Full text: Hessenland (16.1902)

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und lobte besonders daran, daß ich auch Schatten 
seiten und Mängel nicht verschwiegen habe. 
Schließlich beauftragte er mich, sein Portrait zu 
malen und damit gleich, nachdem ich ein Zimmer 
im Schloß als Atelier eingerichtet, anzufangen. 
Ich lernte nun einen Fürsten kennen, der so wenig 
der Vorstellung entsprach, die man sich ?twa bei 
uns von einer so hochgestellten Persönlichkeit macht, 
daß man im nähern Verkehr seine Würde ganz 
vergessen konnte, und dessen äußere Erscheinung ich 
mir gern in die Erinnerung zurückrufe. 
Don Fernando, ein Österreicher aus dem Hause 
Koburg-Cohari, die Franzosen nannten ihn scherz 
weise haricot, war der zweite Gemahl der Königin 
Donna Maria da Gloria, der Tochter Don Pedro's 
und Nichte des Thronprätendenten Don Miguel. 
Jung verwitwet und kinderlos, sollte sie wieder 
vermählt werden, und man hielt Umschau unter 
den wählbaren Fürstensöhnen der europäischen 
Herrschergeschlechter. Es wurden der jungen könig 
lichen Witwe Bildnisse vorgelegt, nach denen sie 
eine Wahl treffen sollte. Diese fiel auf den statt 
lichen Koburger Prinzen, der auch bei persönlicher 
Vorstellung Gnade vor der hohen Dame fand. 
Nicht viele Jahre währte das eheliche Glück. 
Drei bildschöne Kinder waren der Verbindung 
entsprossen, als die bedenklich zunehmende Korpulenz 
der Königin die ernstlichsten Befürchtungen hervor 
rief, und diese waren nur zu sehr begründet. 
Don Fernando, noch nicht dreißig Jahre alt, 
war Witwer und sah sich als Regent an der 
Spitze des portugiesischen Staates. 
So lernte ich ihn kennen. 
Ein auffallend schöner Mann war Don Ferdinand, 
und er war sich dessen bewußt. Der prächtige 
Kops mit der schön geformten Nase, den feurigen 
Augen, erinnerte ausfallend an das berühmte Profil 
bildnis Franz des Ersten von Tizian im Louvre 
zu Paris. Das braunlockige Haar fiel ihm fast 
bis aus die Schultern und, zum großen Verdruß 
der gesamten Hofgesellschaft, bestand er daraus, 
<£>• 
weltflucht utt 
Weltflüchtig nennt Ihr mich mit Recht, 
Und doch mit Unrecht auch: 
Ich flüchte nur vor jener Welt, 
Die nichts als Schall und Rauch, 
Die nur den vollen Humpen schwingt 
Und jagt nur nach Genuß, 
Und schwätzt und.lästert, tanzt und springt 
Und schwelgt im Überfluß, 
Die kalten Herzens, matten Hirns, 
Dem Götzen nur der Zeit 
Im Frohndienst huldigt unentwegt: 
Der Schein-Geselligkeit. 
Doch flücht' ich vor der andren nicht. 
In die mich Gott gestellt. 
Kassel. 
Locken, nach Art der polnischen Juden, an den 
Schläfen zu kultivieren. 
Gleich bei der ersten Sitzung erklärte er mir, 
daß ich ihn nicht in irgend einer Uniform oder 
mit Orden geschmückt malen dürfe. Alles Uniformen 
wesen war ihm zuwider, dem höfischen Zeremoniell 
fügte er sich nur widerwillig. 
Gründlich musikalisch, im Besitze eines herrlichen 
Baritons, kannte er kein größeres Vergnügen als 
in seinen Abendgesellschaften Musiker und Sänger 
bei sich zu sehen und zu singen und Klavier zu spielen. 
Die Portraitsitzungen waren ihm augenscheinlich 
angenehme Plauderstündchen, in denen er sich nach 
Herzenslust in der lieben Muttersprache unterhakten 
konnte, und ich hatte ihn heimlich in Verdacht, daß 
er mir den Auftrag nur gegeben, um den ewigen 
Repräsentationspfiichten aus kurze Zeit zu ent 
rinnen. Mit Geschäften durfte man ihm da nicht 
kommen, und der deutsche Kammerdiener hatte Befehl, 
alle dahin zielenden Besuche mit dem Bescheid ab 
zuweisen: „Majestät sitzen zu ihrem Portrait". 
Mit einer merkwürdigen Offenheit erzählte er 
mir aus seinem Leben, schilderte mir seine Jugend 
in der österreichischen Heimat und seine Erlebnisse 
als Prinz-Gemahl in dem bewegten portugiesischen 
Treiben. Militärische Revolten waren damals in 
Portugal nicht selten, und eine Persönlichkeit machte 
der Regierung viel zu schaffen, es war der General 
Saldanha, ein einflußreicher Militär, der „alte 
Verschwörer", wie man ihn nannte. 
Unvergeßlich ist mir, wie mir der König seine 
Lage schilderte, als er sich eines Tages auf dem 
Marsche nach dem Norden des Landes, um einen 
Aufstand zu unterdrücken, plötzlich von den Truppen 
verlassen sah, wie sein Adjutant frühmorgens zu 
ihm hereinstürzte mit den Worten: „Majestät, die 
Truppen sind auf und davon". 
Der breite österreichische Dialekt des hohen Herrn, 
der Humor, mit dem er von seinem Mißgeschick 
sprach, wirkten so unwiderstehlich, daß ich kaum 
das Lachen unterdrücken konnte. (Schluß folgt.) 
<4- 
d Einsamkeit. 
Das Hochgefühl erfüllter Pflicht 
Kein Weltschmerz mir vergällt. 
Auch flücht' ich vor dem Zauber nicht 
Der schönen Gotteswclt, 
Die immer mir ihr Füllhorn beut 
Und frisch das Herz erhält. 
Nicht flücht' ich auch vor jener Welt, 
Die tief im Herzen lebt, 
Auf Liedesschwingen himmelan 
Die Menschenseele hebt, 
Den Bruder nur im Menschen sieht. 
Teilt mit ihm Freud und Leid — 
So spendet Segen ihm und mir 
— Weltflucht und Einsamkeit! 
Äl'bert Weiß.
	        

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