesen durch ein Machtwort des 
Stadtrates. Ihre Güter und Einnahmen ver 
fielen der neu gegründeten Kirchenkasse. 
An dem Siege des neuen Glaubens in Güttingen 
hatte Sutel den grüßten Anteil. Er stand in der 
ersten Reihe der Kämpfenden. Und die alten wie 
die neu gewonnenen Anhänger fesselte er durch seine 
Predigten. Seine Kanzelreden fanden solchen Beifall, 
daß er die über Jerusalems Zerstörung 1539 
mit einer Vorrede Luthers herausgab — das erste 
Werk, das er allein verfaßte. 
Sutel wuchs unterdessen an Ansehen und Ehren 
in der Stadt, seine Tüchtigkeit fand Anerkennung. 
Nach der Göttinger Kirchenvrdnnng, die bereits 
mehrere Monate vor Sütels Ankunft eingeführt 
war, sollten die städtischen Kirchen und Schulen 
der Aussicht eines Superintendenten unterworfen 
werden. Der Rat der Stadt beschloß, den gelehrtesten 
unter seinen Geistlichen in das Aufseheramt zu 
berufen. Dr. Wydensehe, Pfarrer in Goslar, wurde 
beauftragt, eine Prüfung anzustellen, und siehe: 
Johann Sutel, fast der jüngste unter seinen Amts- 
brüdern, bewies die besten Kenntnisse. Erst ein- 
unddreißigjährig rückte er zum Superintendenten 
auf (1535). Zwei Jahre später übernahm er 
das Pfarramt an der Göttinger Hanptkirche, zu 
St. Johannis. Einen Ruf nach Homberg an der 
Efze lehnte er im Herbste 1540 ab, da die Göttinger 
ihn durch Verleihung des Bürgerrechts, Befreiung
	        

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