Full text: Hessenland (16.1902)

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werte Mitteilungen über die Vergiftung des Hof 
lakaien Bechstädt aus der Feder des mir uoch 
sehr wohlbekannten, allgemein hochverehrten General 
stabsarztes Dr. Büumler wieder. Es wird in 
diesen Aufzeichnungen (S. 150) auch der Ober 
medizinaldirektor G erwähnt. Dies 
war der Vater meiner Mutter, Cornelius 
Grandidier, der vom 17. Juni 1814 bis 
4. November 1821 mit dem Amte eines Hosmedikus 
d. h. mit der „ärztlichen Besorgung der sämtlichen 
Hoslivröe- und Marstall-Dieuerschast", wie die An 
stellungsurkunde besagt, betraut, seit 1. April 1818 
aber auch kurfürstlicher Leibarzt war. Nach den 
Mitteilungen meiner 1894 verstorbenen Mutter 
<»• 
Aus Heiinat 
Todesfall. Am 3. Juni starb im Schloß zu 
Horschowitz (Hokovies) in Böhmen F ü r st W i l h e l m 
von Hanau, der dritte Sohn des Kurfürsten 
Friedrich Wilhelm von Hessen. Geboren am 19. De 
cember 1836, wurde er, wie bie übrigen Kinder des 
Kurfürsten, durch Hauslehrer erzogen und trat 1855 
als Sekondleutnant in das Leibgarde-Regiment ein. 
1862 avancierte Prinz Wilhelm zum Hauptmann 
und 1866 zum Major ü 1a suite desselben Re 
giments. Der Kurfürst nannte ihn scherzweise 
seinen „reichen Sohn", da er von seinem Großvater, 
Wilhelm II., als dessen Pathe, mit 400 000 Thalern 
bevorzugt worden war. *) Vermählt war der Dahin 
geschiedene mit der Prinzessin Elisabeth von 
Lippe-Schnumburg in erster Ehe, welche aber 
bereits nach zwei Jahren, 1868, wieder getrennt 
wurde. Eiue zweite Ehe ging er 1890 mit der 
Gräfin Elisabeth zur L i p p e - B i e st e r s e l d - 
Weißenfeld ein, nachdem er am 24. März 1889 
durch den Tod seines älteren Bruders, des Fürsten 
M oritz von Hanau, den Fürstentitel sowie das 
vom Kurfürsten gestiftete Majorat geerbt hatte. 
Er starb ohne direkte Nachkommen zu hinterlassen, 
so daß die Herrschaft Horschowitz mit den andern 
dazu gehörigen Gütern an seinen jüngeren Bruder, 
den nunmehrigen Fürsten Karl von Hanau, über 
gegangen ist. 
Persönliches über den verstorbenen Fürsten teilt 
uns der treue Mitarbeiter des „Hessenland" Adam 
Trabert zu Wien in Nachfolgendem mit: 
„Nach mehrtägiger Abwesenheit von Wien trete 
ich wieder in mein bescheidenes Heim zu Döbling. 
Auf meinem Schreibtische liegt ein Brief mit 
*) Siehe „Hessische Erinnerungen". Verlag von Klaunig, 
Kassel 1882. 
hat Graudidier von vornherein die Erkrankung 
Bechstädts als eine Arsenikvergiftung anerkannt und 
dies offen in seiner Familie ausgesprochen. Die 
Angriffe gegen Bechstädts Behandlung durch 
Dr. Bäumler können also, wie auch mit der Nieder 
schrift desselben sehr wohl vereinbar ist, von Gran 
didier nicht ausgegangen sein. — Ich selbst gebrauche 
uoch täglich einen Lichtschirm, der früher zum kur 
fürstlichen Schloßiuveutar gehört hat, auf irgend 
eine Weise in Bechstädts Besitz gelaugt, von dessen 
Hinterbliebenen aber meinem Großvater als An 
denken an die Behandlung Bechstädts durch ihn 
geschenkt worden ist. 
Hildesheim. Ätto Gerkand. 
<4* 
unö Frernöe. 
schwarzem Rande. Unwillkürlich pocht mein Herz. 
Hat der grausame Tod mir schon wieder Einen 
von den Wenigen, die mir nahe gestanden sind 
und noch unter den Sterblichen auf Erden weilen, 
in die stille Heimat der Gräber abgerufen? 
Ich öffne das Couvert hastig und mit zitternder 
Hand. Tief erschüttert lese ich: 
„Karl Fürst von Hanau und Horschowitz, Graf von 
Schaumbnrg, gibt hierdurch tief betrübt die Nachricht 
von dem am 3. Juni 1902 zu Horschowitz erfolgten 
Hinscheiden seines vielgeliebten Bruders Sr. Durch 
laucht des Herrn W i l h e l m F ü r st e n v o n H a n a u 
und zu Horschowitz, Grafen von Schaumburg, 
k. u. k. Majors i. E. des österr. Landwehr-Ulanen 
regiments Nr. 6, Besitzers des fürstlich Hanan'fchen 
Familien - Fideikomisies Horschowitz und Jinetz mit 
Bezdeditz rc. rc." 
Mit dieser Trauerbotschaft in der Hand trete 
ich in mein kurhessisches Sanctissimum. Ich darf 
lvohl so das schönste Zimmer meiner bescheidenen 
Wohnung nennen, denn dort steht als dessen herr 
lichste Zierde eine Statue unseres seligen Kurfürsten, 
ein Kunstwerk von der Hand Rätters, das Fürst 
Wilhelm mir einst verehrt hat. Die Statue ist 
eine verkleinerte Kopie des Kolossal-Standbildes 
des Kurfürsten, einer genial ausgeführten Kunst 
schöpfung Rätters, mit welcher Fürst Wilhelm 
seinen Schloßpark zu Horschowitz geschmückt hat. Bei 
ihrer festlichen Enthüllung war ich persönlich zu 
gegen.") 
In meinem Sanctissimum befindet sich auch 
neben den Bildern, mit denen mich andere Nach 
kommen und Familienglieder des seligen Kurfürsten 
beglückt haben, das sprechend ähnliche Bild des 
oben genannten Toten, der heute schon im Horscho- 
witzer Parke in kühler Erde ruht. In meinem 
*) Bergl. „Hessenland" 1890, Seite 244.
	        

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