Full text: Hessenland (16.1902)

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In dem ersten Hefte, welches das interessanteste ist, 
heißt es u. a.: 
I. 
Jeder, der Unsere Universität Marburg, um zu 
studieren, besucht, soll innerhalb acht Tagen sich bey dem 
Prorektor melden, und sich gehörig immatrikulieren 
lassen. Verziehet er auf erhaltene Erinnerung noch 
länger damit, so ist er einer von dem Prorektor 
zu verhängenden willkührlichen Strafe unterworfen. 
II. 
Die Erfüllung der Religions-Pflichten, welche 
aus einem Triebe des Herzens kommen muß, über 
lassen Wir zwar dem Gewissen eines jeden; doch soll 
niemand mit dem, was andern heilig und ehr 
würdig ist, sein Gespotte treiben, oder die Feyer 
der Sonn- und Festtage durch Unfug und Lärmen 
stören, auch sollen bey willkührlicher Strafe vor En 
digung des gesammten Gottesdienstes keine Schlitten- 
ß'hrten gehalten werden. 
V. 
Da jeder Studierende sich durch Fleiß, Ordnung 
und eine gesittete Lebensart auszeichnen muß. und 
man gemeiniglich nicht mit Unrecht aus seinen Uui- 
versitätsjahren aus seine künftige Amtsführung und 
sittlichen Wandel schließen kaun; so soll dem, der 
keine Kollegia besucht, sondern sich dem Müßiggang 
ergiebt, so wie dem, der seine Zeit in Spiel- und 
Sausgelagen tobtet, (wenn die ihnen gegebene Er 
mahnung nicht fruchten will) das Consilium abeundi 
ertheilt werden, damit Unfleiß und unordentliche 
Lebensart nicht auch andere vergiften und den heil 
samen Zweck der Lehranstalten vernichten mögen. 
VII. 
Reu ankommende Studenten sollen von den ältern 
nicht beunruhiget, nicht zu Schmausen, Spiel- oder 
andere Ausgaben verleitet, am wenigsten aber 
wörtlich oder thätlich beleidigt werden. Jede Ueber- 
tretung dieses Gesetzes soll mit nachdrücklicher Strafe 
belegt werden. 
VIII. 
Alle Schlägereyen bleiben durchaus untersagt. Alle 
die, durch einen falschen Begriff scheinbarer Ehre 
verführt, sich verleiten lassen, jemand herauszufordern, 
oder sich aus die ergangene Aussorderung zu stellen, 
werden mit unabbittlicher Relegation bestraft. Eben 
diese Strafe leiden die Anhetzer, Secundanten, und 
diejenigen, auf deren Zimmer eine Schlügerey vor 
fällt. Weder die Ausflucht, daß nur Rappiere ge 
braucht worden, noch irgend ein erkünstelter Vor 
wand, um die Schlägerey weniger strafbar zu machen, 
soll rechtliches Gehör finden. 
X. 
Alle, welche die öffentliche Ruhe und Sicherheit 
stören, es sey aus welche Art es wolle, als mit 
Fenftereinwerfen, Ausbrechung der Thüren, Pereat- 
rusen, Gewaltthätigkeiten von aller Art gegen 
Fremde und Einheimische, sollen ohne Nachsicht mit 
scharfer Strafe belegt werden. 
XI. 
Das Schießen in der Stadt sowohl als zwischen 
den Gärten vor der Stadt, wird bey willkührlicher 
Strafe untersagt; dagegen bleibt die Studenten- 
Jagd jenseits Gißelberg in Ordnungsmäßigen Zeiten 
frey, wie auch das Schießen aus dem Kämpfrasen 
an der Wasserseite, in genügsamer Entfernung von 
den Gärten. Das Schießen in der Neujahrsnacht 
bleibt aber bey zehn Thaler Strafe verboten, welche 
Strafe auch die zu erlegen haben, auf deren Stuben 
geschossen worden. Das gefährliche Legen der 
Kanonenschlüge, und Wersen der Raketen in der 
Stadt, wird bey Strafe der Relegation untersagt. 
XII. 
Ob wir gleich jede erlaubte Lustbarkeit den 
Studierenden gerne gönnen, so erlaubt doch die Ab 
sicht, weswegen sie aus Universitäten sind, nicht, 
ihnen theatralische Vorstellungen zu verstatten; auch 
werden alle maskierten Bälle untersagt, so wie der 
Gebrauch der Masken überhaupt. 
XIV. 
Sämmtliche Ordens-Gesellschaften und Verbin 
dungen unter Studierenden sind nachdrücklichst unter 
sagt, und wird die Theilnahme an denselben nicht 
nur in Gemäßheit der aus der allgemeinen Reichs 
versammlung unter des teutschen Reiches Chur 
fürsten, Fürsten und Ständen im Jahre 1793 
getroffenen Uebereinkunst, nach welcher die nnnach- 
sichtlich erfolgende Strafe der Relegation, von 
Seiten der Universität, der Landes-Kollegien im 
Vaterlande des Relegierten, wie auch den übrigen 
Universitäten bekannt gemacht, ingleichen derselbe 
auf keiner anderen Universität in Teutschland aus 
genommen werden soll, wirklich geahndet; sondern 
auch ein Landeskind, welches diesem Verbothe ent 
gegen handelt, zu jeder Versorgung unfähig, und 
ein anderer Studierender, welcher in dergleichen 
Verbindungen sich hält oder begiebt, nach Höchst 
Landesherrlichem Ermessen und Befinden, zu keiner 
Anstellung und Beförderung in hiesigen Landen und 
Diensten zugelassen; und überdies derjenige, welcher 
sich unterstehet, eine solche Ordens-Gesellschaft zu 
stiften, oder dazu zu werben, er sey ein Jnnländer 
oder Fremder, noch mit Festungs-Arrest, dessen 
Dauer nach dem Grade der Verführung und der 
Schädlichkeit der Verbindung zu bestimmen ist, belegt. 
XVI. 
Das Tabaksrauchen aus öffentlicher Straße in 
der Stadt, wird hierdurch bey fünf Thaler Strafe 
(in der späteren Fassung der Vorschriften vom
	        

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