Full text: Hessenland (16.1902)

163 
war, und auch die Einholung eines etwaigen Urlaubs 
längere Zeit in Anspruch genommen hätte, so 
mieteten sie einen berittenen Eilboten. Dieser sollte 
einen längeren Bericht, in welchem alle Umstände 
genau erzählt waren, zum Grasen von Stolberg 
bringen. Der Bote hatte den Auftrag, falls der 
Gras in Stolberg nicht anwesend sei, ihm nach 
zureisen, wohin es auch immer sein möge. Zu den 
Kosten der Reise steuerten die Einwohner Hirzen 
hains aus freien Stücken 100 Gulden zusammen. — 
Wieder faßt die Pfarrfrau neuen Mut. Der 
Graf von Stolberg, dem ihr Mann nun 31 Jahre 
treu gedient hat, wird ihn, das hofft sie bestimmt, 
nicht im Stich lassen. Und wenn es auch noch 
drei bis vier Wochen dauern soll, und wenn es ' 
auch Weihnachten darüber wird, es ist doch wenigstens 
jetzt die begründete Aussicht, daß in kurzer Zeit 
dem jetzigen Elend ein Ende gemacht wird. — — 
Ter Bote reist ab, und die Wünsche und Gebete 
der Pfarrfrau, der drei Freunde uitb der ganzen 
Hirzenhainer Gemeinde geleiten ihn. Ein zweiter 
Bote wird nach Hanau gesandt, um den gefangenen 
Pfarrer von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen 
und zum Ausharren zu ermutigen. 
Aber es vergehen Wochen, es wird vollends j 
Winter, das Weihnachtsfest geht vorüber, das Jahr j 
neigt sich zu Ende, und noch ist vom Boten nichts ! 
zu sehen und zu hören, noch ist vom Grasen keine 
Antwort eingetroffen. 
Tie Pfarrfrau gerät fast in Verzweiflung; ihre 
Hoffnung, ihr Gottvertraueu lassen sie im Stich; 
dabei rückt ihre schwere Stunde von Tag zu Tag 
näher, — wie soll das enden? 
Endlich am 27. Januar 1729 kommt der Bote ! 
zurück. Der Gras von Stolberg war nach Wien ! 
zum Kaiser gereist, und der treue Bote war ihm 1 
dahin nachgefolgt. Der Graf hatte ihn in seinem 
Quartier freundlich empsangeu und verheißen, alles 
zu thun, um seinen Pfarrer aus der Gesaugenschast 
zu lösen; er hatte dem Boten ohne Verzug einen 
Bürgschaftsschein ausstellen lassen, gegen dessen Aus 
händigung der Gras von Hanau den unglücklichen 
Gefangenen wohl sofort loslassen werde. 
Welch eine Freude für die Pfarrfrau, welch eine 
frohe Botschaft für die schnell benachrichtigten nnb 
nach Hirzenhain eilenden Freunde sowie für die 
ganze Gemeinde! Einer sagte es dem andern, und 
den ganzen Tag ward das Pfarrhaus nicht leer 
von Besuchern, die alle ihre Freude über die be 
vorstehende Freilassung des geliebten Pfarrers aus 
sprechen wollten. — — 
Mit frohen Hoffnungen geht Leidensrost am 
Abend von Hirzenhain nach Ortenberg zurück; er 
will noch einige Vorbereitungen treffen, um sich 
andern Tags den Befreiern Lankhardts anzuschließen. 
Sanftes Mondlicht leuchtet ihm auf dem schneeigen 
Wege durch den Hochwald; ringsum schimmert 
alles weiß, und die Fichten und Tannen beugen 
ihre Äste tief unter der Last des Schnees. Doch 
von der ganzen Herrlichkeit der Winternacht merkt 
Leidensrvst nichts, denn sein ganzes Denken gilt 
seinem lieben Freunde Laukhardt, der nach den 
endlos langen Wochen der Gefangenschaft nun 
endlich — endlich wieder frei werden soll. 
Mit welch andern Gefühlen als in der entsetzlichen 
Zeit vorher betete die arme Pfarrfrau au diesem 
Abend mit ihren Kindlein für die Befreiung des 
Vaters; wie dankte sie Gott so herzlich für die Güte 
des Stolberger Grasen! 
Es war ein Triumphzug, der sich am andern 
Tage von Hirzenhain nach Hanau ausmachte. Nicht 
nur der Bote und des Pfarrers Schwager und 
Schwiegersohn von Wenings, sondern auch noch 
20 der angesehensten Bürger von Hirzenhain zogen 
mit; sie wollten es sich nicht nehmen lassen, selbst 
ihren Pfarrer heim zu holen. In Ortenberg schloß 
Pfarrer Leidensrost sich ihnen an. 
Von Stunde zu Stunde schaute die Pfarrfrau 
die Straße entlang, wo der sehnlich Erwartete her 
kommen sollte, wenn sie ihn au diesem Tage auch 
noch gar nicht erwarten konnte; denn der Hin- und 
Herweg dauerte doch wenigstens achtzehn bis zwanzig 
Stunden — aber sie konnte ihrer Ungeduld keine 
Zügel anlegen. 
Am nächsten Tage ward es ine Pfarrhaus früher 
lebendig als sonst; das tiefe Nidderthal lag noch 
in düsterem Schatten unter dem leichteil Nebelschleier, 
der allmählich und leise vom Bach zu den hohen 
Tannen der Bergschlucht aufstieg; langsam erhob 
sich die Sonne über die bewaldeten Berge, und 
ihre ersten Strahlen erglänzten in den kleinen, blei- 
gefaßten grünlichen Fensterscheiben des Pfarrhauses, 
in dem die Hausfrau schon munter hantierte. 
Die Kindlein waren im Sountagsgewaud, um 
ihren Vater festlich zu empfangen; und die Psarr- 
srau selbst? — zum ersten Mal nach den laugen, 
traurigen Wochen umspielte ein sonniges Lächeln 
ihr Angesicht und verscheuchte alle Schwermut; es 
war ihr zu Mute, als ob sie singen und zum Himmel 
jauchzen müsse aus Dankbarkeit gegen Gottes Gnade. 
Fünftes Kapitel: 
Am Küstern Chnle. 
Mit frohen Hoffnungen waren Pfarrer Laukhardts 
Befreier von Hirzenhain ausgezogen; traurig kehrten 
sie von Hanau zurück. Der Gras von Hanau hatte 
einen vollständigen Triumph gefeiert über die ver 
haßten Stolberger. In feierlicher Audienz hatte 
er sie empfangen. Er stand vor dem etwas erhöhten
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.