Full text: Hessenland (16.1902)

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Lutherschen Standpunkte zu nähern, und in der 
bösen Zeit des Augsburger Interims schloß er sich 
— wenn auch nach starken Schwankungen — dem 
Widerstande gegen den Erzbischof von Mainz an. 
Und Sutel ließ sich weder durch die Rücksicht auf den 
Göttinger Stadtrat noch auf die Herzogin Elisabeth 
bewegen, der Wiedereinsetzung eines abgesetzten 
Pfarrers zuzustimmen. Einem Feinde aber, der 
mit Tod und Ketten drohte, wichen sie aus. 
So machte es Lening bei den Wiedertäufern in 
Münster, wie Sutel beim Anzuge der Kaiserlichen 
gegen Schweinfurt. Dabei mochten sie nicht bloß 
von Furcht beherrscht werde», sondern vielleicht 
auch von dem Gedanken, daß sie anderswo noch 
eine gedeihliche Wirksamkeit entfalten könnten, 
und ihre Aufopferung ihren Anhängern und ihrer 
Sache eher schädlich als nützlich wäre. 
Diese beiden Männer waren also freundschaft 
lich verbunden. Und Lening ist es nach eigenem 
Geständnisse gewesen, der den Landgrafen Philipp 
auf den tüchtigen und.gelehrten Magister Johann 
aufmerksam machte. 
(Fortsetzung folgt.) 
Hessen-Darnrstaöts Abfall von Napoleon I. 
Von Or. phil. Vergor in Gießen. 
(Fortsetzung.) 
Rückkehr der hessischen Truppen Ende 1813. 
Bei Hünfeld zweigte eine Abteilung hessischer 
Truppen von Napoleons Heer ab und zog über 
Schlitz nach Gießen. Vom großherzoglichen Ar 
tilleriekorps blieb der Kapitän Müller auf der 
Hauptstraße und kam in der Nacht vor der 
Schlacht bei Hanau dort an. Hier ging er aus 
der Marschkolonne über den Main nach Stein 
heim und erreichte am 3. November Darmstadt. 
Seine Abteilung zählte 71 Mann') und 54 Pferde. 
Die Mannschaften bestanden aus 2 Offizieren, 
1 Militärchirurgen, 10 Unteroffizieren, 1 Tambour, 
1 Bombardier, 1 Oberkanonier und 20 Kanonieren, 
ferner aus 1 Train-Leutnant. 2 Train-Dragonern, 
30 Soldaten und 2 Handwerkern. Sie führten 
bei sich 6 Geschütze, 4 Munitions- und Geräte 
wagen, 2 Feldschmieden, 1 Bagagewagen, in Summa 
13 Fahrzeuge. 
Zwei hessische Bataillone bildeten einen Teil 
der Besatzung der Festung Torgau. In der mit 
27 000 Menschen angefüllten Stadt herrschte in 
folge der ausgebrochenen Epidemien große Not. 
Aus die Nachricht von dem Ausgange der Schlacht 
bei Leipzig fanden täglich zahlreiche Desertionen 
statt. Der Kommandeur der hessischen Bataillone 
entsandte deshalb einen Offizier nach Darmstadt 
und erbat sich Verhaltungsmaßregeln vorn Groß 
herzog Ludwig 1. Nachdem der abgeordnete Offizier 
am 23. November wieder zurückgekehrt, und der 
Beitritt Hessens in Torgau bekannt geworden 
war, ließ der französische Kommandant der Festung 
Torgau die beiden hessischen Bataillone die Gewehre 
') Darmstädter Archiv: Ober-Kriegs-Kollegial-Akten, 
die Reorganisation des großherzvglichen Truppenkorps 
betreffend vom 13. November 1813 bis August 1814. 
Id. — Kleinschmidt, S. 261 (ohne genauere Einzelheiten). 
zusammensetzen, erklärte sie für kriegsgefangen, 
erlaubte ihnen jedoch freien Abzug ohne Waffen, 
wenn die Offiziere sich auf Ehrenwort verpflichteten, 
innerhalb Jahresfrist nicht gegen Frankreich zu 
dienen. Da die Offiziere dies beharrlich ver 
weigerten, wurde ihnen der Abzug mit Gepäck 
bewilligt. Sie kamen in einer Stärke von 
320 Mann anfangs Dezember 1813 in Darmstadt 
an, nachdem sie in Groß-Umstadt eine Quarantäne 
durchgemacht hatten. Prinz Emil, der bei Leipzig 
gefangen genommen worden war, kehrte mit seiner 
aus 130—140 Mann zusammengeschmolzenen 
Mannschaft aus der Haft nach Darmstadt zurück. 
Mobilmachung der hessischen Truppen. 
Ein Erlaßt) des grvßherzoglich hessischen Ober 
kriegskollegiums zu Darmstadt vom 30. November, 
die Einberufung der Soldaten betreffend, mahnt, 
„da ein großer Teil der zum Dienst einberufenen 
Soldaten bis jetzt, auf die ergangene Ordre, bei 
den Regimentern, Bataillons, Korps rc. noch 
nicht erschienen, die Versammlung derselben aber 
dermalen von der dringendsten Eile ist", alle 
Justiz- und Hoheitsbeamten des Großherzogtums 
zur ungesäumt thätigsten Befolgung des General 
reskripts vom 16. d. M. 
Donnerstag den 30. Dezember 1813 wurde 
vom großherzoglich hessischen Oberkriegskollegium 
„aus Allerhöchstem Spezial-Auftrag" ein Aufruf 
zur Bildung freiwilliger Iäger-Kom 
is» agnieen erlassen. Der Aufrufs beginnt: 
„Da in dem gegenwärtigen Zeitpunkte das Vater 
land die Gesamtkrast aller waffenfähigen Mann- 
®) Veröffentlicht in der (tzroßh. Hess. Zeitung für das 
Jahr 1813. 
s ) Ebenda.
	        

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