Full text: Hessenland (16.1902)

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kaum unterschieden. Um die Bürger nicht in 
ihrem Berufe zu behindern, geschahen die Übungen 
nur an Sonntags- und Feiertags-Nachmittagen. 
Ans dieser Landwehr beabsichtigte man eine brauch 
bare Mobillandwehr zu bilden, die dann ins 
Feld rücken sollte. Die hierzu tauglichen Mann 
schaften würden ans den einzelnen Regimentern 
ausgewählt und in besondere Listen eingezeichnet. 
In Wirklichkeit wurde dieser Plan doch nicht 
ausgeführt. Erst am 20. November 1819 wurde 
das Institut der Landwehr durch ein landes 
herrliches Edikt ausgelöst. Der Schluß desselben 
lautet: „Da somit der heilsame Zweck, welchen 
Wir durch die Landwehr zu erreichen beabsichtigten, 
verschwunden und nur noch das Lästige der Sache 
geblieben ist, so müssen Wir Uns. in unaus 
gesetzter Sorge für das Wohl des Landes, hier 
durch aufgefordert fühlen, auch diese Belästigung 
ohne Aufschub von Unseren Unterthanen zu 
nehmen". 
(Schluß folgt.) 
Das deutsche Haus zu Marburg. 
Bon Ludwig Müller, Marburg. 
icder ist ein Stück ans guter, alter Zeit, ein 
Wahrzeichen Marburgs, vom Erdboden ver- 
schwnnden und ein Opfer des rastlos eilenden, all- 
bezwingenden Geistes: Fortschritt geworden. Wenn 
einst der Nachkomme durch schön gepflegte, mit 
Anlagen geschmückte breite Straßen wandert, um 
säumt von Häuserpalästen, Straßen, die er vielleicht 
gar mit elektrischem Wagen im Fluge durcheilt, so 
wird er kaum ahnen, daß ans diesem Grunde einst 
ehrwürdige Mönche bedächtig wandelten, oft auch 
Schwert- und Schildklang zu frohem Tourniere 
hallte. Ter Okonvmiehos der ehemaligen deutschen 
Ordensritter ist es, der in diesen Tagen mit seinen 
weitläufigen Wirtschaftsgebäuden niedergelegt wurde, 
um neuen Straßenanlagen Platz zu machen. Wie 
so Manches so verdankt auch diese Ansiedelung der 
heiligen Elisabeth ihren Ursprung. In der Nähe 
eines dicht bei Marburg gelegenen Franziskaner- 
klosters ließ die Landgräfin, die seither in Werda 
wohnte, ein St. Franziskus-Hospital und daneben 
für sich eine Wohnung erbauen, die noch vor 
Ablaus des Jahres 1229 vollendet war und in 
welche sie übersiedelte, um sich ganz einem Leben 
voll thätiger Nächstenliebe und tiefer Frömmigkeit 
zu weihen. Als die Fürstin am 19. November 1281 
in ihrer Wohnung starb, ward ihr Leichnam am 
siebenten Tage nach ihrem Tode ihrem Wunsche 
gemäß in jene Kapelle überführt und beigesetzt.*) 
Ter Boden, aus dem das Hospital stand und die 
Güter, mit denen sie es ausgestattet hatte, waren 
landgräfliche Familiengüter, über die der Fürstin 
keine Hoheitsrechte zustanden. Weil nun Elisabeth 
befürchtete, ihre Stiftung würde nach ihrem Tode 
aus diesem Grunde untergehen, so hatte sie dieselbe 
dem Schutze des deutschen Ordens unterstellt und 
ihm als Eigentum überlassen. Dagegen nahmen 
*) Vgl. C. W. Justi, Elisabeth die Heilige, S. 199. 
die Landgrafen von Thüringen und Hessen, die 
sich als Erb- und Grundherren betrachteten, die 
Aufsicht für sich in Anspruch. Hierauf wurde 
eine Untersuchnngskommission ernannt, die am 
2. August 1232 zu dem Resultate kam, dem 
Johanniterordensmeister von Deutschland Konrad 
von Heimbach, der gleichfalls Ansprüche erhoben 
hatte, diese abzuerkennen und ihm ewiges Still 
schweigen aufzuerlegen. Später wurde Landgraf 
Konrad friedlicher gegen den deutschen Orden gesinnt 
und berief mit Zustimmung seines Bruders Heinrich 
Raspe im Jahre 1233 die deutschen Herren 
nach Marburg, übergab ihnen das gestiftete Hospital 
und entzog den Barfüßer-Mönchen die Kapelle und 
St. Elisabeths Wohnung. Außerdem erhielt der 
Orden nicht unbeträchtliche Begünstigungen. So 
wurde Marburg der Sitz einer bedeutenden Kom 
menturei des deutschen Ordens, der Balley Hessen, 
zu der noch Schiffenberg bei Gießen, Griesstädt in 
Thüringen und Flörshain in der Pfalz gehörten. 
Mehrere Jahre hindurch befand sich in Marburg 
sogar der Sitz der Hochmeister des deutschen Ordens. 
Soll doch hier der hochherzige Hermann von Salza 
mit seinen vertrauten Rittern den ersten Plan zur 
Eroberung Preußens gefaßt haben! 
Bald nach dem Tode der Landgräfin Elisabeth 
fand der Glaube an die wunderthätige Wirkung 
ihrer Gebeine solche Verbreitung, daß aus ganz 
Deutschland Scharen frommer Pilger zu ihrer Gruft 
wallten. Landgraf Konrad, der im Jahre 1234 
dem Weltleben entsagte, trat nun mit zwei Freunden 
und 24 Edelleuten in den deutschen Orden in 
Marburg ein und übergab demselben laut Schenkungs 
urkunde vom 0. November 1234 einen bedeutenden 
Teil seiner Besitzungen, die er in Thüringen und 
Marburg hatte, wo nunmehr die Ordensgebäude 
des deutschen Hauses errichtet wurden.*) 
*) Retters Hess. Nachrichten. Zweite Sammlung S. 54.
	        

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