Full text: Hessenland (16.1902)

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angenehmen Überzeugung, nicht gekannt zu sein. 
Um diese Überzeugung um so gewisser fassen zu 
können, ging der Prinz in den letzten Tagen des 
Januar mit dem Hoslakai Bachstedt ganz allein 
aus den Maskenball; die Sache selbst war sehr 
verschwiegen gehalten worden, und um gar kein 
Aussehn zu erregen, waren Herr und Diener in 
schwarze Dominos gleich gekleidet. Dennoch aber 
trieb die Bosheit in dieser Nacht ihr Spiel, und 
jener unglückliche Bachstedt, ein sehr braver Mann 
und Vater einer Familie von vier unerzogenen 
Kindern, wurde das Opfer eines ihm gereichten 
Giftkelches. Die Vergiftung selbst war nach seiner 
Angabe durch eine Maske in schwarzem Domino, 
welche ihm ein Glas Grog gereicht hatte, des 
Nachts gegen ein Uhr geschehen; er hatte sich kurz 
darauf sehr unwohl gefühlt. Schmerz und Erbrechen 
bekommen, was ihn genöthigt hatte, schnell nach 
Hause zu gehn, und so hatte er sich unter den 
fürchterlichsten Schmerzen die ganze Nachmitternacht 
herumgequält, bis es ihm am Morgen gegen 6 Uhr 
erst mit den Seinigen einfiel, nach Hülse zu schicken, 
und wurden mir dann um diese Zeit schnell hinter 
einander drei Boten geschickt.*) Ich begab mich so 
schnell als nur möglich zu demselben und fand ihn 
in der bedauernswürdigsten Lage und dem Tode 
nahe. Die Zeichen einer stattgehabten Arsenik 
vergiftung lagen zu hell am Tage, weshalb ich 
auch nicht verfehlte, hiergegen speziell die nötigsten 
Maßregeln zu ergreifen. Nachdem die erforderlichen 
Gegengifte verordnet und nebst anderen Heilmitteln 
angewendet waren, säumte ich nicht, schleunigst 
dem Prinzen von dem Unglücksfall Meldung zu 
machen und ihm den wahrscheinlich unglücklichen 
Ausgang der Sache wissen zu lassen. Dann wurde 
der Polizei Anzeige gemacht, und hieraus ersuchte 
ich nicht allein zu meiner Sicherstellung, sondern 
auch zum Heil des unglücklichen Kranken den Ober- 
Hofrat H , sich mit mir zu demselben zu 
begeben und mir in diesem höchst wichtigen Falle 
seinen Rat zu erteilen, welcher sich aber nicht sofort 
mit mir zu dem Kranken begab, sondern zuvor 
dem Kursürsteu von meiner Anzeige Meldung 
machte und dann nach einer halben Stunde mit 
dem Obermedizinaldirektor G zu dein 
Kranken kam, dessen Zustand sich bis dahin sehr 
verschlimmert hatte. Beide erkannten den 
Zustand des Kranken für Vergiftung, 
stimmten vollkommen mit meiner ihnen 
*) H. von Treitschke schildert im 3. Band seiner 
„Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert", Seite 533/ 
die Wirkung des gereichten Grogs, den Thatsachen wider 
sprechend, in nicht zu übertreffender Kürze mit den Worten: 
„Der Mann nahm, trank und stürzte vergiftet 
zu Boden." (!) D. Red. 
angezeigten Behandlungsart überein 
lind rieten außer noch einigen Senfpflastern als 
Gegenmittel nichts mehr an. — Schon gegen 8 Uhr 
war Bächstedt tot, und nach wenigen Stunden 
entstand bei den beiden obengenannten Herren der 
Gedanke, daß jenes Leiden auch eine Cholera ge 
wesen sein könnte und dann meine gereichten Gegen 
gifte höchst nachteilig gewesen wären. — Die Sektion 
wurde am nächstfolgenden Tage im Beisein vieler 
Ärzte von einer gerichtlichen Kommission unter 
nommen, und es ergab sich bald, daß sotvohl der 
Schlund als auch der Magen von einer Menge 
weißer Körner nicht allein entzündet und brandig, 
sondern sogar aus mehreren Stellen fast durchfressen 
waren. Dennoch aber stimmten die Herren G. 
und H. noch nicht vollkommen für Bergiftung, ja. 
es ging soweit, daß man mir sagen konnte, es sei 
möglich, daß jene weißen Körner die von mir in 
Mandelöl und Wasser aufgelöste Schwefelleber sein 
könnte, und nach dieser schönen Rede hätte ich 
denn erst durch meine Behandlung ein Mittel dem 
Kranken zugeführt, was als Gift hätte wirken 
können. — Auch riet man mir noch Mittel an, 
welche ich, wenn es wirklich Vergiftung gewesen 
wäre, hätte in Anwendung bringen sollen, worauf 
ich aber mit ganz dürren Worten entgegnete, daß ich 
ihren Rat mir am Krankenbette erbeten hätte, jetzt 
aber, nachdem sie den Orfilla Zeit gehabt Hütten zu lesen, 
könne mir der Rat am Sektionstisch nichts mehr nützen. 
Schon in den ersten Tagen begann die chemische 
Untersuchung des herausgenommenen Magens und 
dessen Inhalts, und es ergab sich bald, daß meine 
Aussage gegründet war, indem sich an 30 Gran 
Arsenik darin fanden. Daß diese bis dahin zweifel 
hafte Sache mich sehr beunruhigen mußte, war 
wohl außer Zweifel, indem mein Ruf dabei aus 
dem Spiel stand;' dennoch aber hatten die hohen 
Herren nicht einmal soviel schonendes Gefühl für 
mich, daß sie mich das Resultat der Untersuchung 
zu meiner Beruhigung hätten wissen lassen, wenn 
ich es nicht durch den Assessor F. gleich nach voll 
brachter Untersuchung wäre gewahr worden. Zentner 
schwere Steine wälzten sich mir bei dieser Nachricht 
vom Herzen, und nur darin fand ich hinreichende 
Ruhe, daß meine Ansicht gegen die der hochweisen 
Herren als die richtigere sich bestätigt hatte. Auch 
Se. Hoheit der Kurprinz nahm an der Sache für 
die Erhaltung meines Rufs vielen Anteil und 
ließen mich, nachdem sie die Nachricht über das 
Resultat der Untersuchung durch den Obergerichtsrat 
Sch gehört, es sofort wissen. Wenn zwar 
der Kurfürst mir den harten Vorwurf machte, daß 
ich, nachdem ich zum Kranken verlangt, nicht schnell 
genug bei Hand gewesen wäre, so ließ er mir doch 
noch durch den Hosmarschall v. D an dem
	        

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