Full text: Hessenland (16.1902)

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drei Jahre in sichere AuZsicht gestellt, und wenn 
er sich ehrlich und redlich hielte, auch für ein 
viertes. 
Durch Konrads letzten Willen wurde außerdem 
ein anderes Familienglied bedacht: Gude Sütels. 
Der Priester bezeichnet sie mehrfach als seine 
junge Maid, auch als „Waffe", d. h. Base (hier 
wohl Nichte). Anscheinend führte sie Konrad den 
Haushalt. Das Testament sprach Gude jährlich 
einen Gulden zu, falls die Zinsen dazu ausreichten. 
Außerdem sollte ihr zukünftiger Ehemann einer 
der vier bleibenden Vorsteher der Stiftung werden. 
Endlich warf Konrad 400 Gulden aus, von deren 
Zinsen Mädchen seiner Verwandtschaft, abwechselnd 
mit armen Melsunger Bürgertöchtern, bei ihrer 
Verheiratung auszustatten waren. Sicherlich galt 
Gude Sütels auch hier als die nächste, welche 
Ansprüche auf diese Aussteuer erheben durste. Sie 
schien also für kleinbürgerliche Verhältnisse der da 
maligen Zeit keine ganz übele Partie zu sein. Ob 
dieser Umstand und ihre wirtschaftlichen Talente 
mitgewirkt haben, oder nur ihre körperlichen und 
seelischen Vorzüge den Ausschlag gaben, kurz und 
gut. Magister Johann fand bei seiner Rückkehr 
Gefallen an seiner Base. Einer ehelichen Ver 
bindung stellten sich aber schier unüberwindliche 
Schwierigkeiten in den Weg, da das kanonische 
Recht eine Heirat in der näheren Blutsverwandt 
schaft verbot. Über diese Schwierigkeiten setzten 
sich die jungen Leute hinweg, etwa um die 
selbe Zeit, als die Reformation in Hessen ein 
geführt wurde (im Oktober 1526). Natürlich 
blieb der Schritt nicht ohne böse Folgen. Der 
Priester Konrad war anscheinend sehr betrübt und 
aufgebracht über die Verbindung seines Neffen 
und seiner Nichte. Kurz vor seinem Tode, der 
im Frühjahre 1527 erfolgte, fügte er in sein 
Testament eigenhändig einen Nachtrag ein. Er 
bestimmte darin, daß irgend einer ans seiner 
Verwandtschaft zum dauernden Vorstande seiner 
Stiftung gehören sollte. Früher war Gndens 
Ehemanne diese Ehre zugedacht. Auch litt in der 
nächsten Zeit, wenn wir einer späteren Äußerung 
des Göttinger Stadtrats glauben wollen, Magister 
Johanns Ansehen und Weiterkommen,, er wurde 
„etzlicher Sache halben zurückgeschoben". Noch 
nach anderthalb Jahrzehnten machte ein feind 
seliger Amtsgenosse (Inst Jsermann) dem Magister 
Sutel die nahe Blutsverwandtschaft mit seiner 
Frau zum Vorwürfe. Ja, es blieb nicht bei ein 
fachen Vorwürfen. Johann sowohl wie Ende 
Sutel mußten arge Schmähungen über sich ergehn 
lassen.*) Und das übte neben andern Umständen 
*) Lubecus Bl. 253b zum Jahre 1542. 
| starken Einfluß auf ihr Leben aus; denn sie 
. waren nicht von so hartem Holze geschnitzt, um 
! übeler Nachrede ruhig die Stirn zu bieten. 
Johann war aller Wahrscheinlichkeit nach der 
j erste evangelische Rektor der Melsunger Schnle. 
In diesem Amte blieb er trotz der Verbindung mit 
seiner Base.*) Freilich ließen sich die Melsunger 
gewiß weniger durch den Glauben an seine Tüchtig 
keit beeinflussen als durch den Gedanken, daß er 
der Gemeinde ungewöhnlich billig kam. Er erhielt 
ja 20 Gulden aus Konrad Sütels Stiftung, und 
! allzu viel wird man ihm nicht dazu gegeben 
haben. Noch 1536 bezog der Melsunger Lehrer 
nur 26 Gulden Bargeld aus der Kasse des 
Hospitals, und zwar ohne daß er aus dem Sutel- 
schen Testamente eine Unterstützung empfing. 
Um das Jahr 1529 hörte für den Magister 
Johann der Zuschuß aus des Oheims Hinterlassen 
schaft auf. Nun setzte er offenbar alles in Bewegung, 
nm ein Pfarramt zu bekommen. Sein Freund, 
> der Pfarrverweser Johannes Lening in Mel 
sungen**), war damals noch nicht einflußreich genug, 
um durch seine Fürsprache viel zu wirken. Später 
hat er seine Macht zu Gunsten Sütels entscheidend 
in die Wagschale geworfen. Geradeste Freundschaft 
mit Johannes Lening, dem ehemaligen Mönche 
in der Karthause (Kloster Eppenberg) unter dem 
Heiligenberge, wirst ein helles Licht auf Sütels 
I Charakter. Lening war etwa sieben Jahre älter als 
jener und mehrere Jahre lang sein unmittelbarer 
Vorgesetzter, gewann aber nicht den mindesten 
Einfluß aus ihn. Es gibt selten schärfere Gegen 
sätze als in diesem Frenndespaare: Lening wirt 
schaftlich bis zum Eigennutze, einem guten Trünke 
nicht abgeneigt und in seinen religiösen Anschau 
ungen beinahe radikal, d. h. den Gegensatz zur 
katholischen Kirche, oft auch zu den konserva 
tiveren Glaubensgenossen scharf betonend, soweit 
es die Rücksicht ans den Landgrafen erlaubte; 
Sutel dagegen in ewiger Geldnot, nüchternen 
Sinnes und gelehrter Arbeit zugethan, im Streite 
der theologischen Parteien nach Möglichkeit ver 
mittelnd und die Unterschiede nach der Rechten 
hin überbrückend. In zwei Stücken findet sich 
nur einige Ähnlichkeit zwischen beiden. Einmal 
waren sie ihrer Obrigkeit gegenüber nachgiebig 
und entgegenkommend, vermutlich weil sie so das 
Wohl aller (und damit ihr eigenes) am besten zu 
fördern glaubten. Jedoch gab es auch Fälle, in 
denen sie ihre Selbständigkeit nach oben bewahrten. 
Lening konnte von dem Landgrafen nicht dazu 
gebracht werden, in der Abendmahlslehre sich dem 
*) Das Paar hatte wohl nachträglich eine förmliche 
Ehe abgeschlossen. 
**) Vgl. über ihn „Hessenland" 1898, S. 98.
	        

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