Full text: Hessenland (16.1902)

M 12. 
XVI. Jahrgang. Kaffil, 16. Juni 1902. 
Der junge 
I. 
Unter den Tiefen im Nebelmeer, 
In Finsternissen liegt die Welt. 
Die Macht des Lichtes ist zerschellt 
An wilder Riesen schwarzer wehr, 
Die sich, ein Wetterwolkenheer, 
Der Sonne kühn zum Kampf gestellt. 
Und kalten Auges stiert die Rächt 
Und freut sich ihrer Siegermacht. 
Und ihr zur Seite hockt der Tod, 
Der von der Sense längst das Rot, 
Des letzten Lebens warmen Schaum, 
Abstrich mit seines Mantels Saum . . . 
Die Nebel kreisen, es flutet und zischt 
Und auf der wogen brodelndem Gischt 
Treibt, den das paar zuletzt entthront, 
Der bleiche, starre, tote Mond 
versunken ist seine Krone . . . 
II. 
Auf einmal recken sich auf die Zwei, 
Doch auf der Lippe erstirbt ihr Schrei, 
Der Schrei in Schrecken und Staunen; 
Sie starren sich an und raunen . . . 
Und neuer Wolken finsteres Ljeer 
Und flutender Nebel stürmendes Meer 
Bäumt sich entgegen dem Feinde, 
Der fernher rudert durch nächtige Flut, 
Lin junger Riefe mit stolzem Mut . . . 
Er zerteilt die wogen und schüttelt das Haupt 
Und rudert und ringt und kämpft und glaubt! — 
wie wild ihn die Fluten wiegen, 
Die Wolken entgegen ihm fliegen. 
Er glaubt an ein königlich' Siegen. 
Und über dem starken Schwimmer 
Schwebt leise ein lichter Schimmer. 
R a us ch e »l> e rg. 
Sieger. 
III. 
Und nach dem schwarzen Kleid der Nacht 
Greift keck der jugendliche Fant, 
Stößt in den Nebelqualm mit Macht 
Den grimmen Tod mit rascher Hand, 
Ersteigt den Gipfel, wo das paar geruht, 
Und schürt, bis jäher Glanz erwacht, 
Zum Fimmel schlägt die rote Glut. 
Die Asche stiebt, der Rauch verfliegt, 
Der neue Morgen hat gesiegt. 
Und mit der Jugend Feuergeist 
Hebt er sein Lieb zum Himmelszelt; 
Der Nebel immer matter kreist, 
Und immer goldner glüht die Welt. 
Sein blaues Auge glänzt und lacht 
Herab von freier Berge Pracht. 
Des Todes Stirnreif schmilzt er ein 
Und singt dazu ein Schelmenlied; 
Dann setzt er sich aufs Felsgestein, 
Um das fein Adler jauchzend zieht, 
Und hämmert lustig Glied an Glied: 
Aus lichtem Gold sein panzerkleid! — 
Ein Siegfriedschwert, so lang und breit! 
Der Hochwald rauscht, die (Duelle rinnt, 
Aufwacht nun Freud' und Lust; 
Zn's Schlachthorn stößt der Morgenwind, 
Und seines Siegs bewußt 
Eilt dann zu Thal in blanker wehr 
Der Morgen und zieht vor uns her. 
Licht von den Höh'n flammt fein panier: 
In diesem Zeichen siegt auch Ihr! 
Valentin Craudt.
	        

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