Full text: Hessenland (16.1902)

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unterm Hollunöerbaum. 
Historische Erzählung aus Oberhessen von O. Gros. 
(Fortsetzung.) 
rau Pfarrer Laukhardt in Hirzenhain war 
gar nicht beunruhigt gewesen, als ihr Mann in 
der Nacht von Sonntag aus Montag nicht zurück 
kehrte, denn Laukhardt hatte ihr gesagt, daß er 
möglicherweise bei seinem Freunde Radeseld über 
Nacht bleiben, aber dann spätestens bis Montag 
Mittag um zwölf Uhr wieder daheim sein wolle. 
Anstatt ihres Mannes aber kam gegen 10 Uhr 
morgens ein Bote des Amtmanns Nadefeld mit 
Lankhardts Pferd und richtete ans: „Einen Gruß 
vom Herrn Amtmann, und Herr Pfarrer Laukhardt 
hätte plötzlich zu seiner Tochter Elisabeth nach Bruch 
köbel reisen müssen." 
Die Pfarrsran war auss äußerste hierüber er 
staunt. Was konnte geschehen sein? Warum wollte 
ihr Mann den weiten Weg zu Fuß zurücklegen 
und benutzte nicht sein Pferd? — sie fragte den 
Boten: „Hat mein Alaun nicht gesagt, was für 
Geschäfte er in Bruchköbel hat, und wann er wieder 
zurückkehren will?" 
„Nein," antwortete der Mann, „einen anderen 
Auftrag, als ich ausgerichtet, habe ich vom Herrn 
Amtmann nicht bekommen." 
Nach freundlicher Bewirtung ward der Bote ent 
lassen. 
Denselben Abend kam der Ackersmann Straub 
ins Pfarrhaus und richtete die Botschaft aus, die 
er unterwegs von seinem Pfarrer erhalten hatte. 
Ta er seine Hiobspost ganz plötzlich und unvermittelt 
überbrachte, und diese Nachricht die arme Frau 
ganz unvorbereitet traf, so war es nicht zu ver 
wundern, daß die Pfarrsran — die zudem der 
Geburt ihres vierten Kindes entgegen sah — mit 
einem lauten Schreckensschrei zu Boden stürzte. Tie 
schnell herbeigerufene Magd hatte lange zu thun, 
bis sie ihre Herrin wieder ans der Ohnmacht er 
weckt hatte. 
Thränenlos, in stummem Jammer saß die arme 
Frau da; der Gedanke an ein Gefängnis erschien 
ihr entsetzlich, das Los eines Gefangenen hielt sie 
für das traurigste, und nun war ihr lieber Alaun 
an einem solchen Ort des Elends! Aber die Pfarr 
sran verzagte nicht; sie raffte sich ans und sandte 
sofort Boten nach Wenings zu ihrem Bruder und 
dem dortigen Pfarrer, sowie gleichzeitig zu ihres 
Alannes Freund, dem Pfarrer Leidenfrost nach 
Ortenberg. 
Am anderen Morgen, als kaum der Tag graute, 
waren die drei Männer schon erschienen; sie rieten hin 
und her, was die Hanauer vor hätten, aber sie kamen 
zu keinem Resultat; wollte der Graf den Pfarrer 
dafür bestrafen, daß er vor 17 Jahren in Ortenberg 
für sein Bekenntnis gestritten hatte, dann war es 
schwer, ihm Hülse zu leisten; handelte es sich aber 
bloß um die Bürgschaftssumme des gräflichen Amts 
und Hoskellerers Küsner, so ließ sich, wenn auch nicht 
die bedeutende Summe selbst, so doch eine andere 
ausreichende Bürgschaft, mit der sich der Gras be 
gnügen konnte und wodurch Pfarrer Laukhardt ent 
lastet wurde, beschaffen; denn die drei treuen Freunde 
beschlossen einmütig, die Bürgschaft aus sich selbst, 
jeder zu einem Drittel der Summe zu übernehmen. 
Leidenfrost aber tröstete die Pfarrsran mit dem 
Worte: „Aus sechs Trübsalen wird Er dich erretten, 
und in der siebenten soll Dich kein Übel rühren", 
und der Pfarrer von Wenings setzte hinzu: „Denket 
doch, liebe Frau Dlutter, an Daniel in der Löwen 
grube; hat Gottes Hand aus solcher Fährlichkeit 
erretten können, wie sollte er nicht unsern lieben 
Bater aus dem Gefängnis zu lösen vermögen?" 
Tie Worte der Freunde waren nicht verloren an 
der Pfarrsran; wenn auch ihr Herz schwer blieb, 
so war ihr Mut doch gewachsen, und wenn auch 
mit Thränen in den Augen, so blickte sie doch 
voll Hoffnung und Zuversicht auf zu dem, der da 
lebet und regieret in Ewigkeit. 
Pfarrer Leidenfrost reiste gleich anderen Tags 
mit dem Bürgschein in der Tasche nach Hanau ab, 
um zu erfahren, aus welchem Grunde Pfarrer 
Laukhardt gefangen gesetzt worden sei. Er kam 
aber tief betrübt wieder zurück; beim Grasen war 
er gar nicht vorgelassen worden, sondern der gräfliche 
Oberamtmann hatte ihm erklärt, Pfarrer Laukhardt 
würde nur dann freigelassen werden, wenn die 
Bürgschaftssumme völlig bezahlt sei. Der Zutritt 
zu dem Gefangenen, mit dem er sich berateil wollte 
über einen etwaigen Ausweg, war ihm trotz seiner 
Bitten verweigert worden. Diese Kunde traf die 
Pfarrsran wie ein Donnerschlag; all ihre Hoffnung 
war mit einem Male vernichtet; denn die Ent 
scheidung des Grasen bedeutete lebenslängliches 
Gefängnis; wie sollte ein Pfarrer, der jährlich 
27 Gulden Bargeld einzunehmen hatte, in abseh 
baren Jahren 6000 Gulden ausbringen? 
Pfarrer Leidenfrost, der treue Freund, wußte auch 
jetzt wieder Rat. „Unser gnädiger Gras von Stol- 
berg muß die Bürgschaft an unserer Statt über 
nehmen, und wir drei Freunde sind ihm dann 
haftbar; seine Bürgschaft kann der Graf von Hanau 
doch nicht zurückweisen." 
Da keiner der drei Freunde einen so langen Urlaub 
nehmen konnte, als zu dieser Reise erforderlich
	        

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